Pläne der Affen

Hull stand am Fenster und sah hinunter in das Gewühl der Leute. Sie gingen oder liefen hin und her. Die eine steuerte in jenen Laden, der andere in diese Kneipe. Eine homogene Masse ausgekochter Individualisten, die ihren merkwürdigen Zielen hartnäckig hinterher rannten. Was er da sah auf der Strasse, vier Stockwerke unter sich, war einfach der Alltag. Nichts anderes. Der Alltag in seiner unnachgiebigen Sinnlosigkeit. Er wusste, auch wenn er noch eine Stunde lang weiter schauen würde, es bliebe dabei. Nichts Wirkliches würde geschehen abgesehen vom ewig gleichen Gewusel.

Was war der Antrieb dafür? Warum blieben die Menschen nicht deprimiert hocken, um auf ihr baldiges Ende zu warten? Eigentlich konnte man diese ständige Flucht der Menschen vor der Realität nur mit Suchtmechanismen erklären. Dafür hat man die Werbung erfunden. Um den Menschen alltägliche Ziele vorzugaukeln, denen sie eben alltäglich nacheifern konnten. So kam es Hull jedenfalls vor.

Ein neues Telephon zum Beispiel. Oder ein Automobil. Oder Slipeinlagen. Oder Yoghurt, das nicht dick sondern dünn macht. Oder ein Rentensparvertrag. Oder ein Mittel gegen Haarausfall auf dem Kopf. Oder ein Mittel gegen Haare auf der Brust oder sonstwo, wo sie vielleicht besser nicht hingehören. Oder ein Bausparvertrag mit extra schön Baukindergeld. Oder ein Getränk mit reichlich COzwei. Oder ein nettes Sextoy. Oder doch lieber ein Motoroil für beste Ergebnisse: „Wir lieben Schmierstoffe“.

Und so kommt’s, dass man im Alltag eben dies und das „liebt“. Gibt folglich Geld aus dafür. Geld, dieses allgemeine Tauschmittel. Wo hat man’s her? Natürlich, die meisten müssen dafür arbeiten, das heisst Lebenszeit herschenken, um etwas zu verrichten, was dann erst zu diesen tollen Angeboten führt, wofür es sich lohnt, Werbung zu machen. Oder man verrichtet selbst schon diese Werbearbeit, dichtet also irgendwelche Verse, die andern direkt ins Suchthirn hineinleuchten sollen. Das kann manchmal sogar ein besserer Slogan sein als „Wir lieben Schmierstoffe.“ Und dieses Lebenszeit-Herschenken macht den Alltag erst recht zur Hölle. Gewiss sagt man zu Alf und Svenja: Ich kann nicht klagen, meine Arbeit tue ich gerne, ja sie macht mir sogar Spass. Die letzten Worte mit einem bemühten Lächeln um die Zähne. Das wirkt verstärkend, Zahnschmelz härtend. Und selbstverstärkend. Heisst: man glaubt zuweilen selbst daran, an glanzvollen Tagen wenigstens. Wenn am Feierabend mal die Sonne länger lacht, als sie eigentlich darf, und dich eine Grillwurst mit Dosenbier in den gemütlichen Garten lockt.

Hull lächelte. Nein, nein. Er war nicht depressiv. Auch nicht griesgrämig. Er fragte sich nur gerade, warum dieser alles umwabernde und lähmende Alltag trotzdem so locker funktioniert. Alleine die Werbung kann’s dann doch nicht sein. Er erinnerte sich an seine früheren Gedankenassoziationen zur Funktionsweise der freien Wirtschaft, jener die keinem Plan folgt und doch die Regale der Supermärkte füllt.

Hm, natürlich. Der Antrieb muss aus dem Innern kommen. Nicht aus dem Dünndarm, nicht aus der Nebenniere, wobei… Aber schon eher aus dem Hirn. Wiedermal das Denk-Organ. Nun für Gefühle und Motivation ist primär das limbische System zuständig. Egal. Wie es heisst, wo es hockt. Hauptsache im Gehirn. In dem Teil des Hirns, der Bewusstsein erzeugt.

Nein, Bewusstsein ist nicht Denken. Denken ist Problemlösen.

Bewusstsein, Sucht, Ziele, Gefühle, Motivation. Das sind die Zutaten. Kein Androide (bis heute jedenfalls, wer weiss, was diesbezüglich noch alles kommt) hat all diese Merkmale. Er hat nur Bewusstsein. Kaltes Bewusstsein, wie eine Rechenmaschine eben. Davon sind wir weit entfernt. Doch das begreifen die Kognitivisten nicht. Nein, wir sind keine kühlköpfigen Rechner, auch wenn wir ab und an mal ein paar Euro zusammenzählen können.

