Im Café der magischen Momente

Harry Potter and Hulls Chamber of Secrets

Aufwachen, Leute. Die dritte Staffel hat soeben begonnen.

Wo sind wir denn? Nun, das sieht nach Hulls Café der verlorenen Jugend aus.

Wo soll das bitte schön sein? Egal. Jemand stellt sich halt ein hübsch hergerichtetes Strandcafé vor, der alte Existenzialist eher eine düstere Hinterhofkneipe mit Zigarettenqualm und dauerndem Dröhnen der Lüftungsanlage des Kaufhauses nebenan. Oder dann doch Modianos „Condé“, so literarisch-liturgisch wie möglich. Authentizität ist jedenfalls gefordert, also für jede und jeden die passende.

Und die Handlung? Wie wäre es mit einem leeren Textfeld. Wenn man will, gibt man seinen Senf dazu. Oder man lässt es. Nun…

Ein Café, jetzt in Zeiten der Pandemie?

Hull: Bei uns ist alles total sicher. Da braucht sich keiner Sorgen zu machen. Wir messen zuerst mal bei allen Gästen Fieber mit diesem Dings da und ja, offen ist auch nur diese Terrasse, also wir sind ausschliesslich draussen an der frischen Märzluft. Und auch das nur, wenn die Windgeschwindigkeit mindestens einskommafünf Meter pro Sekunde beträgt. Das kann keinem Virus eigentlich so recht gefallen.

Lisa: ich mache aber nur noch mit, wenn der Yogalehrer wieder vorbeischaut.

Luca: Viele Leute werden sich noch gar nicht in eine Kneipe trauen. Zudem ist es jetzt viel zu kalt für ein Terrassencafé. Das könnte ein Flop werden.

Zu kalt? Wir haben herrliche fünf Grad und nur ganz leichten Schneeregen. Ich finde das durchaus attraktiv. Zudem, ich investiere aus Prinzip antizyklisch. Das hat mich immerhin bis hierhin gebracht.

Hull, ich denke, das alles hier ist nicht so, wie es aussieht. Stellt dieses Café nicht vielmehr deine Flucht nach innen dar? Auf eine paradoxe Weise?

Flucht nach innen? Kannst du versuchen, Luca. Aber innen ist nichts ausser angehäufte Sehnsucht. Sehnsucht, bohrendes, weitertreibendes Verlangen, immer genährt aus äusseren Reizen. Lisa ist das beste Beispiel.

Was soll mit mir sein…? Hull, die Tische stehen zu nahe zusammen. Wir machen mal ein bisschen mehr Abstand! Lisa rupfte eifrig an den vier Vintage-Tischchen herum und wirbelte die Stühle durcheinander.

Die Sehnsucht nach Tom, Lisa, das ist es, was dich wach hält.

Kommt er denn? Lisa mit eindeutigem Blick.

Keine Ahnung. Tom erscheint nur dann, wenn die Zeit wirklich reif dafür ist.

Hull, letztlich geht es vielleicht darum, den Samadhi Tank ohne diesen Tank zu erleben. Dann hast du es geschafft.

Was? Luca, wie kommst du jetzt auf Samadhi?

Dann bist du wirklich cool.

Cool…?

Mhm.

Lisa: Wozu soll das gut sein? Ich will nicht cool, ich will heiss sein! Ich will alles ausprobieren und wenn’s sein muss, auf die Schnauze fallen.

Bitte sehr, Schwesterherz. Das Ausprobieren ist nicht das Problem, aber das Fallen, das Fallen will gelernt sein. Schau dir diese schweren Schneeflocken an, wie sie fallen. Sie lehren uns, wie das ohne Schaden ginge. Nur dieses Verlangen, dieses vermeintliche Defizit… Nur diese Sehnsucht, dieser immer schnurrende Motor im Innern motiviert uns, weiter zu machen, weiter zu denken, weiter zu kriechen, obwohl wir doch so müde sind. Immer geht es um das, was noch fehlt. Und immer fehlt etwas. Geld, Geborgenheit, ein toller Job, Traumferien, ein Partner, eine Tiefkühltruhe, eine Perspektive… Manchmal weiss man gar nicht so genau, was fehlt. Man spürt einfach dieses brutale Nagen tief innen drin, das einem stets zu Neuem drängt.

Du bist nur neidisch, Luca.

Ha…!

Jaha.

Hull wandte sich ab, ging ins Haus zu seiner Kaffeemaschine und machte sich einen Espresso. Was sonst.

Nein, Fragen hatte er schon lange keine mehr. Also nicht so wirklich, nur noch – aber ist das nicht Kinderkr… ? Nein? Okay, das ist nett. Denn die wichtigste noch verbleibende Frage lautete: What is the Monster in the Chamber of Secrets?

Es wäre zu deinem Besten

Nein, nein, so kann man das wohl kaum sagen. Wo kämen wir hin…

…Nun, Tom, dann möchte ich Sie aber jetzt wirklich fragen, ob Sie irgendwann einmal gedenken, der Realität ins Auge zu schauen.

Das war ein Wirkungstreffer, ohne Zweifel. Frau Doktor Engelhardt staunte selbst ein wenig über ihre forsche Ansage. Hatte sie sich von diesem nörgelnden ewig Pubertierenden etwa provozieren lassen und ihre professionelle Haltung über Bord gekippt? Nein, nein, man muss den Patienten manchmal auch eine Injektion verpassen, die sie aus ihrem behaglichen Wolkenkuckucksei herauskatapultiert und tja, ja eben auf den Boden der harten Realität aufschlagen lässt. Dort allerdings vermochten viele nicht ohne professionelle Krücken herumzulaufen. Aber eben, das war ja wohl ihre Aufgabe. Den Menschen zu helfen, mit der leider oft so brutalen Wirklichkeit zurechtzukommen und sie im Laufe der Zeit in ihrer Persönlichkeit soweit zu stärken, dass sie so etwas wie Selbstwirksamkeit oder genügend Ich-Stärke erreichen täten, auf dass sie dereinst alle Auseinandersetzungen fröhlich selber zu führen in der Lage sein würden…

… Die Realität? Aber Frau Doktor Engelhardt, haben wir dieses Monster nicht längst besiegt? Ich verstehe nicht recht, was Sie jetzt wieder von mir wollen. Habe ich meine „Ämtli“ etwa nicht gewissenhaft erledigt…?

…Doch, natürlich, Tom, das meinte ich nicht. Es ging mir mehr ums… ach, vielleicht haben Sie Recht. Aber wenn wir keine Realität anerkennen, dann leben wir in einer völlig beliebigen Welt, oder?

Ist sie das etwa nicht? Die Welt macht, was sie will. Ich kann mich nur anpassen oder sie ignorieren.

Sie können auch partizipieren, sich einbringen, etwas verändern.

Ha, Frau Doktor Engelhardt. Ich verstehe ja schon, dass Sie uns armen Seelen so etwas beizubringen versuchen. Aber das sind doch recht naive Vorstellungen. Haben Sie denn die Botschaft Hulls nicht verstanden? Determination, Evolution, haltloses Driften der Gene und Möglichkeiten! Alles nur ein Spiel. Auch Sie, Frau Doktor, bei allem Respekt, auch Sie sind bloss ein Spielball, der von unvorhersehbaren Kräften herumgeschleudert wird. Ihr Bewusstsein emergiert hier lediglich in einer zwangsläufig schon vorgespurten Art und Weise. Sie können gar nicht anders als Sie schon sind beziehungsweise geworden sind. Lesen Sie meine Notizen über Hulls Forschungen, Frau Doktor, und Sie werden verstehen, was Realität überhaupt sein könnte.

