Der Traum, das Spiel und die Wünsche

Im Zwielicht

Quirin setzte sich an den Tisch auf der Terrasse direkt gegenüber dem älteren Herrn, der ihn aus tief stehenden, müden Augen musterte und einen Kaffee rührte. Er dachte: Das hier ist er nun. Also. Der alte Mann schien ihn erwartet zu haben, denn er sagte nach einer knappen Begrüssung: Gut, dass Sie Zeit für mich haben.

Quirin öffnete seine Tasche und nahm einen Notizblock und einen billigen Kugelschreiber hervor. Auf seinem Handy startete er die Aufnahme.

Sind Sie bereit? Soll ich erzählen oder stellen Sie mir Fragen?

Äh… Quirin überlegte kurz, dann war ihm klar, was zu tun war. Die Fragen kommen später, vielleicht. Erzählen Sie mir einfach ihre Geschichte. Am besten vom Ende her rückwärts. Die Leute lieben das.

Wie Sie möchten. Nun. Es ist eine Weile her, dass ich mit Menschen geredet habe. Deshalb. Ich meine, Sie benötigen vielleicht etwas Geduld, da ich nicht mehr gewöhnt bin… Das sagte ich bereits.

Der Mann verstummte. Quirin dachte, das kann ja noch… aber ja, Geduld. Geduld, eigentlich war das eine seiner Stärken. Ein guter Journalist, und von denen gab es leider nicht mehr viele, ein guter Journalist musste Geduld mitbringen, bei der Themenwahl, bei der Recherche, beim Interview, ja, sogar manchmal beim Schreiben. Für die Recherche hatte er nun schon zwei Wochen aufgewendet. Er hatte die Gerichts- und Polizeiakten studiert, das karge Umfeld des Mannes befragt, das Internet abgeklappert, Blogs durchwühlt, immer auf der Spur dieser Geschichte. Und sie versprach, interessant zu werden. Die Geschichte, die ihm dieser alte Mann nun hoffentlich zu Ende erzählen würde.

Nun?

Ja… Herr Schmitz. Das war so. Also, ich wurde dann entlassen vor zwei Monaten… Äh, richtig so, wenn ich mit dem Ende anfange?

Ja, das ist perfekt.

Okay. Ich wurde entlassen, aus dem Strafvollzug, wie Sie ja wissen. Ich war sieben Jahre im… nun ja, im Knast. Wegen guter Führung vorzeitig entlassen, verstehen Sie?

Ja. Gut.

Dass Sie keine Fragen stellen, wissen Sie, das irritiert mich schon ein bisschen.

Hm, soll ich Ihnen Fragen stellen? Ich meine, wäre es besser für Sie, wenn…?

Nein. Hören Sie. Vielleicht schäme ich mich nur ein wenig.

Verstehe. Das gibt sich. Sie brauchen sich für nichts zu schämen.

Ja. So ist es. Schliesslich habe ich nichts getan.

Nichts getan?

Quirin Schmitz biss sich sogleich auf die Zunge. Der Alte hatte ihn tatsächlich von seinem Plan abgebracht. Womit denn? Mit nichts. Er sagt einfach – nichts. Dann muss man ja fragen.

Nein, nichts.

Sie sassen doch wegen Doppelmord ein. Klar, es war ein Indizienprozess und ich weiss, Sie haben nie gestanden. Aber die Hinweise waren schliesslich doch erdrückend und eindeutig. Sie haben ihre Strafe abgesessen. Sie können also in Ruhe über die Tat sprechen.

Ich habe niemanden umgebracht. Das Ganze war eine Farce, ein Justizirrtum, eine Grausamkeit des Schicksals oder… nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber ich weiss. Ihre Leser wollen eine andere Geschichte.

Nun, die Leser wollen die Wahrheit erfahren. Und wir werden diese Wahrheit jetzt gemeinsam definieren. Okay? Herr Hull, helfen Sie mir bitte, die Wahrheit über ihren Fall zu veröffentlichen.

Sie wissen schon, was sie tun

Kann ich… für eine Weile, ähm, bei dir Unterschlupf finden?

Die Frage war direkt, sehr direkt. Luca musterte den alten hageren Mann, erkannte ihn auch sofort wieder.

Hull, ja, ähm, wie soll ich sagen…

Ja oder nein, ganz einfach. Ich weiss einen Knastbruder nimmt niemand gerne auf. Ich muss mich erst um eine Loge bemühen, weisst du. Und ich dachte, wir kennen uns schon eine Weile, da wäre so…

Ja, komm erst mal rein. Wir bequatschen das bei einem guten Espresso, wie es sich gehört.

Okay, Luca, danke.