Nein. Unser Bewusstsein ist beinahe identisch mit dem eines heissblütigen Affen, der sich noch traut, wild, ich meine: sehr, sehr wild, herumzuschreien und zu toben, auf dass die Äste brechen, auf denen er hockt. Wir Menschen hingegen greifen, naja, bisweilen ein klein bisschen diskreter, ein klein wenig kontrollierter, nach all den wunderbar knallbunten Wühltischen im Ausverkauf, aber bleiben dennoch im Herzen wie läufige Hunde.

Gesteuert von Impulsen tief im Schädelknochen drin.

Dort wo alles dunkel ist. Und still. Und einsam.

Genau dort wird die Hitze produziert.

Seit Jahrmillionen schon zuverlässig.

Ressourcen haben wollen.

Und die Antennen, die dieses Bewusstsein, beziehungsweise diese Seele, wie manche auch singen, mit Information von draussen, von der hellen Seite, vom Wettkampf und von der Liebe versorgen, sie scheinen zuverlässig zu sein. Sie berichten über das Verhalten der Artgenossen als wäre diese „Realität“ unmittelbar gegeben. Als wären sie, unsere „Mitmenschen“, nicht ebenfalls gesteuert durch Impulse aus der Unzugänglichkeit, aus tiefer Vergangenheit.

Dann gibt es noch diese merkwürdige kleine Teilmenge des Bewusstseins im Affen, die sich selbst bewusst wird. Wohl einfach durch zirkuläre Informationsverarbeitung. Das Ich-Bewusstsein. Damit wird die Illusion einer Person geboren, der Zombie erleuchtet sich von innen heraus, inmitten von Objekten hebt sich ein Objekt als Subjekt hervor.

Auf rätselhafte Weise, denn es entsteht eine ganz neue Dimension oder Systemebene. Die Emergenz des Ich-Bewusstseins stellt das Universum auf den Kopf. Mit diesem Ich ist das Universum erst entstanden, mit dem Tode dieses Ichs verschwindet das ganze Universum für immer.

Aus dieser subjektiven Perspektive, empor gespült aus der Mitte eines fettigen Gewebes im, wie schon betont, dunklen, stillen und einsamen Innern des Schädelknochens, wie könnte da mehr als ein laienhaftes Improvisationstheater entstehen? Stümperhafte Gehversuche inmitten Milliarden anderer Ich-Maschinen? Wie könnte da je mehr als 80% gelingen? Manchmal muss man sich sogar mit 50:50 oder noch weniger begnügen. Wie könnte da in gesellschaftlicher Perspektive Perfektion gedeihen? Man muss doch zufrieden sein, vor allem in Zeiten der Pandemie (die wohl nicht mehr enden wird), dass wir uns nicht alle gegenseitig massakrieren, dass wir trotz massloser Überbevölkerung immer noch ein bisschen funktionieren, wenn auch dicht gedrängt, im Dichtestress sozusagen, und uns immer noch überwiegend ein bisschen tolerieren.

Man soll die 80-20-Regel endlich akzeptieren. Mit 20% Aufwand kriegt ihr 80%. Mehr war vom Schöpfer nicht geplant. Gerechtigkeit kann man üben, immer wieder, ja, aber erreichen zu 100%? Akzeptiere den Affen in dir und mach was draus. Das war Hulls Fazit seiner launigen Beäugung des Alltags. Nun gönnte er sich einen Espresso.

5 Kommentare zu „Pläne der Affen

    1. Danke dir, Stefan.

      Das Thema ist schon immer das gleiche, ja. Sehnsucht – einverstanden, wohl möglich, aber sie hat kein Ziel mehr, kein realistisches jedenfalls. Allenfalls wäre es die absurde Sehnsucht, den menschlichen Körper zu überwinden. Als Bewusstsein zu existieren ohne den Affen, was nur in einer Welt des Glaubens denkmöglich wäre. Oder als transhumanistischer, also technologisch konstruierter Traum in ferner für mich nicht mehr erreichbaren Zukunft. Vielleicht ist es auch eine andere Sehnsucht, dann kann ich sie nur nicht benennen.

      Eigentlich will und wollte ich stets nur behaupten (was Du ja schon länger von mir gewohnt bist), dass das selbst gefühlte und gedachte Sein als Mensch, das Selbst in seinem Wesen, eine Illusion ist, wenn auch manchmal durchaus eine schöne…

      Liebe Grüsse
      Franz

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      1. Ziele wie die große Gerechtigkeit und Harmonie, ja, sind unrealistisch. Der Weg hingegen ist realistisch. Und dann und wann ein bisschen eigenes Glück, lieber Franz, das ist auch ein realistisches Ziel…
        Liebe Grüße an dich!

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      2. Setze ich mich moderat für Gerechtigkeit, etc. ein, erreiche ich wahrscheinlich schon viel. Tue ich diesbezüglich hingegen wesentlich mehr, laufe ich Gefahr, sektiererisch zu werden, mich und andere zu frustrieren und verliere womöglich andere Ziele aus den Augen.
        Schönes Wochenende!

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