Nun gut. Sie können mir sicher jetzt eine genaue Definition der Realität geben, nicht wahr Tom?

Hm. Wissen Sie, Frau Doktor, früher, als ich noch jung war, also, viel früher, da dachte ich – und das ist der Punkt – es dachte einfach so vor sich hin: Die Rätsel sind alle da draussen. Das alles muss verstanden und ja, dann verändert werden, auf dass alles richtig werde. Also, anders gesagt, die Welt, die Natur, die Gesellschaft, all die Menschen, die muss man begreifen, dann kann man das alles steuern und verändern. Die Realität verstehen und gestalten. Ein Werbespruch für die Wahl sozusagen. Und wenn Wahlen nichts bringen, dann wird’s eine Revolution tun. Gerechtigkeit wird herrschen, sicher auf jeden Fall, das muss das Ziel sein. Das war alles lange Zeit implizit richtig. Schliesslich gab es kluge Leute, wie Thomas Morus, Marx und Engels und naja, Lenin, aber da fängt der Schmerz auch schon an. Dennoch, was gut war oder zumindest wäre, war bekannt. Es käme ja nur darauf an, das umzusetzen.

Tom, Sie brauchen mir nicht zu erzählen, wie real der real nicht mehr existierende Sozialismus einmal war. Gleich zitieren Sie mir noch den Quatsch, dass wer bis zwanzig kein Sozialist sei, kein Herz habe, aber wer mit dreissig kein Liberaler geworden sei, keinen Verstand habe. Sie wissen genau, dass ich mit dem Realitätsbegriff etwas viel Grundsätzlicheres meine.

Aber ja, Frau Doktor Engelhardt. Ich komme gleich zum ganz Grundsätzlichsten, kein Problem. Ich wollte nur… nun, eine Entwicklung meinerseits, aber Sie haben natürlich – wie äh, meistens – vollkommen Recht. Das war Quatsch. Ich weiss auch nicht warum ich immer abschweife.

Nun, Tom, die Realität.

Ja, eben. Frau Doktor. Wenn ich doch kurz… ähm, anknüpfen dürfte…? Also, früher: Realität, überhaupt, alles was es zu begreifen galt, war draussen, die Welt, der Planet, die Umwelt, die Gesellschaft, der Mensch. Aber dann gibt es einen Punkt im Leben, oder vielmehr, Punkte…, äh, ja, ich fasse mich kurz, schon gut. Mensch, ist das Stichwort. Er war das Objekt, das man verstehen wollte, auch den einzelnen durchaus, in seiner Funktionsweise. Also hat man Biochemie studiert, nicht wahr, Frau Doktor, auch Sie mussten ja vor langer Zeit einmal Biochemie studieren? Ist Ihnen da nicht aufgefallen, wie das Ganze so perfekt mechanistisch funktioniert? Die Zelle ist der Schlüssel zum Verständnis, wenn man die Gesellschaft verstehen will. Eine biologische Zelle ist nichts anderes als eine winzige, das heisst, unsichtbare, aber höchst komplexe biochemische Fabrik, die punktgenau liefert. Die die Entropie zielgerichtet und zuverlässig, eben mechanistisch, verarsch… ähm, überlistet. Energie liefert, zum Beispiel. Und dann kommt der Punkt, wo du begreifst, Denken, also Denken, ist eine kleine Bewegung im Universum, nun, wer hat das schon mal gesagt, war es David Hume? Egal, Verzeihung, Frau Doktor… wo war ich stehengeblieben?

Engelhardts Gedankenwelt trübte sich zunehmend ein. Was war das für ein endloses Geschwätz? Warum gelang es nicht, diesen Tom zu erden? Ihn einfach mit der Macht des faktischen Alltags so vertraut zu machen, dass er ihn irgendwann auch würde bewältigen können…?

Sie wollten mir – kurz – was über die „Entwicklung“ ihres Realitätsbegriffs erzählen, so weit ich das überschaue.

Aber ja. Das haben Sie – wieder einmal – sehr schön gesagt, Frau Doktor Engelhardt.

Nun?

Um mich kurz zu fassen. Was wahrlich schwer genug ist. Die Sache ist ja doch reichlich verzwickt. Nun, das Denken wird wohl eine Bewegung auf Basis von Hirnaktivität sein. Oder zumindest unter reichlich Mitbeteiligung des Gehirns, soweit sollte noch Einigkeit herrschen. Denken und Fühlen tut der Mensch mit Hilfe seines Hirns. Könnte man es dabei bleiben lassen? Das ist aber immer noch die Dritte-Person-Perspektive. Dann ist alles okay. Dennoch: jeder Hirnforscher ist doch auch ein Subjekt, oder nicht? Was ist, wenn er, oder sie, natürlich, Frau Doktor, oder das Diverse natürlich auch, also wenn so ein Mensch gerade denkt und fühlt. Was ist dann?

Was soll sein, Tom? Sie bemerkte, wie sie schon eine Weile mit dem Kugelschreiber in schneller werdendem Rhythmus auf den beinahe leeren Schreibblock klopfte.

Nun, da der, die oder das Denkende und Fühlende ein Hirnforschendes ist, wird es wissen, dass das, was stattfindet, das was gerade jetzt, also genau jetzt, real ist, eine Bewegung im Gehirn ist. Diese hat zwar ihren Bezug nach draussen. Schliesslich haben wir Sinnesorgane, die uns die Welt erschliessen. Nun, wenn nicht die Welt, so wenigstens unser Biotop, das was wir scheinbar brauchen, um durch Raum und Zeit zu driften, um evolutionär erfolgreich zu sein. Also zum Beispiel Farben, die es jedoch da draussen nicht gibt. Das Gehirn filtert bekanntlich die Wellen und schafft für uns Dumpfbacken eine Welt in vielen Farben, damit wir sie besser wahrnehmen können, beziehungsweise damit wir besser darin herumhüpfen können. Aber nicht, um sie besser begreifen zu können. Denn wie gesagt, Farben sind ja nur Krücken.

Krücken?

Ja, das Gehirn baut viele Krücken und wir mit unseren Händen schliesslich auch. Die ganze Welt ist eine Ansammlung von Krücken, nur um weitere Krücken zu bauen. Aber ich wollte noch etwas, also, zum Pudel, zum Kern, Sie wissen schon, Frau Doktor…

…Tom, vielleicht ist es für heute schon genug? Nicht dass Sie sich überanstrengen.

