Im Zwielicht

Quirin setzte sich an den Tisch auf der Terrasse direkt gegenüber dem älteren Herrn, der ihn aus tief stehenden, müden Augen musterte und einen Kaffee rührte. Er dachte: Das hier ist er nun. Also. Der alte Mann schien ihn erwartet zu haben, denn er sagte nach einer knappen Begrüssung: Gut, dass Sie Zeit für mich haben.

Quirin öffnete seine Tasche und nahm einen Notizblock und einen billigen Kugelschreiber hervor. Auf seinem Handy startete er die Aufnahme.

Sind Sie bereit? Soll ich erzählen oder stellen Sie mir Fragen?

Äh… Quirin überlegte kurz, dann war ihm klar, was zu tun war. Die Fragen kommen später, vielleicht. Erzählen Sie mir einfach ihre Geschichte. Am besten vom Ende her rückwärts. Die Leute lieben das.

Wie Sie möchten. Nun. Es ist eine Weile her, dass ich mit Menschen geredet habe. Deshalb. Ich meine, Sie benötigen vielleicht etwas Geduld, da ich nicht mehr gewöhnt bin… Das sagte ich bereits.

Der Mann verstummte. Quirin dachte, das kann ja noch… aber ja, Geduld. Geduld, eigentlich war das eine seiner Stärken. Ein guter Journalist, und von denen gab es leider nicht mehr viele, ein guter Journalist musste Geduld mitbringen, bei der Themenwahl, bei der Recherche, beim Interview, ja, sogar manchmal beim Schreiben. Für die Recherche hatte er nun schon zwei Wochen aufgewendet. Er hatte die Gerichts- und Polizeiakten studiert, das karge Umfeld des Mannes befragt, das Internet abgeklappert, Blogs durchwühlt, immer auf der Spur dieser Geschichte. Und sie versprach, interessant zu werden. Die Geschichte, die ihm dieser alte Mann nun hoffentlich zu Ende erzählen würde.

Nun?

Ja… Herr Schmitz. Das war so. Also, ich wurde dann entlassen vor zwei Monaten… Äh, richtig so, wenn ich mit dem Ende anfange?

Ja, das ist perfekt.

Okay. Ich wurde entlassen, aus dem Strafvollzug, wie Sie ja wissen. Ich war sieben Jahre im… nun ja, im Knast. Wegen guter Führung vorzeitig entlassen, verstehen Sie?

Ja. Gut.

Dass Sie keine Fragen stellen, wissen Sie, das irritiert mich schon ein bisschen.

Hm, soll ich Ihnen Fragen stellen? Ich meine, wäre es besser für Sie, wenn…?

Nein. Hören Sie. Vielleicht schäme ich mich nur ein wenig.

Verstehe. Das gibt sich. Sie brauchen sich für nichts zu schämen.

Ja. So ist es. Schliesslich habe ich nichts getan.

Nichts getan?

Quirin Schmitz biss sich sogleich auf die Zunge. Der Alte hatte ihn tatsächlich von seinem Plan abgebracht. Womit denn? Mit nichts. Er sagt einfach – nichts. Dann muss man ja fragen.

Nein, nichts.

Sie sassen doch wegen Doppelmord ein. Klar, es war ein Indizienprozess und ich weiss, Sie haben nie gestanden. Aber die Hinweise waren schliesslich doch erdrückend und eindeutig. Sie haben ihre Strafe abgesessen. Sie können also in Ruhe über die Tat sprechen.

Ich habe niemanden umgebracht. Das Ganze war eine Farce, ein Justizirrtum, eine Grausamkeit des Schicksals oder… nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber ich weiss. Ihre Leser wollen eine andere Geschichte.

Nun, die Leser wollen die Wahrheit erfahren. Und wir werden diese Wahrheit jetzt gemeinsam definieren. Okay? Herr Hull, helfen Sie mir bitte, die Wahrheit über ihren Fall zu veröffentlichen.

5 Kommentare zu „Im Zwielicht

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