Die Mutter aller Ruinen

Tom ging scheinbar ziellos in der miefenden Wohnung herum, stöberte da und dort im Staub, fand aber nichts von Belang.

Hm, es bleibt nicht viel von jemand, wenn er sich für immer davon gemacht hat. Eigentlich bleibt – nichts.

Merkwürdig, dass das Haus, scheinbar dem Verfall preisgegeben, seit Jahren leer stand. Offensichtlich gab es Streit zwischen den Erben. Tom liess das kalt. Erben wollte er eh nichts von Hull. Jedenfalls nichts, was sich zu Geld machen liesse.

Aber wenn er noch lebte? Was würde er sagen? Wie könnte er das Absurde unserer Zeit verarbeiten?

Tom versuchte sich vorzustellen, wie Hull dachte, denken würde; er versuchte Hull zu sein. Auch wenn das unmöglich schien. Aber aus dieser Meditation resultierte doch etwas.

Etwas Bizarres allerdings, das schon, aber vielleicht lohnt sich ein kurzer Blick darauf:

Und wieder ist Krieg. Wir haben ihn vollkommen vergessen, er war zu lange weg und wenn er doch da war, im TV, dann weit genug weg. Auf einmal ist er aber wieder da, „mitten“ in Europa, wie man jetzt sagt.

Und schon heulen die Moralisten und schreiben öffentlich Briefe:

Euch interessiert Krieg nicht, so lange er genug weit weg wütet, wenn eure Paläste, euer Sonntagsbraten und euer Urlaub auf Malle nicht in Gefahr ist. Denkt aber an die Verbrechen vergangener Kriege, Irak, Syrien, etc. Und folglich hört jetzt auf, so penetrant empört zu sein. Aber dieses moralisch perfekte Urteil über euch Kriegsbefürworter ist zentraler Punkt unserer Ethik und der ewigen Idee der Gerechtigkeit. Wir setzen uns ein für Verteilungsgerechtigkeit, Bildungsgerechtigkeit, Lohngerechtigkeit, Gendergerechtigkeit etc. etc. etc. Jetzt müssen wir auch auf der Kriegsgerechtigkeit beharren. Natürlich, es ist nicht gut, dass vor unsrer Haustür Krieg ist, neinnein, aber der Krieg in den Ländern, die in der Vergangenheit von den USA und der NATO angegriffen worden sind, diese Kriege sind mindestens…, wenn nicht schlimmer… Nun wollen wir Frieden für alle, aber ohne Waffen! Hört auf diese schweren Waffen in die Ukraine zu schleppen. Denn diese sind die wahre Ursache für den Krieg. Ohne diese Waffen gäbe es Verhandlungen und man würde…, nein, man wird bestimmt einen gerechten Frieden aushandeln, bei dem jede Seite zu ihrem Recht kommt.

Hull kann nicht sagen, dass das vollkommen falsch wäre, so absolut falsch ist es ja nicht. Aber richtig leider auch so gar nicht. Vor allem wenn der Gegner ein Abziehbild von Stalin ist und auf diese ganze schöne Moral pisst und für diese „dekadente“ Haltung nur ein mitleidiges Lächeln übrig hat.

Ja, im Leben muss man sich manchmal entscheiden.

Dafür haben sich die Philosophen und Politologen und andere Schlaumeier die moralischen Dilemmata ausgedacht. Diese Dinger, wo man sich – in Gedanken zum Glück – entscheiden muss, ja muss, wen man opfert, z.B. einen einzelnen alten Sack ODER zwanzig süsse kleine Zwerge, die ihre Zukunft noch… ihr wisst schon. Bisher habe ich diese Dilemmata immer als unmoralisch zurückgewiesen. Wir dürfen also diesen alten Sack töten, oder? Und das alles, um uns Schmerzen zu bereiten, also Klartext, um uns zu Mördern zu machen.

