Lunar Orbiter

Noch ein Käffchen?

Hm, eigentlich…

Eigentlich kein Problem. Komm schon, Regina.

Luna schob sie sanft in Richtung Caféteria. Regina Engelhardt seufzte.

Zeit habe ich eigentlich keine, aber okay, du hast Recht, ein Käffchen gönnen wir uns jetzt trotzdem mal.

Ja, Regina, Zeit haben wir eigentlich nie. Gerade deshalb sind Pausen wichtig, nicht wahr?

Luna entlockte dem Vollautomaten einen Cappuccino, obwohl es bereits nach fünfzehn Uhr war. Und sie wusste genau, nur Banausen trinken nachmittags noch Cappuccino. Aber das war ihr egal, schliesslich war dies hier definitiv nicht Italien und deshalb gab es hier praktisch nur Banausen, diesbezüglich wenigstens. Lunares Lächeln…

Regina gönnte sich einen Espresso. Das hingegen geht immer. Nur wusste sie das gar nicht.

Sag mal. Was läuft auf deiner Abteilung so? Man hört da so Einiges.

Hm? Wie kommst du denn da drauf. Läuft alles wie immer. Die Kunden sind schwierig und auf diesen Status haben sie ja durchaus auch Anrecht, oder nicht? Regina fixierte Luna mit ihren himmelblauen Augen und lächelte.

Ja, klar, Regina. Also, was man so sagt…

…Luna, mich interessiert dieser ganze Klatsch über meine Abteilung nicht. Das B2 könnte mein Reich bleiben, selbst wenn sie mir jetzt wirklich einen Oberarzt vor die Nase setzen. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Ich kann die Station ja auch gut ohne leiten, oder sagen wir so. Die konsiliarische Beratung durch Ebert hat die letzten Jahre völlig ausgereicht, warum sollte das nicht weiter so laufen?

Vielleicht… vielleicht weil der Ebert das nicht mehr will? Der ist ja auch schon sechzig, der will bestimmt kürzer treten.

Quatsch. Der braucht doch gar nix tun aufm B2. Ich bin doch mein eigner Oberarzt, sozusagen. Oder zweifelt denn jemand an meiner Kompetenz?

Behüte? Nein, das weisst du. Nie hab ich irgendwas gehört, was…

…Dann lass den Quatsch. Ich dachte, wir wollen hier eine gemütliche Kaffeepause machen. Aber, ja. Wer weiss, wie lange, ob ich überhaupt…

…Jaa, Regina, sicher. Sag mal, was macht denn dein neuer Patient, der ist bipolar, nicht wahr?

Der Tom? Der ist so neu auch nicht mehr. Seit fünf Wochen hängt der hier rum. Nein. Eigentlich ist er sehr motiviert. Der will sowohl Einzel- wie auch Gruppentherapie machen. Das Problem ist nur…

…Du hast’s gut. Motivierte Patienten! So was sähe ich auch mal gerne. Aufm A3 ist das nicht im Angebot.

Selber schuld, wer auf ner Akutstation arbeiten will…

…Also, was ist mit diesem Tom. Die ganze Klinik spricht mehr oder weniger von ihm.

Schweigepflicht… Regina lachte.

Luna sah sich um. Hört keiner zu, Regina. Wir machen doch einfach eine kleine Fallbesprechung.

Ja, Tom, das ist einer, der passt nicht in diese Welt… Nicht nur er, klar. Aber er ganz besonders nicht. Der kommt von einem andern Planeten, aus der Zukunft, aus einer grausamen Zukunft. Regina starrte Löcher in den Tisch vor ihr.

Was redest du da…?

Ja, doch. Sein Problem ist dieser Hull. Eine Figur, die er sich höchstwahrscheinlich nur ausgedacht hat. Aber er fehlt ihm sehr, er sucht ihn überall, sogar in meinen Schreibtischschubladen. Deshalb ist er überhaupt hierher gekommen.

Jaa…?

Er behauptete zu Beginn, Hull würde hier seit fünf Jahren im Koma liegen. Er wüsste aber, wie er ihn retten könne. Nur er, natürlich.

Hm.

Und da war schnell klar: Unser Tom war manisch.

Und inzwischen?

Ha. Er ist es immer noch. Trotz Hammerdosen Aripiprazol und Lorazepam. Dem sein Stoffwechsel haut das alles weg.

Und wieso ist er nicht auf Akut?

Das war seine Bedingung. Ich habe ja zufälligerweise das erste Gespräch mit ihm geführt, du erinnerst dich noch an die Story? Hull hier, Hull dort, alles war Hull für den armen Kerl. Und ja, diese Geschichte wurde dann zum Eintrittsgespräch. Ich musste ihm versprechen, dass er auf eine Psychotherapiestation käme. Okay, da war meine dann prädestiniert für, nicht wahr.

Klingt so, als würdest du den Schritt bereuen.

