The Scheining

Und ich soll Sie also einfach nur Tom nennen?

Ja, das ist perfekt.

Hm, jeder hat doch einen Nachnamen, zum Zwecke besserer Erkennung.

Ja, Sie meinen Tom Cruise und Tom Kaulitz?

Ähm, ja, zum Beispiel.

Okay, ich verzichte auf bessere Erkennung. Tom – und fertig.

Äh… Also, Tom. Dann lassen Sie uns mal anfangen. Ottokar Schlotterbeck bereute bereits ein wenig, den merkwürdigen Alten um ein Interview gebeten zu haben…

Klar.

Sie wissen, ich beabsichtige eine Biografie über Hull zu verfassen. Und man sagt, Sie seien einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen und einer, der ihn wirklich gut kannte.

Zeitzeuge? Haha. Ja, Hull. Den kannte ich allerdings. Wissen Sie, ich selbst wollte früher mal eine Biografie über ihn schreiben.

Ja…?

Nun, ich bin gescheitert.

Ähm, inwiefern? Was lief schief?

Was schief…? So ziemlich alles. Wissen Sie, Hull ist, war, nicht fassbar.

Erzählen Sie.

Nun, Herr Schlotterbeck, richtig?

Ja.

Herr Schlotterbeck, Hull hatte zu viele Gesichter, Facetten, zu viele Ideen.

Dabei wollte er doch die Welt erklären, indem er alles Existierende auf wenige Dimensionen reduzierte? Oder hab ich da was falsch verstanden.

Äh, ich denke… Hull wollte gar nicht die Welt erklären. Wissen Sie, er wollte sie nur begreifen.

Ist das nicht dasselbe?

Dasselbe? Nun ja, Worte… Haha. Worte.

Schlotterbeck rümpfte die Nase.

Was Worte?

Was Worte? Hahaha. Sehen Sie, Herr Schlottermeck. Ist das nicht komisch? Ich jedenfalls muss immerzu lachen.

Tom…? Alles okay?

Aber sicher. Haha. Also wenn Sie mich fragen, und das tun Sie ja, oder? Dann, haha, hat Hull etwas anderes gewollt als es nach aussen hin scheint. Hätte scheinen können, oder wie würde man korrekt sagen, keine Ahnung? Hören Sie, ich möchte Sie nicht verwirren. Aber worum es geht, worum es ja eigentlich immer geht im Leben, das ist doch: sein eigenes Dasein zu begreifen – und natürlich dieses auch zu geniessen. Keine Frage, begreifen und geniessen. Das war eigentlich auch bei Hull so. Wenn Sie meinen, er habe versucht, die Welt zu erklären, irgendwelche Theorien rauszuhauen, wie das Universum entstanden ist oder so was, ja, dann sind Sie leider auf dem Holzweg. Das wirkte nur manchmal so, wenn man nicht genau hingehört hat.

Hm. Das Universum, die Physik, die Philosophie, die Kybernetik, die Neurowissenschaften – das waren doch seine Interessengebiete. Er wollte doch all das vorhandene Wissen integrieren und aus dem Kondensat eine möglichst simple Welttheorie entwerfen. Eine die jeder versteht. Und Sie Tom, Sie waren doch zugegen, damals. Als Hull noch dozierte?

Hull dozierte? Hahaha. Ja, er dozierte schon, irgendwie. Aber er war alles andere als ein Polyhistor. Sicher er wusste und konnte dies und das. Verstehen Sie, Schlotti, Hull war vor allem ein Showman, ein Zauberer, ein smarter Privatlehrer, ein Bastler und Tüftler. Und so hat er zum Beispiel merkwürdige kleine Androiden hergestellt, die sogar sprechen konnten. Das war unglaublich, ich hab’s mit eigenen Augen und Ohren… ja, aber was ich sagen wollte: Hull war ein Magier – und ein Verrückter.

Ein Ver…

Ja, Mann, wer kauft sich schon eine Spezialkamera für zwanzigtausend Euro um fallende Würfel in Superextremzeitlupe anzuschauen?

Davon habe ich gehört, ja. Ging es nicht um den Nachweis des Zufalls?

Ja, nein, umgekehrt. Aber das ist eigentlich völlig egal. Hören Sie, Schlott… äh, Otto? Darf ich Otto sagen?

Ottokar.

Ottokar, gut. Also Otti, hör mal, der Hull hatte einfach die Schnauze voll von Zufällen. Diese konnten so grausam sein. Und deshalb wollte er sie loswerden.

Hm.

Nach aussen gab er sich wissenschaftlich. Versuchte seriös daherzukommen. Aber im Grunde wollte er nur alles bequemer machen.

Bequemer?

Ja, Stellen… äh, stell dir vor, Otti, wenn’s keinen Zufall mehr gäbe.

Hm, alles wäre voraussehbar.

Nun ja, nein. Nur wenn man auch die Gesetze hinter allem kennen würde. Und genau das ist ja die Frage: Benennen wir die Ereignisse als zufällig, weil wir zu dumm oder zu faul sind, die wahren Gesetze herauszufinden?

Ähm…?

Ja, Otti. Und dann die Willensfreiheit… Aber echt, eigentlich hab ich keinen Bock mehr auf all den Schmonzes. Ehrlich, ich zweifle, ob du der Richtige bist für diese Biografie.

Schlotterbeck war schon ein Weilchen ziemlich verwirrt. Jetzt war er grad vollends baff.

Otti?

Ähm, was…?

Ja, äh, ich weiss auch nicht. Fangen wir woanders an.

Jep.

Ähm. Hat Hull wirklich einen Mord begangen? Er war doch ein paar Jahre im Gefängnis? Was wissen Sie darüber?

Ich war dabei, ja.

Okay?

Nun, was soll ich sagen. Mich hat er ja umgebracht. Und mein Alter Ego gleich dazu. Das fand ich dann doch heftig. Ich meine, gleich doppelt ausradiert zu werden. Wem schmeckt das schon?

Ottokar Schlotterbeck erstarrte. Sitze ich hier in einem Café mit Tom oder in einem Irrenhaus mit einem Psychotiker?

Jaja, Otti, da staunste. Denkst wohl, wir seien in der Klapse auf einem schlechten Trip. Nee, nicht wirklich.

Oder in einem Horrorfilm.

Horrorfilm…? Ich bitte dich. Aber. Das ist, hör mal Otti, Horror, das ist gar nicht so eine schlechte Idee. Da lässt sich bestimmt noch was draus machen.

4 Kommentare zu „The Scheining

    1. Ja, das Fischlein im Tautropfen passt, auch wenn es sich hier gefrässiger aufführt. Und ein bisschen wollte ich wahrscheinlich drauf hinweisen, für wen oder was „Hull“ steht, auch wenn Tom das noch nicht so ganz begreift. Zu sehr ist er noch in dieser, in seiner Geschichte verstrickelt. 😉
      LG Franz

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