Es wäre zu deinem Besten

Nein, nein, so kann man das wohl kaum sagen. Wo kämen wir hin…

…Nun, Tom, dann möchte ich Sie aber jetzt wirklich fragen, ob Sie irgendwann einmal gedenken, der Realität ins Auge zu schauen.

Das war ein Wirkungstreffer, ohne Zweifel. Frau Doktor Engelhardt staunte selbst ein wenig über ihre forsche Ansage. Hatte sie sich von diesem nörgelnden ewig Pubertierenden etwa provozieren lassen und ihre professionelle Haltung über Bord gekippt? Nein, nein, man muss den Patienten manchmal auch eine Injektion verpassen, die sie aus ihrem behaglichen Wolkenkuckucksei herauskatapultiert und tja, ja eben auf den Boden der harten Realität aufschlagen lässt. Dort allerdings vermochten viele nicht ohne professionelle Krücken herumzulaufen. Aber eben, das war ja wohl ihre Aufgabe. Den Menschen zu helfen, mit der leider oft so brutalen Wirklichkeit zurechtzukommen und sie im Laufe der Zeit in ihrer Persönlichkeit soweit zu stärken, dass sie so etwas wie Selbstwirksamkeit oder genügend Ich-Stärke erreichen täten, auf dass sie dereinst alle Auseinandersetzungen fröhlich selber zu führen in der Lage sein würden…

… Die Realität? Aber Frau Doktor Engelhardt, haben wir dieses Monster nicht längst besiegt? Ich verstehe nicht recht, was Sie jetzt wieder von mir wollen. Habe ich meine „Ämtli“ etwa nicht gewissenhaft erledigt…?

…Doch, natürlich, Tom, das meinte ich nicht. Es ging mir mehr ums… ach, vielleicht haben Sie Recht. Aber wenn wir keine Realität anerkennen, dann leben wir in einer völlig beliebigen Welt, oder?

Ist sie das etwa nicht? Die Welt macht, was sie will. Ich kann mich nur anpassen oder sie ignorieren.

Sie können auch partizipieren, sich einbringen, etwas verändern.

Ha, Frau Doktor Engelhardt. Ich verstehe ja schon, dass Sie uns armen Seelen so etwas beizubringen versuchen. Aber das sind doch recht naive Vorstellungen. Haben Sie denn die Botschaft Hulls nicht verstanden? Determination, Evolution, haltloses Driften der Gene und Möglichkeiten! Alles nur ein Spiel. Auch Sie, Frau Doktor, bei allem Respekt, auch Sie sind bloss ein Spielball, der von unvorhersehbaren Kräften herumgeschleudert wird. Ihr Bewusstsein emergiert hier lediglich in einer zwangsläufig schon vorgespurten Art und Weise. Sie können gar nicht anders als Sie schon sind beziehungsweise geworden sind. Lesen Sie meine Notizen über Hulls Forschungen, Frau Doktor, und Sie werden verstehen, was Realität überhaupt sein könnte.

Nun gut. Sie können mir sicher jetzt eine genaue Definition der Realität geben, nicht wahr Tom?

Hm. Wissen Sie, Frau Doktor, früher, als ich noch jung war, also, viel früher, da dachte ich – und das ist der Punkt – es dachte einfach so vor sich hin: Die Rätsel sind alle da draussen. Das alles muss verstanden und ja, dann verändert werden, auf dass alles richtig werde. Also, anders gesagt, die Welt, die Natur, die Gesellschaft, all die Menschen, die muss man begreifen, dann kann man das alles steuern und verändern. Die Realität verstehen und gestalten. Ein Werbespruch für die Wahl sozusagen. Und wenn Wahlen nichts bringen, dann wird’s eine Revolution tun. Gerechtigkeit wird herrschen, sicher auf jeden Fall, das muss das Ziel sein. Das war alles lange Zeit implizit richtig. Schliesslich gab es kluge Leute, wie Thomas Morus, Marx und Engels und naja, Lenin, aber da fängt der Schmerz auch schon an. Dennoch, was gut war oder zumindest wäre, war bekannt. Es käme ja nur darauf an, das umzusetzen.

