Toter im Spiegel

Hull, wir müssen reden.

Hm, ja. So fangen die ernsten Szenen an. Ich meine im Kino, im Film. Beziehungskrisen und so. Wüsste nicht, dass wir solche Probleme hätten. Hull versuchte es mit einem Lachen.

Nein, wir sind nicht verheiratet, klar. Aber eine Beziehung – so könnte man das schon nennen. Schliesslich versuche ich den Menschen zu begreifen, indem ich den ultimativen Roman über dich schreibe.

Ach, Tom. Vergiss es und entspann dich. Mich wirst du nie „begreifen“. Und sollte es nicht besser verstehen heissen?

Was nie? Warum denn nicht? Was sollte so schwer daran sein, eine Hull-Biografie zu verfassen? Das Problem ist, es soll nicht irgendeine werden, sondern die Biografie schlechthin. Eine die alle Leser und anderen Gender vollständig verändert zurücklässt. Eine Biografie, die den Menschen in seinen Grundfesten erschüttert.

Du willst die Leute erschrecken, ins Chaos stürzen, ihr Selbstbild demontieren oder so was? Wozu soll das gut sein? Wer würde sich das antun. Tom, du bist ein Dummkopf.

Dummkopf, gewiss, natürlich. Aber das macht nichts. Du hast Recht. Erschüttern sollte man die Menschen. Ihre Selbstgefälligkeit durchlöchern, ihre Selbstgewissheit vertreiben. Aber nein. Ein Roman kann das nicht. Das würden nur beinharte Fakten schaffen.

Aber wozu? Es ist doch alles nahe am Optimum. Das Leben kann so schön sein.

Optimum…? Ein Optimum an Ungerechtigkeiten, Selbstzerstörung und Selbsttäuschungen. So würde ich das nennen. Die Menschen haben ein grauenhaftes System geschaffen, in welchem sie selbst gefangen sind.

Nein, Tom. Du bist wirklich ein Dummkopf. Das alte Europa hat seinen Zenit überschritten, ja, das ist offensichtlich. Aber die Gesellschaft dümpelt, allen Krisen zum Trotz, in schöner Dekadenz am Rande dieses Optimums, also am Rande dessen, was uns überhaupt noch möglich ist, herum. Und wird das wohl noch eine schöne Weile so tun. Also entspann dich und geniesse die Sonne. Schliesslich ist der Frühling da und am Ende zählt nur das. Die Summe der positiven mentalen Zustände.

Mir geht es doch nicht, nicht in erster Linie jedenfalls, um Politik. Der Mensch soll zu sich selbst kommen. Er soll sich mal im Spiegel sehen, aber nicht was ein Narzisst dort sieht, sondern was die nüchterne dritte Person mit wissenschaftlichem Anspruch wahrnimmt.

Ha, Tom. Du bist wirklich ein wundersamer Dummkopf. Ich habe Jahre, Jahrzehnte im Labor verbracht, um den Menschen aus der Dritten-Person-Perspektive zu sezieren. Das Resultat: Immer bleibt ein Schlupfloch für Geistergeschichten. Und niemanden interessiert das heute noch. Die Simulation der Wirklichkeit ist so perfekt, wenn es denn eine Simulation ist, dass jeder in seiner Funktionslust komplett aufgeht. Da ist kein Platz für Selbstzweifel. Und wozu sollte das denn gut sein? Was hätten wir davon, wenn wir uns als determinierte Maschinen begreifen würden? Uns reicht es, wenn wir Käfer sezieren und diese als determinierte Maschinen betrachten. Bei uns selbst fühlt sich das einfach anders an, verstehst du Tom? Die Willensfreiheit, die Qualia-Debatte, wozu? Warum sollte es auf ein Entweder-Oder hinauslaufen. Wir sollten mit einem Sowohl-als-auch zufrieden sein.

Ja, das habe ich auch schon wo gelesen. Ich bin also sowohl ein determinierter Käfer als auch ein freier Gott. Klasse. Es gibt subjektives, das heisst, unerklärbares Erleben und zugleich gibt es das nicht. Na schön. Wir werden wohl nie nichts verstehen. Hull, helfen dir eigentlich deine Kartentricks weiter?

Und wie. Die lenken mich und vor allem die Zuschauer ab. Funktioniert super. Und alle haben Spass. Aber was wolltest du eigentlich mit mir bereden…?

Hm.

7 Kommentare zu „Toter im Spiegel

    1. Ein bisschen Realismus kann man in diesen Episoden vielleicht trotz allen Klamauks finden. So versuchen ja Hull, Luca, Lisa und Regina den Menschen, als konkretes Gegenüber, als Abstraktum, zu begreifen und zu verstehen, je nach Situation. Ja, sogar der alte Tom versucht das auf seine unbeholfene Art. Merkwürdig, dass es immer wieder nur Versuche sind. Versuche, die leider auf teils absurde Art scheitern. Scheinbar wird kein Ziel erreicht, kein Sinn erfasst. Und das ist vielleicht schon das Fazit der ganzen Geschichte. Aber ich will nicht vorgreifen. Eventuell folgt der ganz grosse Wurf noch…

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      1. Was soll das heißen, „nur Tom“? Du hast selbst geschrieben „den Menschen, als konkretes Gegenüber, als Abstraktum, zu begreifen und zu verstehen, je nach Situation“. Vielleicht ist Camus‘ Denken auch „nur ein Versuch“, vielleicht ein „auf teils absurde Art gescheiterter Versuch“.

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      2. Tom ist ja bei weitem kein Philosoph, vielleicht müssten wir eher Hull fragen? Der ist leider gerade im Osterurlaub. Aber so wenig wie ich überblicke, hat Camus das existenzielle Dilemma des Menschen schon ziemlich gut beschrieben. Die Konsequenz daraus ist bekanntlich die Erkenntnis, ein absurdes, also im Grunde recht bedauernswertes, Wesen zu sein; und dieses Urteil dann auch noch freudig anzunehmen. „Wir müssen uns Hull als glückliches Wesen vorstellen“, so ähnlich hat es Camus formuliert. Daran kaut Hull wohl in seinem fröhlichen Osterurlaub herum.

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