Um uns endlich zu dem zu machen, was wir ja eigentlich von Natur aus schon sind.

Ja, es tut weh zu sagen: He, ihr kriegt keine Waffen, macht „Frieden“ mit den Russen, lasst euch „entnazifizieren“. Das klingt doch gut, keine Nazis mehr…

Es tut auch weh zu sagen: Ihr kriegt alle Waffen, die ihr braucht, damit ihr den Krieg gegen den Aggressor gewinnt oder wenigstens nicht verliert, selbst wenn das brutale Schlachten noch Jahre dauern sollte.

Es tut immer weh, wenn man etwas tun sollte. Folglich möchte man sich verkriechen. Weg mit der Realität, die gefällt mir nicht. Und so verkriechen sich die Opportunisten in die hintersten Winkel. Betrifft es mich denn? Nur indirekt. Nochmal Glück gehabt. Also schaut gefälligst, dass ich nicht noch mehr betroffen werde. Was sollte man dazu noch sagen? Lohnt sich nicht weiters.

Warum also verdammt muss ich diese moralische Bürde tragen und soll mich obendrein auch nicht verkriechen? Das sind doch Idioten, diese Ukrainer! Warum ergeben die sich nicht endlich? Dann hätte ich wieder meine Ruhe. Kann man diese Position im Ernst als utilitaristisch bezeichnen?

Lieber rot als tot, war doch schon früher eine hübsche Parole. Nur was soll „Rot“ eigentlich sein? Es ist krass, wie lächerlich und komplett unglaubwürdig sich die Linke macht, wenn sie sich dem durch und durch korrupten, faschistoiden, imperialistischen Ausbeutersystem Putins andient. „Manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern, werch ein illtum.“ Ja, genau, Xi Jiping ist schliesslich auch ein Genosse…

Woher kommt denn all diese Scheisse? Immerhin kann ich hier als Hausherr heute noch klar und deutlich von Scheisse reden und muss nicht moralisierend Sch…se schreiben. Oder Sch***se. All dieser politisch korrekte Ballast, diese Wokeness, tue ich mir nicht an, auch wenn ich dann irgendwann als Minderheit mundtot oder schlimmer gemacht werde. Was soll es bringen, wenn Weisse keine Rastafrisuren tragen dürften? Wenn gut gemeinter Antirassismus in Rassismus abgleitet, dann, spätestens dann, ist doch alles futsch. Womit wir wohl wieder bei der Moral wären.

Ist denn die Moral überhaupt zu retten?

Ich sage nein. Denn es gibt keine absolute Moral, keine Moral an sich. Nur überall wohlfeilen Schund, der sich mit diesem Kampfbegriff, dieser Waffe schmückt, um erfolgreicher zu sein.

Wenn es keine Moral gibt, was bleibt dann?

Nun es bleibt der Krieg. Immer wieder von neuem. Immer und immer wieder.

Denn der Mensch, dieses soziale Wesen, lebt in Gruppen, sprich Staaten, etc., die sich durch widersprechende Ziele auszeichnen – bis es knallt.

Zwischengruppenkonflikte.

Sozial heisst eben leider nicht prosozial. Es bedeutet nur: lebt gerne in Rudeln.

Wenn wir diesen ewigen Krieg nicht wollen, müssten wir wohl bald unsere Freiheit opfern – eben weil es keine Moral an sich gibt. Weil dann die Mafia, der Stalinist, der heilige Krieger, das Skrupellose ganz offensichtlich mit Leichtigkeit den Wettkampf der Systeme gewinnt. Ist das denn so?

Wer blaugelbe Schuhe trägt oder ein leeres Blatt Papier in die Luft hält, wird verhaftet.

Die Zukunft würde also so schöne Dinge wie Rechtsstaat und Demokratie ganz einfach zerstampfen. Und wer das begriffen hat, weiss natürlich, dass der Feind von Rechtsstaat, Demokratie und Pressefreiheit in den Diktaturen jenseits unserer Grenzen zu finden ist.

