e-m@il für Mich

Reich mir mal die Butter rüber.

…Hm…, ja. Tom schob sie über den Tisch ohne aufzusehen. Er war in sein leuchtendes Tablet vertieft, vielmehr in irgendwelche internetten Botschaften, die fortwährend aufploppten oder sich via Push-Banner in den Vordergrund seiner neuronalen Aktivität drängten. So liess er sich schon stundenlang visuell catchen und all die schönen Optionen auf Re-Engagements bediente er fleissig. Opt-Out? Kein Problem mit Tom. Sein E-Mail-Account füllte sich zuverlässig mit Hunderten Werbemails und Unsolicited Bulk E-Mails – täglich. Derart von einem Mist zum nächsten geschubst, meinte er dennoch, er selbst surfe durchs Internet, er entscheide, was er sich denn reinziehe. Wer tut das nicht.

Danke.

Mhm.

Tom?

Hm.

Lisa lächelte ihn an und für den Bruchteil einer Sekunde konnte er dies sogar wahrnehmen. Dann tauchte er wieder ab in die unergründlichen „News“ von Giga Tech oder so.

Tohom!

…Ja! Was ist denn?

Wie wär’s, wenn wir eine Tour zum See machen und den Möwen zuschauen.

Sag?

Ähm… Möwen? Wir sind doch gerade schön am Frühstücken. Hast du nicht eben noch Butter verlangt?

Si, tesoro. Ma dopo di che.

Dopo di…, hä? Sprich lieber Deutsch mit mir.

Ja, tesero.

Hmmm…

Also: See, Möwen?

Ja, Lisa, meinetwegen. Aber lass mich noch… ähm, dieses, diese beiden herrlichen Brioche verdrücken. Dann können wir über alles… Sein Blick war fest in irgendwelche fiesen Pixelansammlungen verhakt.

Hm. Okay. Lass dir Zeit. Ist ja Wochenende.

Wochen, ähm, ende, ja, echote Tom.

Hm.

Tom?

…Hm.

Ähm. Was denkst du, wie geht’s eigentlich Luca, wirklich?

Hm?

Was hältst du von seiner Ankündigung?

Luca ähm, was?

Luca sagte mir, er wolle in eine Alters-WG ziehen. Er habe es satt, alles nur allein durchzumachen.

Durchzumachen?

Ja, glaube, so hat er’s gesagt.

Aber, was will er damit sagen?

Hm, dass er kein Bock mehr hat, allein zu sein, schätze ich.

Ich hab mich eh immer gefragt, warum der Knabe allein lebt.

Naja, Luca ist halt Luca, eine spezielle Nummer.

Nummer? Also, ich versteh‘ gar nicht…

Tom, vielleicht liegt’s an deinem Tablet, dass du…

Hmmm, ja, klar, das stört dich, sorry. Tom seufzte sehr, sehr tief und legte das Gerät zur Seite.

Tja, ich bin auch hier. Normalerweise quatscht man ein bisschen, wenn man zusammen frühstückt.

Jaja, man wird sich doch wohl noch ein bisschen informieren dürfen.

Alles zu seiner Zeit, tesoro.

Hmhm.

Luca hat seinen Anker, wie du weisst.

Ja, das meinst du.

Was?

Ja, aber ist er deswegen tatsächlich glücklicher?

Ähm. Als?

Ja, als, als, ähm, andere, als ich zum Beispiel.

Du? Tom, haha, du bist ja das Paradebeispiel für einen depressiven Unglücksraben. Sicher ist Luca besser dran als du.

Ich? hör mal. Ich bin manisch-depressiv. Hat mir damals die, die…, wie hiess sie nochmal?

…die Engelhardt, meinst du?

Ja, genau, die Regina.

Regina? Warst du per du mit ihr? Lisa fixierte ihr Gegenüber.

Nachher schon.

Was nachher?

Ja, als sie in Kunst machte. Sie ist ja damit weltbekannt geworden. Mit ihren Skandalen… Mann! Hat die die Sau rausgelassen. Hätte ich ihr gar nicht, ähm, zugetraut irgendwie. Damals als sie so topseriös wirkte als Ärztin in der Klapse.

Aber, hör mal, wie könnte Luca seine spirituelle Attitüde nicht helfen?

Hä? Spirituelle was? Hör mal, du bist doch seine Schwester. Du musst doch wissen, was er konkret mit seinem Weltbild angestellt hat.

Ja. Klar. Tom. Irgendwie, ich weiss nicht, irgendwie schien’s für ihn immer klar zu sein. Die letzte Frage, oder die letzten Fragen stellten sich für ihn einfach nicht. Da sei immer schon eine Gewissheit gewesen, sagt er.

Du sprichst schon die ganze Zeit in Rätseln, meine Liebe. Was willst du mir über Luca mitteilen?

Nichts. Tom. Ging mir nur gerade so durch den Kopf. Von wegen Glück und so. Und was Hull dazu sagte.

Hull?

Hm. Jedenfalls glaube ich, dass für Luca eh schon immer klar war, dass sein Leben mit dem Tod nicht enden wird. Er sagte schon immer, ist doch logisch, die Seele kann gar nicht sterben. Die Seele ist frei.

Hm.

Deshalb war er immer schon mit Hull, wie soll ich sagen, ähm, im Widerspruch oder so, wenn’s ans Eingemachte ging. Auch findet er Hulls Wiederbelebung und seine Verjüngungs-Injektionen nicht wirklich sooo attraktiv, oder wie soll ich sagen, richtig? Sinnvoll? Angebracht?…

…Tja, ich schon, sehr angebracht! Tom lächelte selig; sein Tablet zog seine fettigen Brioche-Fingern wieder auf seine verheissungsvolle Oberfläche.

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2 Kommentare zu „e-m@il für Mich

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