Die Alten

Luca war gespannt auf die Begegnung mit dem Alten. Zehn Jahre sind eine Menge. Da kann Vertrautheit verloren gehen. Die Zeiten als man sich beinahe täglich traf, lagen noch einiges weiter zurück. Für ihn war der Alte wie ein Vater gewesen, einer der immer ein offenes Ohr hatte und von dem er eine Menge gelernt hatte. Damals. Heute war Luca selber alt. Nicht wirklich, doch so fühlte er sich, die Last der Jahre zeichneten ihn. So jedenfalls sah er sich selbst. Als alten Mann. Um wieviel älter musste Hull sein, beziehungsweise sich fühlen?

Als Luca die Klingel drückte, war er so unsicher wie schon lange nicht mehr, seine Hand zitterte.

Hull öffnete die Tür und die beiden Alten blickten sich an. Eine Weile lang.

Luca. Willkommen.

Hull. Gut siehst du aus, meine Güte.

Du bist mager geworden, da fehlen vierzig Kilo. Wie das?

Magenband.

Magenband?

Ja, ging nicht mehr anders. Mein Gewicht zerstörte die Gelenke.

Hm.

Ja.

Komm rein, Luca.

Die beiden Alten schlurften durch den Korridor. Im kleinen bescheidenen Wohnzimmer bot Hull seinem Gast einen Platz auf dem alten, vertrauten Sofa an.

Kaffee?

Nee du, Kaffee geht nicht mehr. Blutdruck und so.

Hm.

Ja, du, nimm du doch einen. Hast du die Maschine noch, diese Espressomaschine, wie hiess sie noch?

Nein, die ist explodiert.

Explodiert…?

Ja, der Boiler hatte zu viel Druck.

Hm.

Macht nichts, ich trinke auch kaum noch Kaffee.

Traurig eigentlich.

Schon, ja.

Hm.

Sag mal, was hast du so gemacht all die Jahre.

Hm. Weiss nicht. Man schlägt sich so durch.

Mh. Kenn ich.

Ich hab ne Menge erlebt – früher. Als ich noch Kartentricks vorgeführt habe.

Und die Zeit mit meiner Schwester, Lisa. Hast du sie geliebt, Hull?

Geliebt? Sie war wie meine Tochter. So. Doch du weisst ja, Tom hat sie mir genommen.

Ach, ja, Tom. Das war schlimm, dieser merkwürdige Vertrag mit ihm, um was ging’s da eigentlich genau.

Er sagte: Casting.

Ja, ein Casting. Wozu denn?

Ich weiss nicht mehr. Es war wie ein Traum, diese Zeit. Dann war da plötzlich noch ein anderer Tom. Da wurde die Geschichte zum Alptraum.

Ja, und du gingst für ein paar Jahre in den Knast.

Hm.

Ja.

Luca.

Ja.

Ist nicht das ganze Leben nur ein Traum?

Hm, ja, so dachte ich auch schon. Bloss wer träumt ihn, unseren Traum.

Ja, unser Gehirn halt. Also ein Teil dieses verrückten Universums. Ein winziger Teil, aber ein sehr spezieller.

Hm, das Bewusstsein verstehen wir immer noch nicht. Wie alt müssen wir werden, bis wir Erleuchtung erfahren?

Ja. Ich denke, wir waren damals etwas auf der falschen Fährte.

Echt?

Ja. Wir wollten die Welt begreifen, indem wir den Zufall untersuchten. Schliesslich ist alles was existiert, ein Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit. Sagt man.

Und was ist daran falsch.

Die Perspektive.

Mh?

Dritte Person. Funktioniert irgendwie nicht. Du musst radikal von der ersten Person her denken und forschen.

Das ist doch Quatsch. Dann endet alles in Beliebigkeit.

Nicht unbedingt. Der Schlüssel ist nicht der Zufall sondern – die Gegenwart.

Die Gegenwart. Okay, wie das.

Die Gegenwart existiert nicht, es gibt nur Zeitpunkte. Und doch leben wir in der Gegenwart. Wir sind sozusagen die Gegenwart. Wir sind das, was es nicht gibt.

Wir sind das, was es nicht gibt?

Naja, bestenfalls ein Fliessgleichgewicht.

Ein Fliessgleichgewicht? Ah, du meinst Homöostase.

Fliessgleichgewicht ist poetischer. Autopoietischer.

Luca lachte. Hull du bist ja noch ganz der Alte.

Und wie. Also, hör zu Luca. Teile des Bewusstseins sind nichts anderes als ein raffiniertes Fliessgleichgewicht.

Teile?

Ja, das ominöse Ich. Unser Ichbewusstsein. Bleibt über die Zeit stabil, egal was sonst alles im Hirn verarbeitet wird und es konstruiert durch sein Sosein als scheinbar unveränderliche Substanz diese Chimäre, die wir Gegenwart nennen. Ist eine raffinierte Geschichte. Dieses Driften durch die Zeit in einer Blase ichhafter Dauergegenwart. Nur versteht sich dieses Ich selbst nicht als eine bloss stabil gehaltene Variable, sondern als unzerstörbaren Kern. Das ist schon der ganze Witz.

Okay.

Nochmal. Das Bewusstsein ist beinahe ein Synonym für Gegenwart. Die dritte Person Perspektive kann Bewusstseinsphänomene untersuchen anhand von Zeitmarkern. Also zum Beispiel: vor zehn Minuten hat unser Proband einen Reiz-Reaktionstest absolviert und seine Reaktionszeit war soundsoviel.

Ja, und?

Das ist doch Müll. Niemals kann ich so beschreiben, was ich als Proband in jenem Augenblick erlebt habe.

Ist das relevant, was du so nebenher denkst und fühlst? Es geht doch um diesen Test und die Millisekunden.

Nein. Wenn ich ohne Gegenwart nicht existiere, nur als Zahlenmaterial aus der dritten Personperspektive, und, und, und! die Gegenwart nur in der ersten Personperspektive überhaupt Sinn ergibt, dann, äh, dann, ja, ich weiss es auch nicht so genau, aber dann ist unser Bewusstsein vergleichbar einem Traum.

Hm. Während man träumt, meint man ja, in der Realität zu sein.

Bisweilen ja. Man wacht auf und sagt, Gott sei Dank, oder je nach dem, schade, nur ein Traum.

Hm.

Also, Luca, wenn unser Wachbewusstsein so etwas wie ein Traumbewusstsein zweiter Ordnung ist, dann ist doch alles hier völlig verrückt. Ich meine, es gibt ja tatsächlich Kaffeemaschinen und manchmal explodiert auch eine. Das ist ja nicht geträumt.

Ja, das ist der Unterschied. Und folglich taugt deine Metapher nix.

Hm.

Ja.

2 Kommentare zu „Die Alten

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