Tom, Sie brauchen mir nicht zu erzählen, wie real der real nicht mehr existierende Sozialismus einmal war. Gleich zitieren Sie mir noch den Quatsch, dass wer bis zwanzig kein Sozialist sei, kein Herz habe, aber wer mit dreissig kein Liberaler geworden sei, keinen Verstand habe. Sie wissen genau, dass ich mit dem Realitätsbegriff etwas viel Grundsätzlicheres meine.

Aber ja, Frau Doktor Engelhardt. Ich komme gleich zum ganz Grundsätzlichsten, kein Problem. Ich wollte nur… nun, eine Entwicklung meinerseits, aber Sie haben natürlich – wie äh, meistens – vollkommen Recht. Das war Quatsch. Ich weiss auch nicht warum ich immer abschweife.

Nun, Tom, die Realität.

Ja, eben. Frau Doktor. Wenn ich doch kurz… ähm, anknüpfen dürfte…? Also, früher: Realität, überhaupt, alles was es zu begreifen galt, war draussen, die Welt, der Planet, die Umwelt, die Gesellschaft, der Mensch. Aber dann gibt es einen Punkt im Leben, oder vielmehr, Punkte…, äh, ja, ich fasse mich kurz, schon gut. Mensch, ist das Stichwort. Er war das Objekt, das man verstehen wollte, auch den einzelnen durchaus, in seiner Funktionsweise. Also hat man Biochemie studiert, nicht wahr, Frau Doktor, auch Sie mussten ja vor langer Zeit einmal Biochemie studieren? Ist Ihnen da nicht aufgefallen, wie das Ganze so perfekt mechanistisch funktioniert? Die Zelle ist der Schlüssel zum Verständnis, wenn man die Gesellschaft verstehen will. Eine biologische Zelle ist nichts anderes als eine winzige, das heisst, unsichtbare, aber höchst komplexe biochemische Fabrik, die punktgenau liefert. Die die Entropie zielgerichtet und zuverlässig, eben mechanistisch, verarsch… ähm, überlistet. Energie liefert, zum Beispiel. Und dann kommt der Punkt, wo du begreifst, Denken, also Denken, ist eine kleine Bewegung im Universum, nun, wer hat das schon mal gesagt, war es David Hume? Egal, Verzeihung, Frau Doktor… wo war ich stehengeblieben?

Engelhardts Gedankenwelt trübte sich zunehmend ein. Was war das für ein endloses Geschwätz? Warum gelang es nicht, diesen Tom zu erden? Ihn einfach mit der Macht des faktischen Alltags so vertraut zu machen, dass er ihn irgendwann auch würde bewältigen können…?

Sie wollten mir – kurz – was über die „Entwicklung“ ihres Realitätsbegriffs erzählen, so weit ich das überschaue.

Aber ja. Das haben Sie – wieder einmal – sehr schön gesagt, Frau Doktor Engelhardt.

Nun?

Um mich kurz zu fassen. Was wahrlich schwer genug ist. Die Sache ist ja doch reichlich verzwickt. Nun, das Denken wird wohl eine Bewegung auf Basis von Hirnaktivität sein. Oder zumindest unter reichlich Mitbeteiligung des Gehirns, soweit sollte noch Einigkeit herrschen. Denken und Fühlen tut der Mensch mit Hilfe seines Hirns. Könnte man es dabei bleiben lassen? Das ist aber immer noch die Dritte-Person-Perspektive. Dann ist alles okay. Dennoch: jeder Hirnforscher ist doch auch ein Subjekt, oder nicht? Was ist, wenn er, oder sie, natürlich, Frau Doktor, oder das Diverse natürlich auch, also wenn so ein Mensch gerade denkt und fühlt. Was ist dann?

Was soll sein, Tom? Sie bemerkte, wie sie schon eine Weile mit dem Kugelschreiber in schneller werdendem Rhythmus auf den beinahe leeren Schreibblock klopfte.