Ha? Genug…? Nein, nein, wo denken Sie hin. Wir fangen doch gerade erst an, Ordnung ins Universum zu bringen. Das können Sie jetzt nicht abwürgen. Hören Sie zu, Frau Doktor, das hirnforschende oder neurowissenschaftliche, wie Sie lieber wollen, Frau Doktor, das neurowissenschaftliche Wesen wird sich nun seiner selbst gewahr beziehungsweise der Welt und es begreift plötzlich, nachdem dieser Fakt so lange ignoriert worden ist, das Bewusstsein ist das Ding, was real ist. Ich denke, also bin ich. Dieser Satz ist gut, aber ungenügend. Richtig muss es heissen: Ich denke, also ist die Welt. Um die Sache abzukürzen, nicht der philosophische Materialist hat die Realität begriffen, sondern der Solipsist. Das ist eine unglaubliche Pointe der Kulturgeschichte! Aber so ist es. Real im engsten Sinne kann einzig meine Hirnaktivität und seine Denk- und Fühlbewegung sein. Natürlich verweist diese auf eine Aussenwelt, auf andere Menschen, auf die Gesellschaft. Immer vermittelt über Sinnesorgane. Natürlich weiter vermittelt über Medien. Das ist ein Spiel, Frau Doktor, also in dem Falle, spielen wir stille Post. Kennen Sie das, die stille Post, Frau Doktor? Ja, sicher, kennen Sie das. Das bedeutet, wir erachten Dinge da draussen als real, die unsere Sinnesorgane aus Medien saugen, die irgendwelche andere Gehirne aus dem Hörensagen über Ereignisse für uns formuliert haben, deren Augen- und Ohrenzeugen wiederum etwas wiedergeben, was deren Sinnesorgane angeblich erfasst haben. Die Wirklichkeit da draussen, Frau Doktor, ist eine Schimäre. Man kennt doch diese Rituale, die der gemeinsamen Selbstversicherung dienen, damit man sich immerhin einigermassen einig wird, was denn real sei.

Welche Rituale, Tom? Bei diesem Begriff wachte sie nochmals auf. Rituale sind schliesslich ein wichtiges Werkzeug für Psychotherapeuten…

Nun, nehmen Sie Donald Trump, ach das Thema ist ja vorbei, also besser nehmen Sie den Klimawandel, zum Beispiel. Der ist leider reichlich abstrakt, auch weil das Wetter immer dazwischen funkt. Deshalb ist das Konzept auch leicht angreifbar. Damit man es verteidigen kann – verstehen Sie mich nicht falsch, Frau Doktor, ich sage nicht, nein, ganz im Gegenteil, der Klimawandel ist real, hm, so real er eben sein kann, nicht wahr, Frau Doktor? Also, damit man den Klimawandel verteidigen kann, ach, das…nein, wissen Sie, das ist doch alles komplett falsch formuliert. Frau Doktor? Vielleicht haben Sie doch Recht? Vielleicht brauche ich wirklich eine Pause. Frau Doktor, sind Sie etwa eingeschlafen…?

Neues auf der Welt

Hull lehnte sich an den Türrahmen, blickte auf die leere Terrasse, beobachtete die winzigen Eiskristalle auf den hübschen Tischchen, wie sie langsam in der noch kühlen Morgensonne dahinschmolzen.

Nichts los, Hull. Auch heute kommt nicht ein Eichhörnchen.

Hm.

Eigentlich wundert mich das nicht. Einskommadrei Grad, da nützt auch die Sonne nichts. Lisa hob die Schultern, die Arme…, malte dergestalt ein etwas länger dauerndes Fragezeichen in die Luft.

Hm.

Luca hat Recht, dass er sich frei genommen hat. Unser Café ist ein Riesenflop.

Warte mal, warte nur. Irgendwann kommt der erste Gast.

Hull, wir warten jetzt schon die ganze Woche. Nicht einer, nicht einer…keiner.

Hm.

Hull beobachtete die Leute, dick eingepackt in Wintermäntel, wie sie eilig vorbeigingen. Sie ignorierten das Café, alle ausnahmslos. Keiner schaute auch nur hin. Das schien ihm nun ein Wink des Zeitgeistes zu sein, wenn es diesen denn geben würde. Alles schien nur noch Routine zu sein, alles so gewöhnlich. Ein neues Café? Wozu auch, es gab schon dreissig andere und in Zeiten der Pandemie gehen die meisten eh Pleite.

Dann geschah es.

Hull traute seinen Augen nicht so ganz, aber alles deutete nun wirklich darauf hin. Worauf?

Tom? Bist… du es? Wirklich. Hull lächelte. Alter, das ist eine Überraschung, echt. Ich dachte, du bist in der Kla… Klinik?

Tom? Was, das Männchen da soll Tom sein? Lisa versuchte ihrer jungen Haut so etwas wie Stirnrunzeln beizubringen.

Tom setzte sich wortlos an eines der kleinen Tischchen, die wie Spielzeug auf der kleinen Terrasse herumstanden.

Dann sagte er: Hull, irgendwie hast du mich enttäuscht. Wir wollten den ganz grossen Wurf tätigen, den ultimativen, mit dir als Polyhistor in der Hauptrolle. Naja, Tempi passati. Bring mir einen Espresso.

Sofort. Hull ignorierte die Schelte und verschwand im Innern.

Lisa betrachtete Tom noch immer. Wer sind Sie…?

Tom.

Das habe ich gehört. Welcher Tom denn? Ich kenne einen ganz anderen Tom.

Tom warf einen Blick auf Lisa. Er schien nicht gerade bester Laune zu sein. Tut mir leid, wenn ich nicht deinen Erwartungen entspreche. Das tue ich eigentlich nie. Leider, irgendwie, aber was könnte man tun. Man kann ja eben nichts tun. Er schien mehr zu sich selbst zu sprechen.

Sie kennen Hull?

Ob ich Hull kenne!? Ha. Keiner kennt Hull so gut wie ich.

Das wär mir neu. Ich sehe Sie hier zum ersten Mal.

Kannst du zu mir sagen, ich bin Tom.

Das sagten, hast du schon…

…Schliesslich habe ich Hull erschaffen.

He? Lisa schaute sich das schmächtige Männchen an und schien zunehmend verwirrt zu sein. Ich muss mich mal setzen, wenn du erlaubst.

Klar, aber zieh dir ne Maske an oder halte Abstand.

Okay, Tom. Wie, was erschaffen? Du bist doch eher ein bisschen jünger als Hull. Wie könntest du sein Vater…

…Ich bin Schriftsteller.

Aha…?

Hull kam heraus, in der einen Hand sein sagenhafter Espresso, in der anderen hielt er eine kleine Schachtel.

Ich habe gehört, wegen dir sei die Engelhardt ausgetickt. Burnout oder so. Wie hast du das wieder hingekriegt? Ich meine wir reden von Frau Doktor Engelhardt, der renommiertesten Psychotherapeutin weit und breit.

Du meinst diese Assistenzärztin in der Psychiatrie? Nein, nein, der geht es ganz gut. Sie hält sich tapfer, die Einzeltherapien mit ihr sind so was wie Offenbarungen, echte Highlights. Hm, dein Espresso ist wirklich nicht schlecht. Aber reden wir lieber von dir, Hull. Warum hat das denn nicht geklappt?

Was, nicht geklappt? Läuft doch alles prima hier. Schau mal, was ich für dich habe.

Hull öffnete die Schachtel und holte allerhand Kram daraus hervor. Dann rollte er einen Tischläufer aus und stellte vier kleine Blechfigürchen drauf. Sie sahen aus wie Zinnsoldaten, nur aus Blech und ja, Soldaten waren es auch nicht. Eines sah fast aus wie Lisa, eines wie Tom. Aber eher wie jener hübsche Yogalehrer, nicht wie der verrückte Schriftsteller hier. Luca und Engelhardt ergänzten den kleinen Zoo.