Hull betrachtete seinen alten jungen Freund und bemerkte die Veränderung. Er hatte ihn ja mehr als sieben Jahre nicht gesehen. Auffallend war Lucas Bauchspeck. Er musste an die dreissig Kilo zugelegt haben.

Nimm Platz, Hull.

Hull setzte sich auf den kleinen Metallhocker in der Mitte des Zimmers. Luca verschwand in der Küche und erschien bald darauf mit einem Tablett, zwei Espressi, Zucker und ein paar Keksen. Luca setzte sich auf sein Bett.

Hier, dein Lieblingsgetränk. Ich hab zwar keine Quick Mill, aber meine Bezzera Magica kann auch was.

Hm.

Hull.

Hm.

Sag mal. Wie bist du eigentlich so schnell wieder raus gekommen?

Schnell? Sieben Jahre, drei Monate und elf Tage – alles andere… Was soll denn die Frage, Luca?

Nichts. Ich denke nur, ein Doppelmord, ähm, das gibt eigentlich… du weisst schon, das Strafmass…

Gute Führung und ja, es war ein Indizienprozess. Am Ende hiess es leider für mich: Im Zweifel gegen den Angeklagten. Von daher. Der Richter hatte wohl doch ein bisschen Skrupel. Höchststrafe war da nicht angebracht.

Okay. Wie hast du’s denn gemacht?

Was gemacht?

Na, den Mord. Die Morde.

Hull stellte den Kaffee auf den alten Teppichboden und machte Anstalten sich zu erheben.

Luca. Ich denke, ich gehe besser wieder.

Was? Auf keinen Fall. Was soll das? Mir kannst du die Geschichte doch erzählen.

Die Geschichte schon. Aber mit Mord hat die nichts zu tun.

Ah, verstehe. Du hast ja auch nie gestanden. Hm, bist du wirklich unschuldig?

Ja.

Unschuldig sieben Jahre im Knast…?

Ja.

Wahnsinn. Aber die Toms. Beide. Der Schriftsteller und der Yogalehrer. Sie sind weg. Verschwunden. Wurden zuletzt bei dir gesehen. Man hat die Schusswaffe bei dir gefunden. Und schliesslich Lisa. Meine Schwester hat gegen dich ausgesagt.

Lisa hat nicht wirklich gegen mich ausgesagt. Sie sagte eigentlich eher gegen sich selbst aus. Schliesslich hatte sie ein ganz persönliches Problem mit den beiden, nicht ich. Oder sagen wir, ich hatte nicht so ein grosses Problem mit ihnen. Jeder hatte ja ein Problem mit den beiden. Der Schriftsteller hat unseren Spielraum begrenzt, der Yogalehrer auch, auf seine Weise. Insofern hattest du wohl das gleiche Motiv wie ich.

Ich? Hull, was willst du damit andeuten…?

Andeuten? Nein, nein. Ich gebe ja zu, ich geniesse die neuen Freiheiten. Jetzt endlich.

Welche meinst du? Die Entlassung aus dem Gefängnis?

Die auch, natürlich, Luca. Aber ich meine, dass die Toms weg sind. Niemand schreibt mehr bescheuerte Drehbücher für uns. Nach denen wir uns zu verbiegen und herumzualbern haben. Nur das Leben schreibt fortan unsere Geschichte. Das Leben, verstehst du, Luca.

Das Leben? War das für dich nicht nur so was wie ein Mythos? Ein aus funktionaler Logik geborener Begriff für… für, äh, Stoffwechsel, der sich in den Wesen in eine Illusion von Freiheit und Träumerei auflöst.

Hm. Das Leben, was immer es genau ist, es ist alles, was wir haben. Und es erlaubt uns zu träumen, zu wünschen, zu spielen. Mehr haben wir nicht. Wir wissen nichts, wir glauben nichts.

Der grosse Schwarze mit dem blonden Schuh

Vor allem zu Beginn meinten wohl manche Besucher in Hulls Labor eine bizarre Hybris der Protagonisten entdeckt zu haben. Sozusagen grössenwahnsinnige Welterklärungsversuche Halbgebildeter. Weit gefehlt, Luca, nicht wahr?

Jaha. Ich staune auch, wie leicht man missverstanden werden kann. Darum schreiben wohl immer mehr Leute, wenn sie nicht gleich mit der Tür ins Haus krachen aber auch nicht falsch verstanden werden wollen: Ironie on, nein vor allem Ironie off. Das heisst dann soviel wie: Du Dumpfbacke, checkst du’s jetzt und damit habe ich Genie fertig.

