Per Anhalter in die Praxis

Liebe Freunde, begann Hull seine Rede. Er stand tatsächlich vor dem Publikum, allerdings hielt er sich am Rollator fest. Sein zerfurchtes Gesicht, seine tief eingefallenen, dunklen Augen hätten einem normalen Betrachter einen Schrecken einjagen können. Doch es war ja sein Publikum, seine Freunde, Androiden und Betreuer. Sie alle waren bereits Schreckliches gewohnt.

Liebe Freunde. Hull versuchte ein Lächeln in sein Mumiengesicht zu bekommen, was gewiss nicht einfach war. Wir wissen, dass er alt ist. Doch sein genaues Alter gab er nicht mehr preis. Auf jene Frage sagte er in diesen Tagen nur: Multipliziere die Zahl der Todsünden mit der Quersumme meines Alters, dann bekommst du die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Wir kennen zwar inzwischen jene Antwort zur Genüge. Auch die sieben Todsünden sind ja kein Rätsel, so dass diese Quersumme eigentlich nur sechs lauten kann. Aber was nützt uns das? Nichts. Hull könnte fünfzehn oder 321 Jahre alt sein. Oder sonst was.

Dass er immer wieder diese bescheuerte 42 zitieren musste, geschenkt. Jeder hat so seine Macken. Interessanter war schon seine Vorliebe für die sieben Todsünden. Nicht dass Hull ein Moralist war. Neinnein. Allgemein war ihm auch religiöser Eifer fremd. Vielmehr faszinierte ihn, dass als Todsünden nicht schreckliche Taten wie Raub und Mord, sondern zweifelhafte, oder sagen wir besser, in Verruf geratene Motive oder Grundhaltungen angeprangert wurden. Es war ja folglich nichts anderes als der Versuch, die Basis des Verhaltens, den Antrieb des Menschen zu beeinflussen. Man soll also zum Beispiel eben nicht hochmütig sein. Man mag solche Warnungen als antiquiert abtun, aber Hull war überzeugt, dass die Autoren der sieben Todsünden nicht nur individuelle moralische Verfehlungen im Visier hatten, sondern dass sie vielmehr systemisch dachten: Eine Gesellschaft kann nur dann funktionieren, wenn sich mindestens die grössere Mehrheit der Menschen andere, bessere Grundhaltungen zu eigen macht. Und sei es die einfache Regel: sei freundlich zu den Leuten.

Hull zog auch in Erwägung, dass die sieben Todsünden nicht wirklich ein systemisch durchdachtes Meisterwerk waren. Aber ihre Wirkung war ohne Zweifel von gesellschaftlicher Relevanz. Unsere Leben wäre ein anderes ohne die christlichen Steuerungsversuche im Tugend-, sprich motivationalen Bereich. Natürlich gab es parallel dazu vergleichbare Regelwerke in anderen Kulturkreisen. Hull war jedoch Kind seines kulturellen Horizonts. Wir sollten ihm das nicht so sehr verübeln, auch wenn gerade dies heute immer mehr zur ersten Bürgerpflicht erhoben wird. Wer weiss, wozu dann mal dieser Steuerungsversuch gut sein wird.

Nun, so ist er nunmal, der Hull. Ein trockener, langweilender Geist, auf dessen biedere und schleppende Reden sich die Zuhörer allgemein wenig freuten. Aber wir schweifen ab und sind vielleicht ein bisschen zu kritisch, wer weiss das schon. Hören wir doch lieber ein wenig zu, was uns der Alte heute zu sagen hat:

Ja, also, liebe Freunde, ich wollte euch noch einmal, wahrscheinlich ein letztes Mal, zusammentrommeln, um, äh, um euch… naja, ihr wisst schon. Manchmal fehlen mir die Worte und man munkelt, ich sei dement geworden. Hm, ich widerspreche dem, auch wenn ich vielleicht nicht die besten Argumente habe. Bildet euch ruhig selbst ein Urteil. Also, aber das war es nicht, warum… Ich will euch vielmehr höchstpersönlich, ähm, mitteilen, wie es hier weiter geht. Gehen soll. Du Tom, Hull blickte diffus in seine Richtung, du hast die notwendigen Schritte, wie soll ich sagen… wie eigentlich immer… also die üblichen Labordialoge sind somit Geschichte. Hat eh keine Sau… ähm, sorry. Also Tom hat Braincake 5.51 installiert, die neueste, smarteste KI ever. Damit, damit… äh, werden unsere Kunden, ähm viel Freude… ähm, oder Tom?…

Soll ich kurz übernehmen, Hull, damit du dich wieder ein bisschen sortieren kannst? Fragte eine Dame aus dem Publikum. Sie schien in der Blüte ihrer Jugend zu ruhen.

