Slave of play – Das Wesen der Dinge

Schmitz brauchte sich kein Pokerface auf eine Grimasse draufzusetzen. Die reglosen Züge waren seine zweite Natur. Sobald er im Job war – und er war circa zwanzig Stunden am Tag im Job – zeigte sein Gesicht keinerlei Regung. Hull bemerkte das schon beim ersten Treffen. Heute machte er ihm das fällige Kompliment.

Übrigens, Herr Schmitz, Sie haben eine bemerkenswerte – äh, Coolness. Beim Pokern wären Sie nicht lesbar. Ja, Sie wären der ideale Pokerspieler.

Poker? Okay. Dafür hatte ich bis heute keine Zeit. Vielmehr, das schien mir ohne Sinn. Bleiben wir beim Thema, Hull.

Hm.

Ich habe jetzt Ihre Geschichte, ich habe die Version des Staatsanwalts, der Polizei. Halten wir mal fest, was bei beiden Versionen unwidersprochen bleibt.

Hm, ja. Bleibt da noch was übrig?

Eine ganze Menge, eine ganze Menge. Es war so: Tom Ate, Tom Brunello und Lisa Jaberg waren vor bald acht Jahren, genauer am siebten April 2021 bei Ihnen privat zu Gast. An jenem Abend wurden die beiden Toms zum letzten Mal gesehen. Sie und Lisa haben bei der Polizei ausgesagt. Ihre Aussagen wurden jedoch als unglaubwürdig eingestuft. Sie, Hull, sprachen von einem Streit der beiden Toms und zugleich von einem Wunder, irgendwas von einem Urknall oder so. Sie behaupteten allen Ernstes, die beiden seien in einer Art Kugelblitz verschwunden. Lisa hingegen meinte, sie sei zu verwirrt gewesen, um dieses von Ihnen so genannte Wunder wirklich wahrzunehmen. Alles sei sehr schnell gegangen. Womöglich habe sie nicht bemerkt, was wirklich geschehen sei. Die Polizei stellte mikroskopisch kleine Schussrückstände, so genannte Schmauchpartikel in der Wohnung fest, aber nicht an Ihren Händen und auch keine Blutspuren. Dann wurde die Beretta 92 bei Ihnen gefunden. Darauf sagten Sie aus, Sie hätten die Waffe von Tom, also von Ate, geschenkt bekommen. Lisa hingegen habe nichts von der Waffe gewusst. Ein paar Tage später hat Lisa nochmals ausgesagt. Und zwar, dass sie in Brunello verliebt gewesen sei. Ihr Plan sei gewesen, auf Teneriffa direkt am Strand gemeinsam mit ihm eine Yoga- und Tai Chi-Schule zu eröffnen. Sie, Hull, hätten diesen Plan aufs Schärfste missbilligt. Überhaupt seien Sie eifersüchtig gewesen, eifersüchtig auf Brunello. Und auch Ate hätten Sie eigentlich gehasst, denn er habe Ihnen, Luca und Lisa ständig vorschreiben wollen, was zu tun sei. Ate habe veritable Drehbücher für Sie geschaffen, um alles unter Kontrolle zu haben. Eine Woche später meldete Luca seine Schwester als vermisst. Soweit die bekannten Fakten.

Wenn ich das so höre, wundert mich heute noch, warum das ausreichen konnte, um mich einzubuchten.

Einbuchten? Nun, Ihre Sprache hat öfter Mal einen, ähm, saloppen Touch?

Das lernt man im Knas… hm, im Gefängnis, Herr Schmitz. Auch wenn ich kaum mit jemand gesprochen habe. Man hört so allerhand. Ich denke, ich drücke mich noch vergleichsweise dezent aus.

Absolut. Verzeihung. Was ich sagen wollte. Wir wissen also eine Menge. Einiges sprach gegen Sie. Und letztlich hat sich vermutlich Ihr Verhalten vor Gericht auch negativ ausgewirkt.

Wieso? Dass ich nicht gestanden habe?

Nein, dass Sie das Gericht als inkompetent und korrupt beschimpft haben. Aber was war mit Lisa? Waren Sie wirklich eifersüchtig, haben Sie sie geliebt?

Quatsch, sie hätte meine Tochter, fast schon meine Enkelin sein können.

Das ist bekanntlich kein Hinderungsgrund.

Ah, nun gut.

Ja…?

Nein!

Okay. Dann hätten wir das geklärt.

Meine Frage, Herr Schmitz, war, ob Sie aus all den Fakten und all dem Gerede über den Fall einen Hinweis destillieren könnten, wo sich die drei heute befinden.

Die drei?

Ja.

Sie denken, dass die drei zusammen abgetaucht sind? Dass sie irgendwo auf diesem Globus unter falscher Identität leben?

Ja, Mann! Haben Sie Hinweise darauf? Irgendwas? Einen Verdacht? Haben Sie doch!

Sie erinnern mich an einen… ähm eher peinlichen Moment.

Was denn?

Ich gebe zu, ich habe damals spekuliert… Ich habe in einem Artikel behauptet, ähm, es könne sein, dass Lisa in den Nahen Osten entführt worden sei, beziehungsweise überhaupt irgendwohin entführt worden sei. So was kommt vor. Das hat sich angeboten, verstehen Sie.

Nein, ich verstehe gar nichts. Du, Luca?

Luca sass bisher schweigend neben den beiden Männern und beobachtete Quirin Schmitz genau, ganz genau.

Ähm, ja, ich denke, er meint, ähm, ja, Sie verstehen schon Herr Schmitz, der Journalismus insgesamt, ähm, jaha, hatte auch schon bessere Tage…

Herr Jaberg. Sie haben Recht. Im Grunde verteidige ich den seriösen Journalismus. Täglich. Aber Sie müssen verstehen, wenn eine Story nun mal derart am Glühen ist, wie das damals mit der Hullstory war und das Geld fliesst einem nur so entgegen, dann, dann legt man gerne noch ein bisschen nach.

Nachlegen? Ich verstehe immer noch nicht, Schmitz, verdammt, was wird hier eigentlich gespielt?

Nun, für Sie, Herr Hull, also fürs Protokoll: Wir haben nichts, rein gar nichts, keine Spur von den Dreien. Nada, niente, nulla.

3 Kommentare zu „Slave of play – Das Wesen der Dinge

    1. Ja, es ist verrückt, diese Nostalgie!

      Dabei waren das, ich meine die Tom-ate-Zeit, für mich nicht mal wirklich bessere Tage. Einfach frühere. Wie Tom schon mal bemerkt hat, kommt die Nostalgie vielleicht daher, dass früher die Zukunft ein bisschen ansprechender und gemütlicher zu sein schien als heute. Ja, diese Zeit ist mir auch noch vertraut. Was haben wir damals, teils heftig, mit Herzblut diskutiert, über Veganismus, Gott, das Bewusstsein, das Universum und den ganzen Rest.
      Dir alles Gute, LG Tom

      Gefällt 1 Person

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