Die Quadratur des Planck-Sterns

Der Grosse Versuchsleiter betrachtete seinen Reaktor, in welchem er soeben einen hübschen kleinen Planck-Stern gebacken hatte. Leider konnte er ihn nicht sehen, denn dafür war sein Gebäck dann doch ein bisschen zu klein geraten. Aber genau das war ja sein Plan. Er wollte den kleinsten Kuchen herstellen, den das Universum je hervorgebracht hat.

Nun war ihm das Kunststück gelungen. Aber so richtig zufrieden war er noch nicht. Er dachte, wenn ich mein Geschöpf schon nicht sehen kann, so will ich ihm zumindest eine hübsche Hülle verpassen. Und so töpferte er ein ordentlich grosses Schwarzes Loch und platzierte den Planck-Stern schön in der Mitte dieser Verpackung.

Schon toll, was ich alles so gebacken kriege, dachte der Grosse Versuchsleiter. Aber wieder wurde er schon nach kurzer Zeit missmutig. Diesmal war das Problem der Ereignishorizont, ein blödes Nebenprodukt des Schwarzen Lochs. So schlau er es auch anstellte, sein Schwarzes Loch blieb eine Blackbox, die nichts mehr Preis gab.

Hm, die Tücken der Physik. Aber hallo, ich hab‘ die Lösung. Er baute sich das im wahrsten Sinne des Wortes bahnbrechende Ereignishorizontteleskop, mit dem er jeden Winkel des Schwarzen Lochs erforschen konnte.

Toll. Aber schon bald langweilte sich der Grosse Versuchsleiter wieder. Es war nichts los in seinem Schwarzen Loch. Gar nichts. Schwarz war’s und da hockte irgendwo sein unsichtbarer Planck-Stern. Nicht zu fassen.

Da packte ihn die Wut. Nach all der liebevollen Bastelei soll das Ergebnis gähnende Leere sein? Er nahm sein E11 Blastergewehr und feuerte aus nächster Nähe auf sein Schwarzes Loch.

Rumms! Na also. Der Grosse Versuchsleiter schaute nun quitschvergnügt durch sein Ereignishorizontteleskop und konnte seinen Augen kaum trauen. Was ging da auf einmal ab. Aus dem Nichts. Naja, nicht ganz nichts. Da gab’s ja schon seinen kleinen Planck-Krümel. Jedenfalls tat es ein herrlich Feuerwerk. Es knallte und zischte und das ganze Paket dehnte sich ordentlich aus. Es gab Quark-Sterne, Pulsare, blaue, gelbe und braune Zwerge. Und wo Zwerge sind, sind Riesen nicht weit, er sah sogar einen roten Überriesen. Und dann diese wunderschönen Supernovae, die so herrlich leuchteten und farbige Nebel hinterliessen. Was ein Gaudi. Da waren ganze Galaxien und schwarze Löcher. Haufenweise schwarze Löcher in seinem grossen schwarzen Loch. Hm, eigentlich habe ich ein veritables Universum geschaffen. Nicht schlecht, oder?

Der Grosse Versuchsleiter war ein bisschen enttäuscht, als das ganze Spektakel nach kurzer Zeit wieder erlosch. Aber er hatte zum Glück eine recht zuverlässig arbeitende Zeitmaschine zur Hand. Damit liess er das Ereignis noch einige Male vor- und rückwärts laufen, was ihn amüsierte. Was sonst.

Beim letzten Durchgang fiel ihm ein winziges Detail auf. Sein Universum war geprägt von physikalischem Sterben und Leben. Sterne, Planeten und andere Himmelskörper wurden geboren und gingen wieder unter. Ein munteres Kommen und Gehen. Aber da gab es in einer Galaxie, die sich Milchstrasse nannte, ein absurdes Sonnensystem mit tatsächlich nur einer Sonne und acht oder neun Planeten, so genau konnte er das nicht sehen. Und hier ereignete sich Sonderbares. Auf dem dritten Planeten von der Sonne her gezählt, geschah das Absurdeste, was er bis hierhin wahrgenommen hatte.

Kurz gesagt: Es entwickelten sich auf der Oberfläche dieses merkwürdigen Himmelskörpers aus komplexen Molekülen so etwas wie Zellen, die mit der Umwelt interagierten. Der Grosse Versuchsleiter nannte diesen Prozess Stoffwechsel und fasziniert beobachtete er, wie sich diese Wesen munter gegenseitig verstoffwechselten. Hm, zweifellos ein Fehler in der Simulation, aber im Ergebnis doch ganz nett. Hätte ich eigentlich selber drauf kommen können. Biologische Evolution ist doch hübsch anzusehen. Auf einmal ging die Geschichte schnell zu Ende. Die Wesen wurden grösser und komplexer und dann war da für einen winzigen Moment der nackte Affe, der sich Mensch nannte. Er schien sehr intelligent zu sein. Ob er mit dieser Intelligenz was reissen kann? Hm. Leider war er Sklave seiner Natur geblieben. Fressen und Gefressen werden, Konkurrenzkampf um Ressourcen und optimale Fortpflanzung waren sein Schicksal. Eine kleine Weile blühte dieser Wahnsinn durchaus in Schönheit auf, doch dann wollten die Menschen wohl selber Versuchsleiter spielen und begannen sich gegenseitig mit Kernspaltwaffen zu bewerfen. Dies taten sie in solchem Übermass, dass von der merkwürdigen Schönheit ihrer sonstigen Werke gar nichts mehr übrig blieb. Und von Ihnen selbst auch nicht.

Das ist eigentlich alles nicht der Rede wert, aber diese Selbstzerstörung dieser absurden Wesen gab dem Grossen Versuchsleiter doch für einen Augenblick zu denken. Vor allem, weil nicht wenige dieser absurden Wesen ihm auf ganz verschiedene Weise huldigten. Sie unterstellten ihm auch, „lieb“ zu sein.

Hm, ich hab doch nur zugeschaut. Also „lieb“ in eurem Sinn bin ich sicher nicht. Wozu auch? Das wäre zwecklos.

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2 Kommentare zu „Die Quadratur des Planck-Sterns

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