Hä? Quatsch, ich brauch mich nicht sortieren. Ähm, Leute, übrigens das ist Dolores, meine liebe Dolores, von der ihr wahrscheinlich schon so viel Gutes gehört habt.

Ein Raunen ging durchs Publikum. Tom verdrehte Hals und Kragen, um die Angesprochene besser zu sehen. Auch ein älterer Yogalehrer, den einige wohl noch aus vergnüglicheren Zeiten kennen, starrte sie an, als wäre sie eine Göttin. Nur Lisa schien das Theater gar nicht zu behagen, ihr Blick fiel zu Boden und sie grummelte etwas wie „Scheisskerle“ oder so ähnlich vor sich hin. All dies geschah gleichzeitig, genau so wie auch zwei kleine Androiden hervorsprangen, sich umdrehten und auf die umwerfende Erscheinung zeigten. Sie riefen im Duett: Tata! Dolores!

Nun, ich weiss, das klingt wieder einmal allzu sehr übertrieben, viel zu konstruiert und eigentlich wenig überzeugend. Aber! Genau solche Dinge geschehen tatsächlich am laufenden Band auf dieser Welt. Direkt vor unserer Nase. Wir sind nur allzu schnell bereit, die Realität mit all ihren Schrecken und Verwerfungen wieder zu nivellieren, zu deeskalieren und deskandalieren. Weil wir nichts lieber als die Ordnung schätzen. Und deshalb kann sich diese dolorose Injektion von Realität durchaus als heilsam erweisen. Dochdoch.

Hull schaute vergnügt in die aufgewühlte Runde und wartete noch ein Weilchen. Dann wurde es langsam still im Saal und man konnte in der Ferne, wirklich weit weg, den wehmütigen Ruf eines Käuzchens hören. Mehrmals. Dann erst sprach Hull weiter.

Nun wisst ihr also, wie der Hase, wie es weiter geht in meinem Labor, ähm, läuft, ähm. Aber. Wenn wir hier schon mal zusammen sind. Ähm, ich möchte euch noch einmal, wie soll ich sagen. Vergesst einfach nicht, ich weiss, ihr habt das alles schon ein paar Mal von mir gehört, vergesst nicht, wie es funktioniert. Wie es wirklich funktioniert. Denn es gibt keinen Homo sapiens. Das ist nur Hochstapelei. Der Mensch ist ein Homo ludens. Denn auch der Seriöseste unter uns muss für seine Entscheidungen täglich nach Wahrscheinlichkeiten, nach Möglichkeiten, aus zweifelhaften Auswegen quasi im Trüben fischen. Was soll er sonst tun? Würfeln?

Die Meute lachte dankbar, womit sich nun jeder als Insider abfeiern konnte und Hull fuhr fort: Ihr alle lebt zwar in der Realität, aber ihr alle könnt sie nicht ertragen, ja nicht einmal mehr wahrnehmen. Ja, das ist normal. Jeder lebt vielmehr in seiner eigenen Blase, seiner eigenen Geschichte, die er oder sie sich selbst erzählt, sich selbst und andern, ja. Und weil man sie auch andern erzählt, darum muss diese Fiktion ein bisschen plausibel sein, nur darum leben wir nicht in völlig verrückten Welten, im Wahn, den wir fürchten, aber insgeheim bewundern. So entstehen durch gegenseitiges Hochschaukeln, ähm, verrückter Geschichten, so entstehen auch kollektive Wahnwelten. Wie ihr wisst, die reale Geschichte ist voll davon. Also denkt daran, euer Leben ist ein Narrativ geworden, ein Plan, dem ihr hinterherläuft. Passt auf, dass ihr nicht Opfer des Bestätigungsfehlers werdet, denn ein Narrativ verteidigt sich gerne selbst, ganz automatisch. Und so wird euer Horizont nicht weiter, nicht offener, weil das ja auch keiner aushält, nein, er wird im Laufe des Lebens immer enger. Letztlich bleibt aber die Einsamkeit, jeder muss alleine sterben. Hm, erzählt euch deshalb eine gute, eine freundliche Geschichte, eine in der ihr und andere gerne ihren Platz finden. Das ist möglich. Ihr seid euer eigener Drehbuchautor. Nun, so bin ich denn am Ende, habe fertig.

Und wieder rief das Käuzchen. Ist es nicht näher gekommen? Inzwischen? Dolores lächelte vergnügt in die Runde. Kein Wunder, für sie waren Hulls olle Kamellen ja ziemlich neu. Aber ans Sterben dachte sie eh noch überhaupt nicht. Natürlich nicht. Ha. Wie es mit ihr weiterging? Nun war ihr Name nicht Programm? Aber wenn man bedenkt, dass eine beliebte Kurzform ihres Namens Lola lautet, dann entstehen Räume für neue Spielereien, ja… Und dann gibt‘s noch die Variante Lolita… aber… lassen wir das.

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