Letter reader

Hull öffnete den Briefkasten. Die üblichen Rechnungen, Werbung und Bettelbriefe – doch halt, da lag noch ein kleines hellblaues Kuvert, handschriftlich adressiert. Nun, adressiert ist zwar nicht ganz korrekt, denn da stand nur „Für Hull“, ohne Absender.

Zurück an seinem Küchentisch öffnete er diesen einen Brief und begann zu lesen:

Sehr geehrter Herr Hull

Ich schreibe Ihnen, obwohl Sie mich sehr wahrscheinlich gar nicht kennen. Diesen Umstand bitte ich Sie zu verzeihen. Gestatten Sie auch, dass ich mich kurz vorstelle. Sicher denken Sie jetzt, ich möchte Sie um Geld anbetteln oder dann zu Jesus bekehren. Ich garantiere Ihnen, dem ist nicht so. Also, ich bin die Regina Engelhardt, Assistenzärztin in der hiesigen Psychiatrie. Ich habe viel von Ihnen und Ihrem Werk gehört und gelesen und möchte Ihnen einen Deal, wie man heute so schön sagt, vorschlagen.

Natürlich werden Sie jetzt denken, was soll das und diese Zeilen gar nicht verstehen. Aber der Reihe nach. Ich erkläre Ihnen alles. Tom hat mich auf diese Spur gebracht, die zu Ihnen führt. Sie kennen ihn ja nur zu gut. Er hat mir viel über Sie erzählt. Was heisst viel. Er hat tagelang nur über Sie gesprochen. Sie ahnen vielleicht schon, Tom ist oder besser war einer meiner Patienten. Nachdem ich etwas Klarheit darüber bekommen habe, was er mir über Sie mitteilen möchte, behauptete er auf einmal, er habe Sie bloss erfunden. Alles sei nur eine Geschichte gewesen. Eine erfundene. Er sei Schriftsteller und Sie seine Hauptfigur in einem noch zu vervollständigenden epochalen Roman über die Entdeckung der emotionalen Raum-Zeit-Subjekt-Konstante, der eigentlichen, aber noch geheimen und nicht minder geheimnisvollen Urkraft im Universum, die es nun endlich zu erforschen gelte.

Das hat mich stutzig gemacht. Denn wenn jemand so eine epochale Entdeckung gemacht haben sollte, dann hätte es niemals Tom und schon gar nicht für einen Roman getan. Ich denke, das war ziemlich logisch. Folglich durchsuchte ich Toms Zimmer und fand tatsächlich viele Aufzeichnungen, handschriftliche Notizen, die alle auf die Existenz eines leibhaftigen Hull hindeuteten. Ich bin mir nun ziemlich sicher, Herr Hull, dass eben Sie derjenige sind, dem diese Notizen eigentlich gehören. Wie Tom dazu gekommen ist, weiss ich natürlich nicht. Ob Sie sie ihm freiwillig überlassen haben oder ob er sie entwendet hat – Sie, Herr Hull, Sie könnten diese Frage garantiert klären. Damit Sie aber auch sicher sein können, dass es sich wirklich um Ihre Notizen und nicht um ein von mir in die Welt gesetztes Gerücht handelt, zitiere ich im Folgenden kurz aus einem Ihrer Papiere:

Heute habe ich Lisa und Luca auf die Probe gestellt. Das Ergebnis war ernüchternd… Das ging so: Ich gab beiden die Aufgabe, ein Zweieck, das eine Fläche einschliesst und gerade Seitenlinien hat, zu zeichnen. Was Zweieck? lästerte Luca sofort. Es gibt Fünf-, Vier- und Dreiecke, aber sicher kein Zweieck. Versuch es einfach, denk nach. Eine Linie mit Anfang und Endpunkt, sagte Lisa. Du auch, Lisa, streng dich an. Keine Ahnung hatten die beiden. Auch nach einer halben Stunde konnten sie die Aufgabe leider nicht lösen. Das war sehr, sehr deprimierend nach all den Studien und Übungen, die wir seit Jahren unternommen hatten…

Gib uns die Lösung, Hull, wenn es denn eine gibt. Denn eigentlich ist ein Zweieck überhaupt nicht möglich!

Ihr Dumpfbacken. Denkt doch endlich mal in neuen Dimensionen. Wenn ich euch ein Blatt Papier gebe und sage, zeichnet ein Zweieck, dann denkt ihr einfach flächig weiter, wie dieses Blatt nun mal ist…? Hä? So gewinnt ihr nie wirklich neue Erkenntnisse. Los! Zeichnet eine Kugel, macht eine Ecke am oberen Pol, die andere am unteren und verbindet diese mit einer Linie und dann mit einer zweiten. Ein Kugelzweieck mit einer beliebig grossen Fläche. War das jetzt so schwer?

Das ist ein typisches Beispiel für Ihr geniales Denken und ihren unnachahmlichen Stil, den Leuten die kompliziertesten Dinge beizubringen. Nun, didaktisch könnte ich mir zwar noch ein wenig mehr Feingefühl vorstellen. Doch haben Sie ihren beiden Privatschülern immerhin allerhand beigebracht, wenn ich den Ausführungen Toms Glauben schenken darf.

Und das, mein lieber Hull, bringt mich auf den eingangs erwähnten Deal zu sprechen. Ich habe meinen Dienst als Assistenzärztin in der Klinik gekündigt, schon auf Ende nächsten Monats. Nun, nein, nein, ich möchte Sie nicht als meinen Nachfolger vorschlagen, das nicht. Obwohl, Ihnen traue ich so ziemlich alles zu, so dass Sie wohl auch dieser Aufgabe gewachsen wären. Mein Vorschlag, oder vielmehr meine Bitte lautet: Könnten Sie sich – Sie als früherer Magier, der Sie ja auch einmal waren – vorstellen, in der Klinik ein Teilzeitpensum als Hilfsergotherapeut anzunehmen? Die Patienten würden sich garantiert sehr freuen, wenn Sie ihnen Ihre weltberühmten Kartentricks beibringen würden.

Bitte denken Sie über dieses Angebot nach. Ein positiver Bescheid würde mich doch sehr freuen und auch Tom hätte garantiert seinen Spass daran, da bin ich mir absolut sicher.

Sie erreichen mich gerne unter…

Hull lächelte säuerlich und legte den Brief zur Seite. Letztlich drehte sich doch alles immer um die eine doppelte Frage: Bin ich der, der ich wirklich sein möchte oder ist das hier alles nur ein Fake?

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