Dr. Jekyll and Mrs. Hyde

Jaaaaaaaaaaaaaa!

Regina Engelhardt atmete schwer. Ihre Augen irrten umher, streiften die artigen Vernissagebesucher Blitze werfend. Endlich war es soweit.

Hier ist es! Schaut es euch an! Schaut es euch gut an! Das seid ihr! Ihr seid das! rief sie den zunehmend irritierten Leuten entgegen.

Sie riss den Vorhang einen unartikulierten Schrei ausstossend herunter. Die Galeriebesitzerin, Frau Dr. Angelika Neubauer war hin und her gerissen zwischen Begeisterung für diesen, wie sagt man so schön? avantgardistischen Auftritt ihrer neuen Künstlerin und hellem Entsetzen, wenn sie sich vorstellte, dass sich doch einige betuchte Gäste vielleicht als zu zartbesaitet für diesen Krawall erweisen könnten, ja, dass diese ihr Etablissement in Zukunft gar meiden könnten…

Nun, es ging jetzt erst richtig los. Eine von Regina selbst komponierte Kakophonie erschallte in beachtlicher Lautstärke ab Band. Unter dem Vorhang kam ein zweieinhalb Meter grosses Gerät zum Vorschein. Offensichtlich ein selbst zusammengebautes, unförmiges Monster aus diversen Metallen und schrill bemalten Kunststoffen.

Sah es so schon zum Fürchten aus, so wurde die ganze Sache alsbald noch deftiger. Regina selbst schob einen hübschen Servierwagen vors Monster, auf dem diverse Speisen ganz adrett angerichtet waren. Dann drückte sie einen Schalter seitlich der Installation und schrie: Friss!

Wir ahnen es: Das Monster tat, wie ihm geheissen. Innert einer halben Minute verschwand das kleine Buffet mitsamt Tellern und Besteck im riesigen Schlund der Maschine. Dazu gab das Ding ohrenbetäubende Geräusche von sich.

Guuuuuuuuut so! Weiter! Weiter! Weiter! Regina schwitzte und fühlte sich so richtig klasse.

Nur eine halbe Minute später liess das Monster eine stinkende braune Brühe unter sich. Mindestens dreissig Liter.

Die ersten Gäste verliessen den Raum, angeführt vom schockierten Laudator, Dr. Benno Brühwurst. Angelika sah Regina mit flehenden Blicken an, als wollte sie sagen: Bitte hör auf mit dem Irrsinn.

Regina erwiderte ihren Blick lächelnd und sie hob einen Zeigefinger an ihren Mund, als wollte sie sagen: Seid mal still, Leute, jetzt kommt noch was. Sowieso sagte keiner irgendwas. Zu sehr waren die Besucher entweder völlig ergriffen oder konsterniert. Oder beides. Einige wussten offensichtlich noch nicht, was sie zu fühlen hatten und wähnten sich selbst als wie ein grosses Fragezeichen.

Stille für ein paar Sekunden. Schon wollte man ein klein wenig Erleichterung ausmachen. Doch dann gab das Monster einen ohrenbetäubenden, langgedehnten Rülpser von sich. Wer es bis dahin ausgehalten hatte, verliess jetzt die Szenerie.

Bis auf Afşar Alemdaroğlu, dem Journalisten-Azubi, der sich noch immer freute, einen Beitrag über diese Vernissage fürs Feuilleton der Regionalzeitung zu verfassen.

Luca warf einen Blick zurück in die Aktionshalle der grossen Galerie zum Dampfhammer und dachte: Das also ist jetzt Toms ehemalige Psychotante? Kein Wunder ging’s dem immer schlechter.

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