Finding Everland

Da sass er mit seinen wenigen schlohweissen Strähnen, die vom fast kahlen Schädel bis zur Schulter herunterhingen. Sein Gesicht grau und zerfurcht, die Augen glasig, sein Mund trocken – ein Anblick wie eine Mumie.

Das war gar nicht so schwer. Man braucht nur die aus dem Gleichgewicht geratene DNA-Homöostase zu stabilisieren. Mit drei verblüffend einfachen gentechnischen Eingriffen ist die Sache gegessen. Allenfalls, wenn man das dann möchte, kann man alle zehn Jahre diese Korrekturen der ontogenetischen Architektur wiederholen. Auffrischen sozusagen, wenn Sie verstehen.

Architektur… ja, genau. Äh. Erzählen Sie doch bitte, wie diese, äh, Eingriffe, ähm, wie Sie das ganz konkret machen.

Hm. Wissen Sie, Schlotterbeck. Wenn ich Ihnen die Details erklären würde, wäre das langweilig für Ihre Leser. Sie wollen doch kein Fachbuch der Biogerontologie schreiben, oder?

Nein. Ja. Sie haben völlig… Beschreiben Sie doch einfach, äh, ich meine mit einfachen Worten, was Sie gemacht haben.

Einfach? Nun. Wissen Sie, eigentlich bin ich erst 103 Jahre alt. Und ob ich das nicht auch wäre, wenn ich nichts gemacht hätte? Sie verstehen. Ein Beweis, dass die Sache funktioniert, bin ich noch lange nicht. Allerdings. Das Besondere daran war…

…Ja?

Nun, ich war bereits tot. Wurde dann kryokonserviert und meine Androiden erledigten die bereits gut vorbereitete Arbeit. Vielleicht taugt dieser Fakt sozusagen als Beweis fürs Funktionieren meiner Methode.

Hm, hm. Was haben denn ihre ähm, diese Androiden gemacht?

Nicht viel. Sie mussten diese Maschine da drüben anwerfen und mir die resultierende Brühe injizieren.

Schlotterbecks Blick streifte die Maschine auf dem Sideboard. Die da?

Ja.

Äh, äh, die, ähm, die sieht aus wie eine Espressomaschine…?

Ja, Espresso mag ich tatsächlich. Der Alte lächelte zum ersten Mal.

Hull, ich werde den Verdacht nicht los, dass Sie mich… dass Sie mich… ähm…

…verarschen wollen? Aber nein. Verstehen Sie. Die Sache ist wirklich einfach. Restriktion und Ligation in den kritischen DNA-Bereichen ist heute ein Kinderspiel. Sie haben die Mäuse gesehen, die doppelt so alt geworden sind wie normale Mäuse? Eben. Und Sie sehen mich, Schlotterbeck. Und ich war es einfach leid zu warten, bis die Sache für Menschen marktreif wird. Ich meine, was heisst leid, ich hatte schlicht nicht mehr die Zeit zu warten. Meine Zeit lief ab. Also musste ich handeln.

Okay, verstehe. Ähm. Andere Frage: Was sind nun Ihre Pläne? Ich meine, wie lange gedenken Sie nun leben zu wollen. Oder, oder würden Sie sagen, Sie sind nun unsterblich?

Hull blickte zu Boden. Natürlich, es war ein Fehler, sich auf dieses Interview einzulassen. Das hatte er ja befürchtet. Auch Tom hatte ihm abgeraten, mit Schlotterbeck zu sprechen. Er schien ihm doch allzu beschränkt, mehr ein Depp als ein Wissenschaftsjournalist, als den er sich ausgab. Kein Wort über die gesellschaftlichen Implikationen dieser gentechnischen Lebensverlängerung. Sollte er ihm diese möglichen Konsequenzen um die Ohren hauen?

Wissen Sie, Pläne habe ich keine. Jedenfalls keine, die ich preisgeben würde. Und unsterblich ist man erst dann, wenn man alle schweren Krankheiten ausschliessen könnte und – vor allem – jegliche Unfälle. Ich meine, wenn ich heute auf die Strasse gehe und von einem Laster überfahren werde, dann war’s das wohl, würde ich meinen.

Tja, vielleicht haben Sie aber auch ein Gegenmittel gegen’s Überfahrenwerden…?

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