Dunkle Zeichen

Lass mich mal zusammenfassen…

…ist das nötig? Immer diese Redundanz.

Hull, ich glaube, wenn ich deine Zettelchen richtig interpretiere, brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Das wird kurz, sehr kurz sogar. Denn viel Erhellendes kommt dabei nicht rum.

Hm.

Also: Wir hatten in Frage gestellt, dass es Freiheit, insbesondere Willensfreiheit gibt. Du hast auch den Zufall aus dieser Welt getilgt, alsdann darauf hingewiesen, wie fragil alles Wissen ist, das auf Sprache gründet. Im Gegensatz zur Sprache soll dann unser Gehirn völlig determiniert sein und unsere Aussenwelt ist bloss ein Konstrukt. Zudem ist unser Bewusstsein ein Ding, das mal auf- und wieder abtaucht; emergent ist es also. Schon Aristoteles sagte dazu: Die Summe ist mehr als die ganzen Teile oder nein, umgekehrt. War’s das? Haben wir den ganzen Neurozirkus endlich abgehakt? Dann könnten wir jetzt eine nette Pokerpartie starten.

Also, Luca, das… Nein, nein, wir haben erst angefangen, unsere kostbaren Gehirne zu sezieren. Da muss noch viel mehr kommen!

Ich fass‘ es nicht.

Ich schon. Lass mich anknüpfen an deine äusserst fruchtbare Zusammenfassung. Die Aussenwelt als Konstrukt – das ist kalter Kaffee. Was aber wirklich ans Eingemachte geht, ist die These, dass ich selbst, mein Selbstbewusstsein also, ebenfalls ein Konstrukt ist. Wenn unsere Sinne schon alles, die ganze Welt, rekonstruieren müssen, so wollen sie doch wissen, für wen sie das die ganze Zeit tun.

Tja, wenn du meinst. Buddha sagte schon vor zweieinhalb tausend Jahren, das Ich existiere nicht. Der Kaffee ist folglich noch kälter als deine bisherigen Thesen.

Luca, du warst doch auch schon ein bisschen konstruktiver. Was ist nur los mit dir?

Irgendwie bin ich zurzeit – auskonstruiert. Nun erzählst du mir, mein Ich sei ein Konstrukt. Na und? Nenn‘ es wie du willst. Ich bleibe trotz allem ein – Subjekt oder so.

Ha, Luca. Ein Subjekt! Was soll das sein? Erste, dritte Person-Perspektive. Wir kennen das Spiel. Und ja wir mögen Spiele. Aber die erste Person wird doch immer verdächtiger. Gibt es die überhaupt? Wir leben in einer objektiven, physikalischen, determinierten Welt. Darin existieren Gehirne, die diese Welt rekonstruieren, damit sie besser darin herum stolpern können. Und ja, jedes Gehirn behauptet, es sei ein Subjekt. Aber es bleibt doch einfach ein Gehirn und dessen abstruse Behauptung…

Luca begann sich ernsthaft Sorgen um Hull zu machen. Seine Zeit der grossen Zaubertricks schien endgültig vorbei zu sein. Er kam anscheinend nicht einmal mehr damit klar, dass er nicht ausschliesslich ein objektives Ereignis, sondern zugleich ein subjektives Würstchen war.

Hull, das eine schliesst das andere nicht immer aus. Mach deinen objektiven Geist ein bisschen auf, lass Spielraum zu, entdecke die Möglichkeiten.

Luca, die subjektive Seite der Welt existiert nicht, jedenfalls nicht wirklich. Sie ist nur ein Konstrukt des Gehirns und wahrscheinlich nur deshalb massenhaft verbreitet, weil die Gehirne irgendwann in der Kulturgeschichte eine falsche Abbiegung genommen haben. Ich, wir, alle, sind bloss Illusionen.

Und wenn wir eine andere Abbiegung genommen hätten, wären wir alle Zombies mit einem Cotard-Syndrom, die im Dunkeln herum tapsen, he?

So könnte man das formulieren… oder auch nicht. Nein, keine Zombies. Das Bewusstsein ist real.

Eben, Hull, das Subjekt, das Ich existiert wirklich. Ja, es ist bloss emergent und ja, frei ist es auch nicht. Aber ich bin immer noch das Ergebnis genau dieses einen, nämlich meines Gehirns und nicht das irgend eines anderen. Wir sind alle Individuen, die eine Geschichte mit sich herum schleppen. Die Geschichte vom eignen Sein. Diese Meinigkeit ist notwendig und kein kultureller Fehltritt.

Hm, ich glaube… also man glaubt, man müsste das Ganze vielleicht noch mal googeln, Luca.

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