Das achteckige Klavier

Achim Tröndmeier sitzt an seinem schmucken Jugendstilschreibtisch und lässt den Griffel locker übers Papier laufen. Ihm gelingt vieles in letzter Zeit, was eine relativ neue Erfahrung für ihn ist. Sein Werk, ein Roman über die Emigration des begnadeten Klavierbauers Frederick Mathushek nach New York im Jahre 1849, steht unmittelbar vor der Vollendung. 947 Seiten intensivster Prosa über diese schicksalschwangere Zeit sind vollbracht und dem letzten Schliff fehlt praktisch nur noch der i-Punkt. Sein Verleger, Dirk Hunderteimer, erwartet Tröndmeier am kommenden Freitag zur Übergabe des Manuskripts in seinem neuen Verlagshaus in Hamburg.

Achim zögert auf einmal bei der Formulierung der letzten Sätze. Eigentlich waren sie schon da in seinen Hirnwindungen und Synapsen, aber irgendetwas lässt ihn den fulminanten Schwung der letzten Tage jäh abbremsen. Was ist es, dieses Etwas? Achim hat keine Ahnung. Seine Gedanken schweifen ab zu Mathushek. Drei Jahre hat er nun mit ihm sozusagen auf Tuchfühlung verbracht. Ja, Mathushek war seine intimste Beziehung in diesen Jahren. Und nun, nun soll sie sich dem Ende zuneigen? Gerne schaute er seinem Helden bei der Arbeit zu. Arbeit, ich meine Arbeit! das ist doch letztlich das, was uns ausmacht. Das was wirklich zählt. Unsere Werke sind unser wahres Sein.

Mathushek hatte ein großes Werk hinterlassen. Erfindungen, die den Klavierbau revolutionierten und den Klang der Instrumente wesentlich verbesserten. Am liebsten ließ Achim ihn vor seinem träumenden Auge am Mathuschek-Hammerklavier in Form eines achteckigen Teetischs werkeln. Was für ein Bild. Mathushek hatte auch eine eigne Wikipedia-Seite. Eine sehr schöne Seite, zu der er, Achim, inzwischen ebenfalls drei kluge Sätze beigesteuert hat. Schließlich hatte er wochenlang recherchiert und in Archiven herumgestöbert. Mathushek hat seine Seite schon, denkt Achim und ertappt sich, wie er auf den Bleistift beißt. Falls sein Roman, Der Saitenmagier, ihm den lange ersehnten Durchbruch…, ja falls! Dann würde ihm ebenfalls die Ehre wikipedialer Unsterblichkeit winken. Dessen ist er überzeugt. Ein kleiner Seufzer rundet diese selbstfürsorgliche Introspektion ab.

Dann, genau im Augenblick, als diese erhabene Szene des titanisch Schaffenden, seiner Vollendung entgegenschreitet, da geschieht es. Ein hyperenergetischer Prozess zerreißt in einem Sekundenbruchteil die läppischen vier Prozent Materie in der Galaxis, in der unser armer Achim hauste. Ich meine, vier Prozent, das war doch auf Dauer einfach zu wenig. Fortan herrschen nur noch dunkle Materie und dunkle Energie. Man könnte bildlich von einem Heraufbrechen eines Zeitalters der Finsternis sprechen. Achim staunt nicht schlecht. Er fragt sich, was geschehen ist, denn von den Ausmaßen dieser Katastrophe weiß er ja nichts. Niemand hat sie vorausgesehen, wenn man mal von ein paar Spinnern absieht, die das Weltenende alle paar Monate ausrufen ließen. Alles was Achim merkt, ist, dass nichts mehr da war. Der Saitenmagier, sein Schreibpult, sein Bleistift, die Orchideen am Fenster, die Großstadtgeräusche, sein Körper…, einfach alles weg, hat sich in Nichts aufgelöst. Er kann wahrnehmen, dass er nichts mehr wahrnehmen kann.

Was für ein verrückter Zustand. Schöne Scheiße! entfährt es ihm, das heißt, würde es ihm entfahren, wenn er noch diese Körperlichkeit besäße. Sein Bewusstsein ist da, sonst nichts. Achim denkt: Was wird aus Mathushek, aus meinem Roman? Wer könnte den noch lesen? Ist überhaupt noch jemand da auf der Welt? Hallo…!? Nein, rufen kann er ja nicht, er hat ja keine Stimmbänder und keinen Kehlkopf mehr. Wie könnte er Kontakt herstellen? Er hört und sieht nichts. Was soll das sein? Verdammt. Bin ich jetzt eigentlich tot oder was? Im Himmel? Schöner Himmel. Wo ist der denn?

Und wie bitte, wie soll das jetzt weitergehen?

2 Kommentare zu „Das achteckige Klavier

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