Jäger des vergorenen Schatzes

Als Hull in seinen Spielsalon zurückkehrte, sah er, wie Luca in den überall herumliegenden Zetteln wühlte. Luca hatte sein Kommen gar nicht bemerkt, so sehr war er mit seiner Suche beschäftigt. Diese Zettel gaben leider nicht viel her. Da waren jeweils nur kurze Notizen über die Besuche von Lisa und ihm zu finden. Er griff nach dem Stapel alter, säuberlich durchnummerierter Notizhefte. Seine Wahl traf auf die Nummer 13. Er fing an zu lesen, zu blättern, wieder zu lesen… Er zuckte mit den Schultern.

Hull räusperte sich und trat gegen eine leere Bierbüchse.

Suchst du etwas – Bestimmtes, Luca?

Oh, Hull. Nö, ich hab mir hier nur ein bisschen die Zeit vertrödelt, ich dachte so, bis du so…

Klar. In den Heften steht ja auch nur, was wir in den letzten Jahren alles besprochen haben. Sozusagen die Essenz unserer gemeinsamen geistigen Bemühungen. Die Abstracts der Neurowissenschaften könnte man meinen, also einfach gesagt: alles kalter Kaffee.

Ja, und doch. Gut, dass du das… Ich meine, ich blättere doch ganz gerne wieder mal da durch.

Heft Nummer 13? Damals ging es um geschlechtsspezifische Unterschiede in der kognitiven Verarbeitung. Weisst du noch? Alles lief schliesslich auf die Frage der richtigen statistischen Interpretation hinaus. Also. Will man diese Unterschiede, so findet man sie, will man sie nicht, findet man sie nicht. Das war nicht wirklich überraschend. Natürlich gibt es verbindliche Regeln der statistischen Auswertung, aber…

Hull, das ist wirklich nicht so interessant. Was mich viel eher interessieren täte: Was bringt uns die Zukunft?

Die Zukunft? Warum?

Ja. Könnte man sein eigenes Leben klar voraussehen – und warum eigentlich nicht, in einem determinierten Universum – so wäre es vielleicht einiges angenehmer, sein Schicksal zu lieben, wie Nietzsche sagte.

Oh, ein Zitat, Luca, du verblüffst mich. Nun, ich denke schon, dass du ganz gerne einen Blick ins Gehirn unseres allwissenden, leider schon verstorbenen Regisseurs oder soll ich sagen: wenigstens in sein geniales – Drehbuch?, das er uns hinterlassen hat, ähm, werfen würdest.

Luca zuckte kaum merklich zusammen. Konnte es sein, dass Hull ihn durchschaut hatte? Neinnein, wie könnte dieser selbstverliebte Spinner je hinter die Gedanken anderer Leute spähen. Gedanken interessierten ihn sehr wohl, wie wir wissen. Aber nur in Bezug auf ihre grundlegenden Funktionen und Konsequenzen. Konkrete Inhalte hingegen waren ihm zu gewöhnlich. Solche hatte Hull ja in seinem eigenen Hirn schon reichlich zu begutachten. Was kümmerten ihn da die Sorgen und Nöte anderer Leute? – Dann plötzlich dämmerte ihm: Lisa. Seine Schwester, natürlich! Dabei hatte sie ihm doch versprochen, nichts zu verraten. Dieses Miststück. Nun durfte sich Luca aber umso mehr nichts anmerken lassen.

Nun, wir wissen ja, ein Drehbuch für jedes Wimpernzucken, das wäre zu aufwendig. Es genügen ein paar Grundgesetze und schon dreht sich alles folgerichtig im Kreis. Wir müssten doch in der Lage sein, aus der Mathematik der Gegenwart die richtigen Zahlenfolgen für die Zukunft abzuleiten.

Luca, die Fibonacci-Folge taugt, um das Wachstum einer Kaninchenpopulation zu simulieren, immerhin. Aber sobald eine Seuche oder eine Jagdgesellschaft dazwischenschiesst, bricht die elegante Prophezeiung schon entzwei.

Ja, aber wenn wir unseren Quantencomputer mit allen relevanten Formeln füllen und noch ein paar schnöde Fakten oben drauf geben, dann könnten wir doch… Ich meine, wir haben doch all die rekursiven Systemebenen, all die Emergenzen studiert. Das, was die Clowns da draussen dann einfach Autopoiesis nennen, wir kennen die wahren Hintergründe. Selbstorganisation, schön und gut. Dennoch gibt’s dafür Regeln. Hull, lass uns das ganz grosse Drehbuch rekonstruieren!

Hm, ja, Luca. Ich denke, ich rufe gleich Steven Alien Spielzwerg an und frag ihn mal, wie man ein wirklich geniales Drehbuch schreibt. Okay?

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