Noch sind wir guten Mutes

Klar, um eine funktionierende Geschichte zu schreiben, fängt man flugs an deren Ende an und entwirft das Ganze rückwärts. Dazu braucht es keine Spiegelschrift oder sonstige besondere Fertigkeiten. Die Methode hat sich längst bewährt, bei dicken Romanen, vor allem auch beim Entwurf von Krimis. Was aber, wenn man das Ende noch gar nicht kennt?

Und wer kennt es schon, das Ende. Denn was wir hier nicht wollen, ist Fiktion. Davon gibt es genug. Überhaupt ein Narrativ… Wollen wir uns nicht viel mehr den Fakten widmen! Diese solange kommentieren, bis wirklich alles geklärt ist?

Nun zeigt sich schon in den ersten Zeilen, dass dieser Auftrag ein ganz dicker Brocken ist, oder besser so was wie ein unentrinnbarer Sisyphos-Stein. Aber wir haben ihn akzeptiert, der Vertrag ist unterschrieben und jetzt habe ich die beglückende Aufgabe, mit der Schreibarbeit zu beginnen.

Wer bin ich? ist eine unnütze Frage, es sei denn, sie stelle sich im Hirn eines Heranwachsenden. Gut, lassen wir nun, wie ein Maniker es tun würde, den Assoziationen freien Lauf: Die Hirnforschung hat uns längst degradiert. Wir seien lediglich Maschinen. Gute zwar, ja sogar aussergewöhnlich gute, die besten im Universum vielleicht – aber eben immer noch Maschinen, keine Götter, leider nein. Deren Denk- oder vielmehr Rechenergebnisse im Prinzip, und um dieses geht es schliesslich, vorhersehbar seien. 

Der Fehler bei dieser eleganten Metapher ist vielleicht der, dass keiner so schlau ist, beziehungsweise über genügend Rechenkapazität verfügt, um diese „vorhersehbaren“ Ergebnisse wirklich im voraus zu kennen. Übrigens auch kein Quantencomputer oder so was in der Art.

Und deshalb gibt es diesen Auftrag. Diese letzte Ungewissheit, dieser existentielle Zweifel, gilt es allen Widrigkeiten zum Trotz aufzulösen, wie Zucker im Kaffee. Na dann – viel Vergnügen.

Sicher. Es gibt schon genug Fachliteratur. Neurowissenschaftler zermartern sich ihre Gehirne, kreieren Tausende unwiderlegbarer Metaphern, um das Geheimnis einzukreisen, durchzunummerieren und dann zu sezieren. Da kommen auch schöne Sachen bei rum. 

Und ja, ich habe wirklich ein bisschen was davon gelesen. Thomas Metzinger zum Beispiel, oder Daniel C. Dennett. Oder bei den Klassikern des 20. Jahrhunderts, Albert Camus und Kollegen. Ich habe mich ein wenig in buddhistischer Meditation geübt. Und folglich weiss ich, mein Ich ist in Wahrheit gar keins. Vor Jahren schon habe ich Landmarken der Wirklichkeit selbst vermessen und abgeschritten. Natürlich ist mir auch das Cotard-Syndrom so vertraut, als hätte ich selbst… wobei an manchen Tagen… Ich habe sogar zur Kenntnis genommen, dass die Antwort auf alle Fragen schlicht 42 ist. Auch der philosophische Zombie, mit seiner unverschämten Version des Indischen Seiltricks, hat es mir, das war jetzt nicht schwer zu erraten, ausserordentlich angetan. Aber all die jahrelange Mühe, zu verstehen, was wirklich stattfindet, sowohl in den Tiefen des konkreten Universums, als auch nebenan auf dem fiktiven Bolzplatz – nein, nein, gescheitert, so weit würde ich nicht gehen. Immerhin kann ich heute bestimmte Lösungen als ungenügend zurückweisen und der Blick auf die einzig wahre Lösung wird nur noch durch den Schleier – ach dieses Bild kennen Sie auch schon…

Was ich noch sagen wollte, aber das versteht sich ja von selbst: Das hier womöglich noch zu Entwerfende, wird kein Beitrag zur Fachliteratur, sondern Spielerei bleiben. Wobei: ist nicht alles, auch die Wissenschaft, nur ein Spiel?

6 Kommentare zu „Noch sind wir guten Mutes

    1. Erwischt! Tom-ate hab ich vor einigen Jahren auf die Menschheit losgelassen. Dass sich noch jemand an den alten Tom erinnert… Neuerdings versuche ich mit Hull einen Neustart. Doch alsbald hat sich wieder so eine Tom-Figur eingemischt. Ich kann’s nicht lassen, bin offensichtlich dem Tomismus verfallen…

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      1. Genau! Seelengrund, ja, der Stefan, jetzt endlich fällt auch der Groschen meinerseits… Das ist halt schon eine Weile her. Wir hatten interessante Diskussionen, wirklich.

        Damals habe ich noch Wert auf Anonymität gelegt. Inzwischen sehe ich das anders. Ich versuche ja auch auf meiner anderen Homepage mich als Fotograf anzupreisen. Das geht besser mit Adresse…

        Auf den ersten Blick finde ich deinen Seelengrund-Blog nicht mehr im Netz. Dein neuer Blog gefällt mir mit der musikalischen „Begleitung“. Ich hab zwar nur kurz reingeschaut. Wenn ich mehr Zeit habe, werde ich dort weiter stöbern.

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      2. Wie klein die wor(l)d(press) doch ist! Ich hatte dich die Jahre immer wieder Mal gesucht, aber nicht gefunden… Nun habe ich deinen Schreibstil und deine Themen wiedererkannt, dazu das t.o.m. …

        Den Seelengrund musste ich vor kurzem aus Gründen des Selbstschutzes der Öffentlichkeit entziehen. Dann habe ich den neuen Blog gestartet.

        Liebe Grüße an dich!

        Gefällt 1 Person

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