Schatten der Vergangenheit

Ich würde gerne auf dein gestriges Argument vom… Hull, was hast du denn?

Ich, was soll sein?

Du schaust die ganze Zeit nur aus dem Fenster und siehst dabei ein bisschen merkwürdig aus.

Ach, nichts. Gestern ist da einer ums Haus rum geschlichen. Wollte nur kurz schauen, ob der vielleicht wieder auftaucht.

Hm, hast du die Person erkannt, also ist es jemand, den du kennst?

Luca, das kann ich gar nicht sicher sagen. Ich sah von weitem einen ungepflegten Mann mit altem, langem Mantel im Gebüsch herumschnüffeln. Da hatte ich so was wie ein Déjà-vu. Aber lass uns zum Thema zurückkehren, vielleicht habe ich mich doch getäuscht.

Wenn du meinst. Ich hätte ja gerne gewusst, wie du den Begriff Geist wegzauberst, wo er doch so offensichtlich und grundlegend…du weisst schon. Einverstanden, ich beweise ihn nicht wirklich, ich stelle einfach fest, er ist da. Ich denke, also bin ich. Wie könnte ich zum Beispiel die Existenz der Sonne beweisen wollen? Sie ist ebenfalls offensichtlich da. Wie soll das alles funktionieren ohne Sonne, ohne Geist?

Zunächst einmal würde ich sagen, nennen wir diese Vorgänge in der Summe doch bitte nicht Geist sondern Bewusstsein. Worte sind extrem bedeutungsschwanger, was da noch alles an Mitgemeintem, Wohlgelittenem und Tradiertem herum wabert – man sollte versuchen, Phänomene möglichst ballastarm zu benennen. Was Bewusstsein ist, ist ja durchaus verständlich und dieser Begriff kappt die Verbindung zu metaphysischem Gewölke, womit die Sicht auf die Funktion des Denkens und Fühlens frei wird.

Meinetwegen. Ich denke aber nicht, dass neue Begriffe deine Position so viel plausibler machen.

Ja. Nein. Zunächst geht es eben um die Wortwahl. Wir sind – leider – auf Sprache zur Kommunikation angewiesen. Sprache ist jedoch grundsätzlich missverständlich, selbst wenn alle Begriffe genau definiert wären, verstünde doch jeder wieder etwas anderes, weil jeder seine eigene Geschichte und somit seine Sprachsozialisation mitbringt. Hm, ich hatte mal vor Jahren… aber ich finde es nicht mehr.

Was?

Ein Essay über Sprache. Magie der Sprache war der Titel. Aber ich kann das Notizbuch nirgends mehr finden. Ich sollte endlich mal aufräumen.

Gut, Hull, aufräumen wäre wirklich keine schlechte Idee, wenn ich hier das Chaos so überblicke. Aber zurück zu deiner determinierten Zelle. Wenn alle Neuronen zusammen ein Gehirn bilden, ist es dann, dieses Gehirn, immer noch determiniert? Oder erzeugen die Milliarden Zellen mit ihren Billionen Verbindungen nicht eine neue Dimension, eine neue Welt. Erzeugt die schiere Masse nicht ein Universum mit schier unendlichen Freiheitsgraden?

Gute Frage. Der Begriff Freiheitsgrad stammt aus der Mechanik. Schon ein einziges komplexes Molekül besitzt schwindelerregend viele Freiheitsgrade. Und das Gehirn? Sollte es wirklich die Schallmauer der Determination zertrümmern können? Vielleicht ist das Hirn ja nicht komplett frei und ein theoretisch denkbarer Supercomputer könnte diese Mauer wieder aufbauen beziehungsweise ihre unsichtbare Existenz erstmal nachweisen. Aber wie gestern schon gesagt, in der Praxis spielt das keine Rolle. Und so wie folglich für die physikalisch grobe Welt der Zufall als Ausweg auserkoren worden ist, so wäre die Willensfreiheit der Bonus für die Funktion des menschlichen Gehirns.

Siehst du, Hull, die Freiheit ist gerettet.

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