Hm, geht auch nicht, Ironie off. Aber was haben wir gemacht bis hier hin? Uns ein wenig unterhalten und die Wissenschaftsversteherszene und die Sinnsucherszene ein bisschen auf die Schippe genommen. Auch nicht gerade ein Leistungsausweis.

Was…? Für diese Geschichte warst du fünf Jahre im Koma und sieben Jahre im Knast, hast den gesamten Güterverkehr überwacht und millimetergenau ausgemessen und bist sogar durch ein fieses Wurmloch in Toms Paralleluniversum getigert. Nicht zu vergessen deine endlosen Würfelversuche und die Erfindung der besten Kartenspielertricks. Wenn das alles keine Leistung ist…

Ha, Luca. Ein bisschen Einsatz muss man schon zeigen, um sich selbst zu gefallen. Aber. Mein Schicksal ist das eine. Ich denke vielmehr an Lisa. Die Frau geht mir nicht aus dem Kopf.

Klar, meine Schwester ist… war ein, ähm, anmutiges Vögelchen. Kein Wunder hast du dich in sie verknallt.

Verknallt – das trifft es vielleicht… ähm, nicht.

Oder doch. Alle haben sich schliesslich in sie verknallt. Du, Tom und auch sein schräges Spiegelbild, der bescheuerte Schriftsteller.

Nun, ja, sie hatte was… Aber wir wissen bis heute nicht, was aus ihr geworden ist. Quirin Schmitz, der bekannte Investigativjournalist, mit dem ich ja auch Bekanntschaft… genossen habe, meinte damals, sie sei entweder in den Nahen Osten entführt worden und in einem Harem auf nimmer Wiedersehen verschwunden.

Oder?

Ja, oder sie sei den beiden Toms gefolgt und ebenfalls irgendwo mit ihnen verschwunden.

Die Toms sollen doch tot sein. Ich meine dafür hast du gesessen, oder hab ich da was nicht mitgekriegt?

Man hat ihre Leichen nie gefunden, schon vergessen?

Vergessen? Ich werde diese ganze Farce, all die Vorverurteilungen nie vergessen.

Wir könnten uns um Wiedergutmachung bemühen, Luca. Die sollen mir eine fette Entschädigung für diese sieben Jahre zahlen. Mit dem Geld richten wir uns ein neues Labor ein.

Hull, wie sollte das gelingen? Es gibt keine neuen Erkenntnisse zu diesem Fall.

Hm, also, was tun wir? Aufgeben?

Nein. Wir müssen Tom und Lisa suchen und verdammt nochmal finden.

Okay, Luca, wo genau fangen wir an? Mit der Panflöte?

Pan… Hm…? Sprechen wir zuerst nochmal mit Schmitz, der hat vielleicht den Überblick.

Dr. Jekyll and Mrs. Hyde

Jaaaaaaaaaaaaaa!

Regina Engelhardt atmete schwer. Ihre Augen irrten umher, streiften die artigen Vernissagebesucher Blitze werfend. Endlich war es soweit.

Hier ist es! Schaut es euch an! Schaut es euch gut an! Das seid ihr! Ihr seid das! rief sie den zunehmend irritierten Leuten entgegen.

Sie riss den Vorhang einen unartikulierten Schrei ausstossend herunter. Die Galeriebesitzerin, Frau Dr. Angelika Neubauer war hin und her gerissen zwischen Begeisterung für diesen, wie sagt man so schön? avantgardistischen Auftritt ihrer neuen Künstlerin und hellem Entsetzen, wenn sie sich vorstellte, dass sich doch einige betuchte Gäste vielleicht als zu zartbesaitet für diesen Krawall erweisen könnten, ja, dass diese ihr Etablissement in Zukunft gar meiden könnten…

Nun, es ging jetzt erst richtig los. Eine von Regina selbst komponierte Kakophonie erschallte in beachtlicher Lautstärke ab Band. Unter dem Vorhang kam ein zweieinhalb Meter grosses Gerät zum Vorschein. Offensichtlich ein selbst zusammengebautes, unförmiges Monster aus diversen Metallen und schrill bemalten Kunststoffen.

Sah es so schon zum Fürchten aus, so wurde die ganze Sache alsbald noch deftiger. Regina selbst schob einen hübschen Servierwagen vors Monster, auf dem diverse Speisen ganz adrett angerichtet waren. Dann drückte sie einen Schalter seitlich der Installation und schrie: Friss!

Wir ahnen es: Das Monster tat, wie ihm geheissen. Innert einer halben Minute verschwand das kleine Buffet mitsamt Tellern und Besteck im riesigen Schlund der Maschine. Dazu gab das Ding ohrenbetäubende Geräusche von sich.