Nein, ja. Was weiss ich. Er ist einfach ziemlich speziell irre. Anders als die andern. In der Gruppentherapie wird der arme Kerl regelrecht gemobbt. Die wollen mit ihm nichts zu tun haben. Gestern, da hat er mir wieder eine Story erzählt, das kann man sich ja gar nicht ausdenken, so was. Ich war danach auch fix und fertig.

Was hat er denn…?

Er sei in der Stadt in Hulls Café gewesen. Hull habe sich wie ein kleines Kind gefreut, ihn endlich wieder zu sehen. Nur habe er eine sehr merkwürdige Geliebte, Lisa, die mit ihm dort gearbeitet habe. Vom Alter her könnte sie seine Tochter sein. Diese Beziehung habe ihn sofort sehr beschäftigt, wahrscheinlich sei er auf der Stelle eifersüchtig geworden. Er habe dann aber einen Espresso getrunken und dadurch sei die Welt plötzlich aus den Angeln geraten.

Hm.

Er habe noch gedacht: Hull, du alter Schelm, was hast du mir in den Kaffee getan? Was er dann beschrieben hat, ist kaum mehr verständlich. Ein psychotischer Schub, anders können wir das nicht definieren. Er sagte was von kleinen Androiden aus der Zukunft, die auf seinem Tisch herumtanzten. Das sei eine sehr düstere Prophezeiung gewesen, oder so. Jedenfalls seien er, diese Lisa und – stell dir vor – ich in diese Androidfigürchen verwandelt worden. Wir seien in Wirklichkeit so was, wie Avatare, die das Ende der Welt in einer unvorstellbar grausamen Zuspitzung erleiden würden. Oder so ähnlich. Das war alles vollkommen absurd.

Hm.

Und doch muss ich ihm in einem Punkt irgendwie Recht geben.

Echt, Regina… Wa…?

Nun, er meinte, ich könne ihn sowieso nie verstehen, weil garantiert nie ein Mensch einen anderen verstehen könne. Es sei grundsätzlich ausgeschlossen, dass ein Subjekt das Bewusstsein eines Gegenübers erschliessen könne. Diese Welten seien von Anbeginn und für immer hermetisch getrennt und unsere Fähigkeiten, uns auszutauschen, würden lediglich auf oberflächlichstem Signalaustausch, wie „Ich Hunger! Du auch? Nein, warum denn nicht? Ich aber schon, was ist los mit dir?“ beruhen. Unsere Innenwelt sei vollkommen und für immer verschlossen und das sei der Grund für die pandemisch auftretenden Depressionen in der Welt. Weil insgeheim wüssten die Menschen, dass sie in ihrem Inneren wie in einem Gefängnis völlig verloren seien und jeglicher Austausch reine Illusion sei. Er habe es mit Schreiben versucht, aber dann feststellen müssen, dass selbst das Lesen seiner Sätze für fremdes Bewusstsein nicht den Sinn zu erzeugen vermochte, den er für sich so selbstverständlich erlebe. Diese Erkenntnis sei niederschmetternd. Die Welt bleibe für immer auf das Ich reduziert und genau dieses, das sei ja der Treppenwitz der Evolution, existiere zudem gar nicht. Alles sei nur ein Spiel, eine Simulation, etc. Du weisst schon, dann rezitiert er jeweils aus dem „Ego-Tunnel“ von Metzinger. Das war irgendwie sein geistiges Ende, dieses Buch. Aber…

…Und warum musst du ihm Recht geben? Ich hab den Punkt noch nicht, Regina. Luna musterte ihre Kollegin etwas besorgt.

Ach Luna. Es gibt so Momente, da macht es… du weisst schon.

Nein.

Eben. Ha! Ha.

Hmhm…?

Wenn Tom, dieser verdammte Solipsist, Recht hat, dann ist unser Beruf die grösste Lachnummer, die man sich vorstellen kann. Wozu reden wir mit den Kunden? Wir verstehen sie nicht. Wir beurteilen die nur mit Hilfe einer imaginären Norm. Wir haben Schubladen für sie und Psychopharmaka. Mehr nicht. – Luna, du wirst es nicht glauben…

…Was denn?

Ich habe jetzt, soeben, beschlossen, diesen elenden Beruf aufzugeben. Ich werde meine verbleibende Zeit nutzen, um meinem Innersten Ausdruck zu verschaffen. Ich werde Werke schaffen, die meinen geschundenen Emotionen Arme, Beine und vor allem eine Stimme verleihen, die aus mir herausquellen wird, die den Menschen ins Gesicht brüllen wird! Da muss einiges raus, verstehst du, Luna?

Was? Nein, ich verstehe überhaupt nichts. Spinnst du, Regina? Du kannst doch dieses wohlige Nest hier nicht einfach verlassen? Hier ist doch alles perfekt. Wir helfen armen Seelen wieder auf die Beine zu kommen. Was soll denn daran falsch sein?

Nichts. Aber richtig – das fühlt sich eben auch anders an.

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