Was soll das denn…? Kreischte Lisa.

Warte Lisa. Wir hauchen diesen Vollpfosten etwas Leben ein. Hull stellte einen alten Wecker auf den Tisch, direkt neben die Figürchen, dann drehte er an den Stellrädchen auf der Rückseite der Uhr. Plötzlich schepperte es, der Wecker schlug Alarm.

Auf einmal lachte Tom. Das war jetzt wirklich ganz nach seinem Geschmack. Und er sah, wie der hübsche kleine Blechtom tatsächlich seinen Kopf in Richtung kleine Blechlisa drehte. Und dann sagte Blechlisa tatsächlich: Du, Tom, ich komm gleich in deine Yogastunde. Ich freu mich schon riesig. Es klang – blechern, ja und dünn und jaja, bizarr auf jeden Fall. Aber ihre Stimme war doch deutlich zu hören. Diese abstruse Szene war mit Sicherheit real. Lisa verdrehte die Augen, sie drohte den Verstand zu verlieren.

Aufhören! Das ist doch völlig irre! Hull, du bist ein Idiot. Was sollen diese Blechzombies…?

…Nein, weiter! Das ist klasse, Hull! Hätte nicht gedacht, dass du die Sache so weit treibst. Tom strahlte.

Blechengelhardt schepperte in Richtung Blechluca: Nein, junger Mann, Sie sind hier ziemlich falsch. Ich erwarte jetzt Tom zum Gespräch.

Tom kugelte sich vor Lachen. Das war seit langem sein glücklichster Tag.

Lunar Orbiter

Noch ein Käffchen?

Hm, eigentlich…

Eigentlich kein Problem. Komm schon, Regina.

Luna schob sie sanft in Richtung Caféteria. Regina Engelhardt seufzte.

Zeit habe ich eigentlich keine, aber okay, du hast Recht, ein Käffchen gönnen wir uns jetzt trotzdem mal.

Ja, Regina, Zeit haben wir eigentlich nie. Gerade deshalb sind Pausen wichtig, nicht wahr?

Luna entlockte dem Vollautomaten einen Cappuccino, obwohl es bereits nach fünfzehn Uhr war. Und sie wusste genau, nur Banausen trinken nachmittags noch Cappuccino. Aber das war ihr egal, schliesslich war dies hier definitiv nicht Italien und deshalb gab es hier praktisch nur Banausen, diesbezüglich wenigstens. Lunares Lächeln…

Regina gönnte sich einen Espresso. Das hingegen geht immer. Nur wusste sie das gar nicht.

Sag mal. Was läuft auf deiner Abteilung so? Man hört da so Einiges.

Hm? Wie kommst du denn da drauf. Läuft alles wie immer. Die Kunden sind schwierig und auf diesen Status haben sie ja durchaus auch Anrecht, oder nicht? Regina fixierte Luna mit ihren himmelblauen Augen und lächelte.

Ja, klar, Regina. Also, was man so sagt…

…Luna, mich interessiert dieser ganze Klatsch über meine Abteilung nicht. Das B2 könnte mein Reich bleiben, selbst wenn sie mir jetzt wirklich einen Oberarzt vor die Nase setzen. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Ich kann die Station ja auch gut ohne leiten, oder sagen wir so. Die konsiliarische Beratung durch Ebert hat die letzten Jahre völlig ausgereicht, warum sollte das nicht weiter so laufen?

Vielleicht… vielleicht weil der Ebert das nicht mehr will? Der ist ja auch schon sechzig, der will bestimmt kürzer treten.

Quatsch. Der braucht doch gar nix tun aufm B2. Ich bin doch mein eigner Oberarzt, sozusagen. Oder zweifelt denn jemand an meiner Kompetenz?

Behüte? Nein, das weisst du. Nie hab ich irgendwas gehört, was…

…Dann lass den Quatsch. Ich dachte, wir wollen hier eine gemütliche Kaffeepause machen. Aber, ja. Wer weiss, wie lange, ob ich überhaupt…

…Jaa, Regina, sicher. Sag mal, was macht denn dein neuer Patient, der ist bipolar, nicht wahr?

Der Tom? Der ist so neu auch nicht mehr. Seit fünf Wochen hängt der hier rum. Nein. Eigentlich ist er sehr motiviert. Der will sowohl Einzel- wie auch Gruppentherapie machen. Das Problem ist nur…

…Du hast’s gut. Motivierte Patienten! So was sähe ich auch mal gerne. Aufm A3 ist das nicht im Angebot.

Selber schuld, wer auf ner Akutstation arbeiten will…

…Also, was ist mit diesem Tom. Die ganze Klinik spricht mehr oder weniger von ihm.

Schweigepflicht… Regina lachte.

Luna sah sich um. Hört keiner zu, Regina. Wir machen doch einfach eine kleine Fallbesprechung.

Ja, Tom, das ist einer, der passt nicht in diese Welt… Nicht nur er, klar. Aber er ganz besonders nicht. Der kommt von einem andern Planeten, aus der Zukunft, aus einer grausamen Zukunft. Regina starrte Löcher in den Tisch vor ihr.

Was redest du da…?

Ja, doch. Sein Problem ist dieser Hull. Eine Figur, die er sich höchstwahrscheinlich nur ausgedacht hat. Aber er fehlt ihm sehr, er sucht ihn überall, sogar in meinen Schreibtischschubladen. Deshalb ist er überhaupt hierher gekommen.

Jaa…?

Er behauptete zu Beginn, Hull würde hier seit fünf Jahren im Koma liegen. Er wüsste aber, wie er ihn retten könne. Nur er, natürlich.

Hm.

Und da war schnell klar: Unser Tom war manisch.

Und inzwischen?

Ha. Er ist es immer noch. Trotz Hammerdosen Aripiprazol und Lorazepam. Dem sein Stoffwechsel haut das alles weg.

Und wieso ist er nicht auf Akut?

Das war seine Bedingung. Ich habe ja zufälligerweise das erste Gespräch mit ihm geführt, du erinnerst dich noch an die Story? Hull hier, Hull dort, alles war Hull für den armen Kerl. Und ja, diese Geschichte wurde dann zum Eintrittsgespräch. Ich musste ihm versprechen, dass er auf eine Psychotherapiestation käme. Okay, da war meine dann prädestiniert für, nicht wahr.

Klingt so, als würdest du den Schritt bereuen.

Nein, ja. Was weiss ich. Er ist einfach ziemlich speziell irre. Anders als die andern. In der Gruppentherapie wird der arme Kerl regelrecht gemobbt. Die wollen mit ihm nichts zu tun haben. Gestern, da hat er mir wieder eine Story erzählt, das kann man sich ja gar nicht ausdenken, so was. Ich war danach auch fix und fertig.

Was hat er denn…?

Er sei in der Stadt in Hulls Café gewesen. Hull habe sich wie ein kleines Kind gefreut, ihn endlich wieder zu sehen. Nur habe er eine sehr merkwürdige Geliebte, Lisa, die mit ihm dort gearbeitet habe. Vom Alter her könnte sie seine Tochter sein. Diese Beziehung habe ihn sofort sehr beschäftigt, wahrscheinlich sei er auf der Stelle eifersüchtig geworden. Er habe dann aber einen Espresso getrunken und dadurch sei die Welt plötzlich aus den Angeln geraten.

Hm.