Nun, da der, die oder das Denkende und Fühlende ein Hirnforschendes ist, wird es wissen, dass das, was stattfindet, das was gerade jetzt, also genau jetzt, real ist, eine Bewegung im Gehirn ist. Diese hat zwar ihren Bezug nach draussen. Schliesslich haben wir Sinnesorgane, die uns die Welt erschliessen. Nun, wenn nicht die Welt, so wenigstens unser Biotop, das was wir scheinbar brauchen, um durch Raum und Zeit zu driften, um evolutionär erfolgreich zu sein. Also zum Beispiel Farben, die es jedoch da draussen nicht gibt. Das Gehirn filtert bekanntlich die Wellen und schafft für uns Dumpfbacken eine Welt in vielen Farben, damit wir sie besser wahrnehmen können, beziehungsweise damit wir besser darin herumhüpfen können. Aber nicht, um sie besser begreifen zu können. Denn wie gesagt, Farben sind ja nur Krücken.

Krücken?

Ja, das Gehirn baut viele Krücken und wir mit unseren Händen schliesslich auch. Die ganze Welt ist eine Ansammlung von Krücken, nur um weitere Krücken zu bauen. Aber ich wollte noch etwas, also, zum Pudel, zum Kern, Sie wissen schon, Frau Doktor…

…Tom, vielleicht ist es für heute schon genug? Nicht dass Sie sich überanstrengen.

Ha? Genug…? Nein, nein, wo denken Sie hin. Wir fangen doch gerade erst an, Ordnung ins Universum zu bringen. Das können Sie jetzt nicht abwürgen. Hören Sie zu, Frau Doktor, das hirnforschende oder neurowissenschaftliche, wie Sie lieber wollen, Frau Doktor, das neurowissenschaftliche Wesen wird sich nun seiner selbst gewahr beziehungsweise der Welt und es begreift plötzlich, nachdem dieser Fakt so lange ignoriert worden ist, das Bewusstsein ist das Ding, was real ist. Ich denke, also bin ich. Dieser Satz ist gut, aber ungenügend. Richtig muss es heissen: Ich denke, also ist die Welt. Um die Sache abzukürzen, nicht der philosophische Materialist hat die Realität begriffen, sondern der Solipsist. Das ist eine unglaubliche Pointe der Kulturgeschichte! Aber so ist es. Real im engsten Sinne kann einzig meine Hirnaktivität und seine Denk- und Fühlbewegung sein. Natürlich verweist diese auf eine Aussenwelt, auf andere Menschen, auf die Gesellschaft. Immer vermittelt über Sinnesorgane. Natürlich weiter vermittelt über Medien. Das ist ein Spiel, Frau Doktor, also in dem Falle, spielen wir stille Post. Kennen Sie das, die stille Post, Frau Doktor? Ja, sicher, kennen Sie das. Das bedeutet, wir erachten Dinge da draussen als real, die unsere Sinnesorgane aus Medien saugen, die irgendwelche andere Gehirne aus dem Hörensagen über Ereignisse für uns formuliert haben, deren Augen- und Ohrenzeugen wiederum etwas wiedergeben, was deren Sinnesorgane angeblich erfasst haben. Die Wirklichkeit da draussen, Frau Doktor, ist eine Schimäre. Man kennt doch diese Rituale, die der gemeinsamen Selbstversicherung dienen, damit man sich immerhin einigermassen einig wird, was denn real sei.

Welche Rituale, Tom? Bei diesem Begriff wachte sie nochmals auf. Rituale sind schliesslich ein wichtiges Werkzeug für Psychotherapeuten…

Nun, nehmen Sie Donald Trump, ach das Thema ist ja vorbei, also besser nehmen Sie den Klimawandel, zum Beispiel. Der ist leider reichlich abstrakt, auch weil das Wetter immer dazwischen funkt. Deshalb ist das Konzept auch leicht angreifbar. Damit man es verteidigen kann – verstehen Sie mich nicht falsch, Frau Doktor, ich sage nicht, nein, ganz im Gegenteil, der Klimawandel ist real, hm, so real er eben sein kann, nicht wahr, Frau Doktor? Also, damit man den Klimawandel verteidigen kann, ach, das…nein, wissen Sie, das ist doch alles komplett falsch formuliert. Frau Doktor? Vielleicht haben Sie doch Recht? Vielleicht brauche ich wirklich eine Pause. Frau Doktor, sind Sie etwa eingeschlafen…?

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