Love store

Als Tom seine Wohnungstür öffnete und er sie auf einmal so ganz unvermittelt vor sich stehen sah, bekam die krumme Raumzeit tatsächlich einen zusätzlichen Knick, obwohl das eigentlich gar nicht möglich war. Ein nachtblauer Blitz, unsichtbar, und ein zuckersüsser Dur-Akkord, unhörbar, durchstreiften sein ruheloses Hirn, liessen ihn freudig und töricht aussehend dastehen. Er sagte nur: Hallo, und seine Stimme brach.

Lisa begann zu lächeln: Tom, wie schön… Sie kam sich beinahe wie ein pubertierendes Mädchen vor, verlegen und doch tollkühn, alles rosa, alles aufregend.

Er verlor sich in ihren blauen Augen, tauchte hinab bis in ewige Dunkelheit, als könne er dort ihr Wesen ergründen. Wieder auftauchend sah er, wie Lisa ihn mit jenem leicht schielenden Blick zärtlich festhielt. Und lächelte. Diesen Blick kannte er. Es waren wohl fünfzig Jahre, mein Gott, tatsächlich fünfzig Jahre war es her, seit sie ihn zum ersten Mal damit betörte. Diese bedingungslose Öffnung, diese verwegene Verletzlichkeit.

Hmmmm…

Schön, dass… hm, ja, schön, dass du da bist, Lisa.

Ja… Ich komme mir vor, wie damals… verstehst du?

Natürlich verstand Tom. Ihm ging es ebenso. Er nickte. Sie umarmten sich, erfuhren die Vertrautheit ihrer Nähe und doch waren die Berührungen nach all den Jahren wieder aufregend. So standen sie minutenlang, bis Tom sich mit einem kleinen Seufzer von Monalisa löste: Komm doch rein, Lisa. Es gibt Kaffee und Kuchen.

Mein Kaffee ist zwar nicht so gut wie jener damals beim alten Hull, aber Coffein ist drin.

Und Erdbeertorte! Das ist wunderbar, Tom.

Hm, Lisa.

Ja?

Ach, nichts…

…komm schon, Tom. was willst du mir sagen?

Ich finde es, hm, finde es wunderbar, dass wir uns jetzt wieder sehen und ja, auch wieder, ähm, mögen.

…Aber?

Nichts aber. Nur, du weisst ja, ich bin leider kein so toller Yogalehrer…

Hahaha. Tom, nein sorry dass ich lache. Aber das mit diesem sexy Yogalehrer, das war keine Liebe. Ein Begehren, ja. Aber ich bin da jemandem nachgerannt, der nur an sich selber dachte, sich nur selbst liebte. Und ich wollte als seine Freundin wohl etwas Besonderes sein. Aber das waren leider verschenkte Jahre, hm, sogar Jahrzehnte. Nein, mein Freund, tief im Innern, im Herzen, wusste ich immer, dass du der Richtige für mich gewesen wärst. Ja, du bist der Richtige für mich, Tom.

Lisa. Wir, wir… haben keine Zukunft mehr. Wir sind bald achtzig.

Tom, Tom. Das sind nur Jahre! Das ist nur Zeit. Zeit ist aber nicht wichtig. Wichtig ist einzig, dass wir beide zueinander gehören. Das allein zählt. Es ist vollkommen egal, wie lange es dauert. Lisa stellte ihre Kaffeetasse zur Seite und küsste Tom.

Tom dachte nur noch: Wie wunderbar, das Glück hat mich gefunden. Ich fliege, oh oh. Am liebsten würde ich jetzt auf der Stelle sterben.

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