Er habe noch gedacht: Hull, du alter Schelm, was hast du mir in den Kaffee getan? Was er dann beschrieben hat, ist kaum mehr verständlich. Ein psychotischer Schub, anders können wir das nicht definieren. Er sagte was von kleinen Androiden aus der Zukunft, die auf seinem Tisch herumtanzten. Das sei eine sehr düstere Prophezeiung gewesen, oder so. Jedenfalls seien er, diese Lisa und – stell dir vor – ich in diese Androidfigürchen verwandelt worden. Wir seien in Wirklichkeit so was, wie Avatare, die das Ende der Welt in einer unvorstellbar grausamen Zuspitzung erleiden würden. Oder so ähnlich. Das war alles vollkommen absurd.

Hm.

Und doch muss ich ihm in einem Punkt irgendwie Recht geben.

Echt, Regina… Wa…?

Nun, er meinte, ich könne ihn sowieso nie verstehen, weil garantiert nie ein Mensch einen anderen verstehen könne. Es sei grundsätzlich ausgeschlossen, dass ein Subjekt das Bewusstsein eines Gegenübers erschliessen könne. Diese Welten seien von Anbeginn und für immer hermetisch getrennt und unsere Fähigkeiten, uns auszutauschen, würden lediglich auf oberflächlichstem Signalaustausch, wie „Ich Hunger! Du auch? Nein, warum denn nicht? Ich aber schon, was ist los mit dir?“ beruhen. Unsere Innenwelt sei vollkommen und für immer verschlossen und das sei der Grund für die pandemisch auftretenden Depressionen in der Welt. Weil insgeheim wüssten die Menschen, dass sie in ihrem Inneren wie in einem Gefängnis völlig verloren seien und jeglicher Austausch reine Illusion sei. Er habe es mit Schreiben versucht, aber dann feststellen müssen, dass selbst das Lesen seiner Sätze für fremdes Bewusstsein nicht den Sinn zu erzeugen vermochte, den er für sich so selbstverständlich erlebe. Diese Erkenntnis sei niederschmetternd. Die Welt bleibe für immer auf das Ich reduziert und genau dieses, das sei ja der Treppenwitz der Evolution, existiere zudem gar nicht. Alles sei nur ein Spiel, eine Simulation, etc. Du weisst schon, dann rezitiert er jeweils aus dem „Ego-Tunnel“ von Metzinger. Das war irgendwie sein geistiges Ende, dieses Buch. Aber…

…Und warum musst du ihm Recht geben? Ich hab den Punkt noch nicht, Regina. Luna musterte ihre Kollegin etwas besorgt.

Ach Luna. Es gibt so Momente, da macht es… du weisst schon.

Nein.

Eben. Ha! Ha.

Hmhm…?

Wenn Tom, dieser verdammte Solipsist, Recht hat, dann ist unser Beruf die grösste Lachnummer, die man sich vorstellen kann. Wozu reden wir mit den Kunden? Wir verstehen sie nicht. Wir beurteilen die nur mit Hilfe einer imaginären Norm. Wir haben Schubladen für sie und Psychopharmaka. Mehr nicht. – Luna, du wirst es nicht glauben…

…Was denn?

Ich habe jetzt, soeben, beschlossen, diesen elenden Beruf aufzugeben. Ich werde meine verbleibende Zeit nutzen, um meinem Innersten Ausdruck zu verschaffen. Ich werde Werke schaffen, die meinen geschundenen Emotionen Arme, Beine und vor allem eine Stimme verleihen, die aus mir herausquellen wird, die den Menschen ins Gesicht brüllen wird! Da muss einiges raus, verstehst du, Luna?

Was? Nein, ich verstehe überhaupt nichts. Spinnst du, Regina? Du kannst doch dieses wohlige Nest hier nicht einfach verlassen? Hier ist doch alles perfekt. Wir helfen armen Seelen wieder auf die Beine zu kommen. Was soll denn daran falsch sein?

Nichts. Aber richtig – das fühlt sich eben auch anders an.

Letter reader

Hull öffnete den Briefkasten. Die üblichen Rechnungen, Werbung und Bettelbriefe – doch halt, da lag noch ein kleines hellblaues Kuvert, handschriftlich adressiert. Nun, adressiert ist zwar nicht ganz korrekt, denn da stand nur „Für Hull“, ohne Absender.

Zurück an seinem Küchentisch öffnete er diesen einen Brief und begann zu lesen:

Sehr geehrter Herr Hull

Ich schreibe Ihnen, obwohl Sie mich sehr wahrscheinlich gar nicht kennen. Diesen Umstand bitte ich Sie zu verzeihen. Gestatten Sie auch, dass ich mich kurz vorstelle. Sicher denken Sie jetzt, ich möchte Sie um Geld anbetteln oder dann zu Jesus bekehren. Ich garantiere Ihnen, dem ist nicht so. Also, ich bin die Regina Engelhardt, Assistenzärztin in der hiesigen Psychiatrie. Ich habe viel von Ihnen und Ihrem Werk gehört und gelesen und möchte Ihnen einen Deal, wie man heute so schön sagt, vorschlagen.

Natürlich werden Sie jetzt denken, was soll das und diese Zeilen gar nicht verstehen. Aber der Reihe nach. Ich erkläre Ihnen alles. Tom hat mich auf diese Spur gebracht, die zu Ihnen führt. Sie kennen ihn ja nur zu gut. Er hat mir viel über Sie erzählt. Was heisst viel. Er hat tagelang nur über Sie gesprochen. Sie ahnen vielleicht schon, Tom ist oder besser war einer meiner Patienten. Nachdem ich etwas Klarheit darüber bekommen habe, was er mir über Sie mitteilen möchte, behauptete er auf einmal, er habe Sie bloss erfunden. Alles sei nur eine Geschichte gewesen. Eine erfundene. Er sei Schriftsteller und Sie seine Hauptfigur in einem noch zu vervollständigenden epochalen Roman über die Entdeckung der emotionalen Raum-Zeit-Subjekt-Konstante, der eigentlichen, aber noch geheimen und nicht minder geheimnisvollen Urkraft im Universum, die es nun endlich zu erforschen gelte.

Das hat mich stutzig gemacht. Denn wenn jemand so eine epochale Entdeckung gemacht haben sollte, dann hätte es niemals Tom und schon gar nicht für einen Roman getan. Ich denke, das war ziemlich logisch. Folglich durchsuchte ich Toms Zimmer und fand tatsächlich viele Aufzeichnungen, handschriftliche Notizen, die alle auf die Existenz eines leibhaftigen Hull hindeuteten. Ich bin mir nun ziemlich sicher, Herr Hull, dass eben Sie derjenige sind, dem diese Notizen eigentlich gehören. Wie Tom dazu gekommen ist, weiss ich natürlich nicht. Ob Sie sie ihm freiwillig überlassen haben oder ob er sie entwendet hat – Sie, Herr Hull, Sie könnten diese Frage garantiert klären. Damit Sie aber auch sicher sein können, dass es sich wirklich um Ihre Notizen und nicht um ein von mir in die Welt gesetztes Gerücht handelt, zitiere ich im Folgenden kurz aus einem Ihrer Papiere:

Heute habe ich Lisa und Luca auf die Probe gestellt. Das Ergebnis war ernüchternd… Das ging so: Ich gab beiden die Aufgabe, ein Zweieck, das eine Fläche einschliesst und gerade Seitenlinien hat, zu zeichnen. Was Zweieck? lästerte Luca sofort. Es gibt Fünf-, Vier- und Dreiecke, aber sicher kein Zweieck. Versuch es einfach, denk nach. Eine Linie mit Anfang und Endpunkt, sagte Lisa. Du auch, Lisa, streng dich an. Keine Ahnung hatten die beiden. Auch nach einer halben Stunde konnten sie die Aufgabe leider nicht lösen. Das war sehr, sehr deprimierend nach all den Studien und Übungen, die wir seit Jahren unternommen hatten…

Gib uns die Lösung, Hull, wenn es denn eine gibt. Denn eigentlich ist ein Zweieck überhaupt nicht möglich!