Aber: Vor allem hockt er leider in diesen verrückten Ideen von Freiheit schon drin. Die Menschen im Westen scheinen dieser Bürde der Freiheit immer mehr überdrüssig. Man hat die Schnauze voll von Bürgerpflichten. Die da oben machen sowieso, was sie wollen. Es nützt eh alles nichts. Der Westen ist primär an allem schuld. Alles nur eine Verschwörung.

Die Lösung nennt sich Autokratie. Und auch Oligarch klingt doch gar nicht sooo schlimm.

Wenn man diese Müdigkeit Dekadenz nennen kann, dann hat Putin in diesem Punkt recht: Der Westen ist dekadent. Noch besteht ein bisschen Hoffnung, dass er sich verschätzt hat.

Der wahre Feind hockt also im Innern. Sogar in meiner Schädeldecke. Er ist überall und er ist übermächtig.

Die wahre Front verläuft quer durch unsere Gehirne und Putins Propagandaapparat weiss das.

Unser Gehirn ist die Kommandozentrale unserer Natur und es optimiert den Nutzen für den Träger in einem sinnfreien Spiel. Sprich: Der Evolution ist die Idee der Freiheit vollkommen egal, solange sie sich nicht wirklich als Vorteil in ihrem Sinne erweist. Diese Natur, deren Existenz die Soziologen gegen alle Evidenz leugnen und immer wieder hinwegwünschen. Als wäre die Freiheit ganz einfach schon unser Schicksal, als wäre alles hier nur ein wunderschönes Wunschkonzert. Und die Gegner der Freiheit, gerne Populisten genannt, hätten einfach lediglich ein falsches politisches Programm.

Der „Mensch“ aber ist vor aller soziologischen Seminarerfahrung ein zutiefst hierarchisches Wesen. Wie das Huhn. Ein Huhn hackt auf dem anderen herum.

Es will entweder herrschen oder beherrscht werden. Es will nicht „mitentscheiden“ müssen! Es will geführt werden oder führen. Und wenn nötig – auch in den Abgrund. Die Zerstörung liegt in unseren Genen. Die Natur ist gefrässig. Der Kampf ums Überleben hat uns zu sehr effizienten Zerstörern gemacht. Jetzt steht der Atomkrieg vor der Tür. Nuklearer Winter.

Der Lack ist ab. Die Bomben werden scharf gemacht.

Ha! Ob das Spiel doch noch eine Weile weiter geht? Weiss denn jemand die Lösung?

Jedenfalls. Ein einzelner Oberoligarch kann praktisch im Alleingang entscheiden. Würde es denn Widerstand unter den Generälen geben, wenn…?

Der Kampf für die Idee der Freiheit, für Demokratie und Rechtsstaat wird entweder geführt oder es wird die ewige Herrschaft der Sonnenkönige kommen. Die Herrschaft dieser Psychopathen, die Sklaven halten, die sich in ihrer grausamen Willkür gefallen und sich mit Wonne gegenseitig weiterhin bekriegen werden. Wie schon vor 5000 Jahren.

Oder doch lieber den nuklearen Winter?

Soweit Hull, vielmehr das, was ich, in die Haut dieses Spinners geschlüpft, herausfinden kann. Dachte Tom. Hm. Der alte Hull neigte immer zu extremen Ansichten und Urteilen. Verstanden hat ihn wohl auch deshalb niemand. Er wollte gar den Zufall für immer aus der Welt verbannen. Und doch tat er schliesslich nichts – ausser Kaffee kochen. Immerhin nicht den Schlechtesten.

PS: Schön und gut, aber oberlehrerhaft und wenig hilfreich… (Luca)

PPS: Ja Luca, Tom bleibt ein Notnagel. Ohne Hull ist die Welt ein trauriger Ort. (Grüsse, Lisa)

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