Ihr Dumpfbacken. Denkt doch endlich mal in neuen Dimensionen. Wenn ich euch ein Blatt Papier gebe und sage, zeichnet ein Zweieck, dann denkt ihr einfach flächig weiter, wie dieses Blatt nun mal ist…? Hä? So gewinnt ihr nie wirklich neue Erkenntnisse. Los! Zeichnet eine Kugel, macht eine Ecke am oberen Pol, die andere am unteren und verbindet diese mit einer Linie und dann mit einer zweiten. Ein Kugelzweieck mit einer beliebig grossen Fläche. War das jetzt so schwer?

Das ist ein typisches Beispiel für Ihr geniales Denken und ihren unnachahmlichen Stil, den Leuten die kompliziertesten Dinge beizubringen. Nun, didaktisch könnte ich mir zwar noch ein wenig mehr Feingefühl vorstellen. Doch haben Sie ihren beiden Privatschülern immerhin allerhand beigebracht, wenn ich den Ausführungen Toms Glauben schenken darf.

Und das, mein lieber Hull, bringt mich auf den eingangs erwähnten Deal zu sprechen. Ich habe meinen Dienst als Assistenzärztin in der Klinik gekündigt, schon auf Ende nächsten Monats. Nun, nein, nein, ich möchte Sie nicht als meinen Nachfolger vorschlagen, das nicht. Obwohl, Ihnen traue ich so ziemlich alles zu, so dass Sie wohl auch dieser Aufgabe gewachsen wären. Mein Vorschlag, oder vielmehr meine Bitte lautet: Könnten Sie sich – Sie als früherer Magier, der Sie ja auch einmal waren – vorstellen, in der Klinik ein Teilzeitpensum als Hilfsergotherapeut anzunehmen? Die Patienten würden sich garantiert sehr freuen, wenn Sie ihnen Ihre weltberühmten Kartentricks beibringen würden.

Bitte denken Sie über dieses Angebot nach. Ein positiver Bescheid würde mich doch sehr freuen und auch Tom hätte garantiert seinen Spass daran, da bin ich mir absolut sicher.

Sie erreichen mich gerne unter…

Hull lächelte säuerlich und legte den Brief zur Seite. Letztlich drehte sich doch alles immer um die eine doppelte Frage: Bin ich der, der ich wirklich sein möchte oder ist das hier alles nur ein Fake?

Toter im Spiegel

Hull, wir müssen reden.

Hm, ja. So fangen die ernsten Szenen an. Ich meine im Kino, im Film. Beziehungskrisen und so. Wüsste nicht, dass wir solche Probleme hätten. Hull versuchte es mit einem Lachen.

Nein, wir sind nicht verheiratet, klar. Aber eine Beziehung – so könnte man das schon nennen. Schliesslich versuche ich den Menschen zu begreifen, indem ich den ultimativen Roman über dich schreibe.

Ach, Tom. Vergiss es und entspann dich. Mich wirst du nie „begreifen“. Und sollte es nicht besser verstehen heissen?

Was nie? Warum denn nicht? Was sollte so schwer daran sein, eine Hull-Biografie zu verfassen? Das Problem ist, es soll nicht irgendeine werden, sondern die Biografie schlechthin. Eine die alle Leser und anderen Gender vollständig verändert zurücklässt. Eine Biografie, die den Menschen in seinen Grundfesten erschüttert.

Du willst die Leute erschrecken, ins Chaos stürzen, ihr Selbstbild demontieren oder so was? Wozu soll das gut sein? Wer würde sich das antun. Tom, du bist ein Dummkopf.

Dummkopf, gewiss, natürlich. Aber das macht nichts. Du hast Recht. Erschüttern sollte man die Menschen. Ihre Selbstgefälligkeit durchlöchern, ihre Selbstgewissheit vertreiben. Aber nein. Ein Roman kann das nicht. Das würden nur beinharte Fakten schaffen.

Aber wozu? Es ist doch alles nahe am Optimum. Das Leben kann so schön sein.

Optimum…? Ein Optimum an Ungerechtigkeiten, Selbstzerstörung und Selbsttäuschungen. So würde ich das nennen. Die Menschen haben ein grauenhaftes System geschaffen, in welchem sie selbst gefangen sind.

Nein, Tom. Du bist wirklich ein Dummkopf. Das alte Europa hat seinen Zenit überschritten, ja, das ist offensichtlich. Aber die Gesellschaft dümpelt, allen Krisen zum Trotz, in schöner Dekadenz am Rande dieses Optimums, also am Rande dessen, was uns überhaupt noch möglich ist, herum. Und wird das wohl noch eine schöne Weile so tun. Also entspann dich und geniesse die Sonne. Schliesslich ist der Frühling da und am Ende zählt nur das. Die Summe der positiven mentalen Zustände.

Mir geht es doch nicht, nicht in erster Linie jedenfalls, um Politik. Der Mensch soll zu sich selbst kommen. Er soll sich mal im Spiegel sehen, aber nicht was ein Narzisst dort sieht, sondern was die nüchterne dritte Person mit wissenschaftlichem Anspruch wahrnimmt.

Ha, Tom. Du bist wirklich ein wundersamer Dummkopf. Ich habe Jahre, Jahrzehnte im Labor verbracht, um den Menschen aus der Dritten-Person-Perspektive zu sezieren. Das Resultat: Immer bleibt ein Schlupfloch für Geistergeschichten. Und niemanden interessiert das heute noch. Die Simulation der Wirklichkeit ist so perfekt, wenn es denn eine Simulation ist, dass jeder in seiner Funktionslust komplett aufgeht. Da ist kein Platz für Selbstzweifel. Und wozu sollte das denn gut sein? Was hätten wir davon, wenn wir uns als determinierte Maschinen begreifen würden? Uns reicht es, wenn wir Käfer sezieren und diese als determinierte Maschinen betrachten. Bei uns selbst fühlt sich das einfach anders an, verstehst du Tom? Die Willensfreiheit, die Qualia-Debatte, wozu? Warum sollte es auf ein Entweder-Oder hinauslaufen. Wir sollten mit einem Sowohl-als-auch zufrieden sein.

Ja, das habe ich auch schon wo gelesen. Ich bin also sowohl ein determinierter Käfer als auch ein freier Gott. Klasse. Es gibt subjektives, das heisst, unerklärbares Erleben und zugleich gibt es das nicht. Na schön. Wir werden wohl nie nichts verstehen. Hull, helfen dir eigentlich deine Kartentricks weiter?

Und wie. Die lenken mich und vor allem die Zuschauer ab. Funktioniert super. Und alle haben Spass. Aber was wolltest du eigentlich mit mir bereden…?

Hm.

Dreieinhalb Wünsche

Schau mal, da drüben schlagen sich gerade ein paar Vollpfosten die Köpfe ein. Können wir das erklären? Die einen finden’s klasse gegen den Lockdown anzutreten, die andern verurteilen das. Hm. Verstehen wir denn etwas grundlegend falsch…?

Ja. Diese Pandemie zeigt doch deutlich, wie der Mensch tatsächlich funktioniert. Er denkt sich zuerst einmal was aus; also eben zum Beispiel wie er diesem Virus Herr werden könnte. Das ist dann seine Theorie, das Rationale, worauf er so verdammt stolz ist. Aber dann, dann kommt der Alltag, das tatsächliche Verhalten unter erschwerten Bedingungen. Das kuschlige Labor ist auf einmal weg. Und dieses Verhalten im Alltag wird leider praktisch gar nicht rational gesteuert. Diese Praxis ist vielmehr ein emotionales Herumprobieren und -stolpern. So kommt es, das der eine das und der andere das Gegenteil tut. Dann knallt’s und die Leute halten das dann sogar für Politik und sehen dann immer gleich ihren Standpunkt bestätigt.

Okay, Luca. Aber können wir das inzwischen nicht etwas – gebildeter formulieren?

Wozu Hull? Wozu weitere Theorien aufschichten? Die menschliche Praxis bleibt so oder so reichlich primitiv. Schau dir nur diese Hohlköpfe dort an.

Man könnte doch eine Theorie des motivationalen Verhaltens entwerfen. Diese müsste den Kontrast zu den schönen Theorien, also zum rationalen Denken erklären können. Man hätte damit vielleicht sogar ein Werkzeug, um solchen Krisen besser zu begegnen.

Solche Theorien gab es schon. Nur konnten sich die Psychologen nie auf eine einigen. Also haben sie alles, was im Hirn geschieht, zur Kognition erklärt. Du weisst, sie nennen das die kognitive Wende. Davor war alles nur Verhalten. Die Motivation hingegen, also die Gründe, warum überhaupt jemand irgendetwas tut, das war stets nur ein Stiefkind der Wissenschaften. Also bleibt sie das Steckenpferd der Literaten. Das bedeutet, der Mensch versteht sich selbst offiziell ohne grosse Zweifel einfach als perfekten Homo sapiens, als rationales Tier, das sich selbst als solches erkennt. Jegliches Scheitern beim Anwenden dieser Theorien auf die menschliche Praxis wird ignoriert. Der Mensch ist vielleicht so sehr mit Problemlösen beschäftigt, dass ihm nicht auffällt, dass man nur dann ernsthaft denkt, wenn man gerade ein Problem lösen muss.

Hm, sehe ich genauso. Sehnsüchte, Bedürfnisse, Begierden, empfundene Verluste, Defizite, Einsamkeit, ja, sogar Freude über dies oder jenes, ein Streben, ein Getriebensein. All das beschreiben nur noch Lyriker und Esoteriker. Daran wird sich so bald nicht viel ändern. Aber woher kommt diese Einseitigkeit? Ich vermute, sie entspringt wieder einmal einer Metapher.

Einer Metapher?

Ja, viel Mist entsteht dadurch, dass wir unseren durch Worte kreierten Bildern glauben.

Mag sein, Hull. Sag schon, welche Metapher meinst du?

Nun, alles was wir tun können, um Erkenntnisse zu gewinnen, um uns voranzubringen, alles basiert entweder auf Glauben oder Wünschen.

Ich kenne dich, du lenkst ab. Aber was soll das? Unsere Erkenntnisse beruhen doch auf Wissen.

Wissen ist immer relativ. Glauben und Wünschen sind jedoch absolut. Also haben sie das Primat in den Köpfen. Wenn ich glaube, etwas sei so oder so, werde ich es schon beweisen. Oder zumindest versuchen. Wenn ich etwas wünsche, werde ich versuchen, es zu realisieren. Aber wenn ich etwas bloss weiss, lässt mich das kalt oder ich werde womöglich Gegenbeweise suchen. Wissen wird nur unter Wissenschaftlern geschätzt, ansonsten sind oder wären wir eben im Bereich der Motivation. Und dies, mein lieber Luca, ist unser wahres Himmelreich.

Ja, Hull, jetzt die Me-ta-pher…

Hm. Vielleicht irre ich mich ja?

Mann!

Nun, die Neurowissenschaft braucht das Bild vom Rechnen oder Verrechnen von Information im Gehirn beziehungsweise in den Neuronen. Signale werden da stets „verrechnet“. Das ist doch ein Bild, oder? Als ob Neuronen denken würden oder zumindest rechnen, als wären es nicht Stoffwechsel- und Informationsmaschinen, sondern winzige Taschenrechner.

Hm, also diese Metapher stört doch bestimmt nicht bei der Theoriebildung.

Na, Luca, wenn jedes Neuron schon rechnet bevor man so genau hingeschaut hat, dann findet Kognition schon in der Zelle statt…

…naja, wo denn sonst?…

…Ja, aber, dann sind alle Neuronen nur noch Kognitionszellen, selbst jene, die Impulse an die Muskulatur weiterleiten.

Hull. Ich glaube, das ist Quatsch.

Doch, doch, da ist was dran. Man redet dann schon auf neuronaler Ebene von Kognition. Kognition ist nicht mehr Denken, Gedächtnis, etc. Kognition ist sämtliche Informationsverarbeitung im Gehirn. Damit werden Gefühle und Motive zu blossen Sonderfällen der Kognition, so genannte Einfärbungen des Denkens und sind also weitgehend zu vernachlässigen.

Hm. Du meinst, die Kognitionswissenschaftler hätten sich mit ihrer Sprachwahl schon die Ergebnisse gesichert, die sie liefern wollten?

Ja, das ist kein Beispiel fürs Glauben, sondern ein klassischer Wunsch. Wahrscheinlich ein unbewusster, was die Sache aber gar nicht besser macht.

Master and Commander – Bis zum Anfang der Welt

Hull, was machen wir heute Schönes?

Lass es uns mal ganz ruhig angehen.

Ruhig, okay, Hull.

Und dann? Lisas hilfloser Blick fiel ins Leere.

Es klingelte. Hull schlurfte zur Tür.

Lisa hörte Hulls Begrüssungsworte. Tom, schön, dass du vorbei schaust.

Hallo Hull. Ich bin auch frisch getestet und so negativ wie ich nur sein kann.

Lisa lächelte. Aber als sie Tom sah, gefror ihr Lächeln.

Hallo, Schriftsteller.

Hi, Lisa, was geht ab? Tom fuchtelte mit den Armen, als wolle er zu ihr herüber schwimmen.

Hm.

Okay, okay, Lisa.

Tom, mach’s dir bequem. Was hast du Neues für uns? Hull schob ihm einen Sessel zu.

Nicht viel, eigentlich nichts. Ich leide.

Worunter?

Einer Schaffenskrise…

Da klingelte es schon wieder.

Wer kommt denn jetzt noch? Luca?

Nein, der sicher nicht. Der schaut sich grad die vierte Staffel Monk an.

Die Ganze?

Aber sicher. Er fängt morgens an und lässt nicht locker, bis alle Fälle gelöst sind.

Ich komm gleich wieder. Hull schlurfte erneut zur Tür.

Tom? Du auch? War um die Ecke zu hören.

Lisa und Tom schauten sich an, Lisa schöpfte Hoffnung, Tom kniff seine Augen zusammen.

Tatsächlich erschien Hull nun mit dem sagenumwobenen Yogalehrer in der Tür.

Tom, das ist Tom. Tom, ja, eh…, auch Tom.

Kein Problem, Hull. Wir kennen uns schon.

Okay, gut.

Lisas Blick war fest verschraubt in Yoga-Toms Antlitz. Beinahe vergass sie zu atmen.

Ja, was für eine Überraschung. Oder?

Hm. Nein, Hull. Wir haben uns bei dir verabredet.

Was? Ohne mich zu… Na, egal. Ihr seid immer beide willkommen.

Hull, wir dachten… Ähm, ich glaube wir sollten uns mal grundsätzlich unterhalten, wo wir doch jetzt so schön zusammensitzen. Ich meine, ich bin ganz positiv, da kann ja nichts schief gehen. Yoga-Tom lächelte gekonnt, als sein Blick Lisa streifte.

Aber natürlich, Tom. Das ist eine ausgezeichnete Idee.

Nun. Knurrte Tom. Ich würde mal sagen, seit du, Tom, ja der… Schriftsteller, wie du dich gerne nennst, die Story hier vorgibst, läuft unser Projekt gehörig schief. Die Einschaltquoten für Hulls Labor gehen leider in den Keller. Wir müssen was ändern.

Das würde ich auch sagen, Tom. Ändern ist sehr gut. Wir sollten zunächst von einigen eher schädlichen Sponsorenverträgen zurücktreten und uns von der allzu kommerziellen Ausrichtung verabschieden. Wir müssen unser Projekt, unsere Geschichte, wieder mit Herzblut und echten Gefühlen füllen. Ich hätte da schon einige Ideen…

…Tom, nichts für ungut. Aber du verstehst nicht viel vom Geschäft. TV-Serien funktionieren nur dann, wenn du die Leute richtig abholst, aber so richtig, völlig richtig, also wenn du ihnen den Stoff gibst, der sie willenlos und süchtig macht. Das war von Anfang an mein Konzept. Und dahin müssen wir endlich wieder zurückkommen.

Wohin? Tom. Welcher Stoff denn? Da war doch nichts. Erst als ich Hinterstellar geschrieben habe, sind die Fans ausgeflippt. Vorher war doch gar kein Humor in der Sache drin.

Humor? Spinnst du, Tom. Das war doch kein Humor. Nein, unsere Serie braucht nicht mehr Humor, sondern mehr Spannung. Und davon, mein Lieber, verstehst du leider gar nichts. Wir brauchen einen Krimi, einen Thriller. Ein Mord muss geschehen. Endlich, heute noch. Aber so was kriegst du Pfeife doch nicht auf die Reihe!

Mir reicht’s, Tom. Wer bist du, dass du in dieser Gassensprache…

…Wer ich bin, Tom? Ich bin der Manager. Ohne mich gehen hier die Lichter aus. Kapierst du das? Aber du. Wer bist du? Du Pfeife kannst nicht mal eine simple Allegorie schreiben. So was kann jeder Gymnasiast. Bei dir entgleist jede Szene in ein unentrinnbares Chaos. Keine Struktur, keine Entwicklung, kein Groove. Hast du denn kein Adorno-Seminar besucht? Weisst du nicht was Dialektik ist? Für dich sind Tropen wohl eine ausschliesslich geografische Kategorie. Du kannst nicht mal dem einfachsten Erzählinhalt die passende Form aufstülpen. Du bist hier eine totale Fehlbesetzung.

Schriftsteller-Tom konnte sich nicht mehr auf seinem Sessel zurückhalten und sprang in Richtung Yoga-Tom. Dieser erhob sich ebenfalls und als sich beide vor den Augen Lisas und Hulls berührten – da geschah das Wunder. Zum Glück waren Augenzeugen anwesend, ansonsten hätte dieser bizarre Vorfall möglicherweise niemals aufgeklärt werden können.

Lisa war vollkommen erschüttert. Sie konnte zunächst nicht viel beitragen. Wir vermuten wahrscheinlich schon warum. Hull versuchte es auf seine Weise und wie soll man sagen, sein Bericht über dieses Mysterium klang dennoch reichlich unglaubwürdig. Aber hören wir ihm einmal in Ruhe zu, bevor wir uns ein Urteil bilden:

Ja, das war so. Wir sassen da rum. Die beiden Toms hatten auf einmal Meinungsverschiedenheiten oder so. Viel war da eigentlich gar nicht. Sie redeten von Humor und Mord, was ja durchaus gut zusammen passt, aber bald schon konnte ihnen kein Mensch mehr folgen. Und dann sprangen sie auf und gingen aufeinander los. Und wie soll ich sagen. Ja, da war nur noch ein Blitz. Ein sehr, sehr, sehr heller, greller Blitz. Ein Knall, ein sehr, sehr, sehr lauter… Und ja, dann verkroch sich der Blitz zur Seite und verschwand durch diese Wand da drüben, wie so ein Kugelblitz sich von dannen trollt. Da sehen Sie noch die Spur. Sieht aus wie ein bisschen Russ oder Schiesspulverreste, oder… ich weiss auch nicht.

Und die Toms?

Jaha, und die Toms… Ja, hm, die, die waren weg. Hull schüttelte den Kopf

Wie weg?

Ja, die waren weg. In diesem Blitz verschwunden. Mich erinnert das… natürlich ist das vollkommen verrückt, wissen Sie, aber mich erinnert dieser Vorfall an eine physikalische Theorie.

Physik…wie…?

…Äh, ja. Als wäre der eine Tom negativ und der andere positiv und schwupps!

Der Beamte verdrehte seine Augen. Könnten Sie ein bisschen – präziser werden?

Aber ja. Ich meinte. Hm. Wie beim Urknall. Direkt danach. Verstehen Sie? Materie und Antimaterie vernichteten sich gegenseitig und setzten Energie frei. Sooo etwa hat das ausgesehen. Und wissen Sie was? Es blieb ja anscheinend etwas Materie übrig. Sie und ich und dieser Fussboden sind dieser Rest. Das ist ja bekannt. Also ein bisschen was ist übrig geblieben von dem riesigen Feuerwerk, das jemand oder niemand veranstaltet hat. Man nennt das Symmetrieverletzung, verstehen Sie? Ich meine, dass was übrig bleibt, das ist eine Symmetrieverletzung. Sie verstehen doch? Das war einfach nicht ganz sauber, nicht gut geplant.

Der Polizist musterte Hull genau und man bekam eine leise Ahnung, was er von dessen Geschichte hielt, vor allem wenn man seinen vernichtenden Blick ein wenig interpretierte. Weiter, bitte. Was geschah dann, Herr Hull?

Nichts! Das ist es ja. Die beiden blieben verschwunden. Am Boden habe ich nur noch diesen winzigen Quarkbecher gefunden.

Einen Quarkbecher?

Ja, schauen Sie hier. Der ist neu, der war vorher noch gar nicht da. Hull reichte dem Beamten den kleinen bunten Becher.

Hm. Da steht Beauty drauf.

Jahaha! Genau! Ist das nicht wahnsinnig komisch…?