Guuuuuuuuut so! Weiter! Weiter! Weiter! Regina schwitzte und fühlte sich so richtig klasse.

Nur eine halbe Minute später liess das Monster eine stinkende braune Brühe unter sich. Mindestens dreissig Liter.

Die ersten Gäste verliessen den Raum, angeführt vom schockierten Laudator, Dr. Benno Brühwurst. Angelika sah Regina mit flehenden Blicken an, als wollte sie sagen: Bitte hör auf mit dem Irrsinn.

Regina erwiderte ihren Blick lächelnd und sie hob einen Zeigefinger an ihren Mund, als wollte sie sagen: Seid mal still, Leute, jetzt kommt noch was. Sowieso sagte keiner irgendwas. Zu sehr waren die Besucher entweder völlig ergriffen oder konsterniert. Oder beides. Einige wussten offensichtlich noch nicht, was sie zu fühlen hatten und wähnten sich selbst als wie ein grosses Fragezeichen.

Stille für ein paar Sekunden. Schon wollte man ein klein wenig Erleichterung ausmachen. Doch dann gab das Monster einen ohrenbetäubenden, langgedehnten Rülpser von sich. Wer es bis dahin ausgehalten hatte, verliess jetzt die Szenerie.

Bis auf Afşar Alemdaroğlu, dem Journalisten-Azubi, der sich noch immer freute, einen Beitrag über diese Vernissage fürs Feuilleton der Regionalzeitung zu verfassen.

Luca warf einen Blick zurück in die Aktionshalle der grossen Galerie zum Dampfhammer und dachte: Das also ist jetzt Toms ehemalige Psychotante? Kein Wunder ging’s dem immer schlechter.

Slave of play – Das Wesen der Dinge

Schmitz brauchte sich kein Pokerface auf eine Grimasse draufzusetzen. Die reglosen Züge waren seine zweite Natur. Sobald er im Job war – und er war circa zwanzig Stunden am Tag im Job – zeigte sein Gesicht keinerlei Regung. Hull bemerkte das schon beim ersten Treffen. Heute machte er ihm das fällige Kompliment.

Übrigens, Herr Schmitz, Sie haben eine bemerkenswerte – äh, Coolness. Beim Pokern wären Sie nicht lesbar. Ja, Sie wären der ideale Pokerspieler.

Poker? Okay. Dafür hatte ich bis heute keine Zeit. Vielmehr, das schien mir ohne Sinn. Bleiben wir beim Thema, Hull.

Hm.

Ich habe jetzt Ihre Geschichte, ich habe die Version des Staatsanwalts, der Polizei. Halten wir mal fest, was bei beiden Versionen unwidersprochen bleibt.

Hm, ja. Bleibt da noch was übrig?

Eine ganze Menge, eine ganze Menge. Es war so: Tom Ate, Tom Brunello und Lisa Jaberg waren vor bald acht Jahren, genauer am siebten April 2021 bei Ihnen privat zu Gast. An jenem Abend wurden die beiden Toms zum letzten Mal gesehen. Sie und Lisa haben bei der Polizei ausgesagt. Ihre Aussagen wurden jedoch als unglaubwürdig eingestuft. Sie, Hull, sprachen von einem Streit der beiden Toms und zugleich von einem Wunder, irgendwas von einem Urknall oder so. Sie behaupteten allen Ernstes, die beiden seien in einer Art Kugelblitz verschwunden. Lisa hingegen meinte, sie sei zu verwirrt gewesen, um dieses von Ihnen so genannte Wunder wirklich wahrzunehmen. Alles sei sehr schnell gegangen. Womöglich habe sie nicht bemerkt, was wirklich geschehen sei. Die Polizei stellte mikroskopisch kleine Schussrückstände, so genannte Schmauchpartikel in der Wohnung fest, aber nicht an Ihren Händen und auch keine Blutspuren. Dann wurde die Beretta 92 bei Ihnen gefunden. Darauf sagten Sie aus, Sie hätten die Waffe von Tom, also von Ate, geschenkt bekommen. Lisa hingegen habe nichts von der Waffe gewusst. Ein paar Tage später hat Lisa nochmals ausgesagt. Und zwar, dass sie in Brunello verliebt gewesen sei. Ihr Plan sei gewesen, auf Teneriffa direkt am Strand gemeinsam mit ihm eine Yoga- und Tai Chi-Schule zu eröffnen. Sie, Hull, hätten diesen Plan aufs Schärfste missbilligt. Überhaupt seien Sie eifersüchtig gewesen, eifersüchtig auf Brunello. Und auch Ate hätten Sie eigentlich gehasst, denn er habe Ihnen, Luca und Lisa ständig vorschreiben wollen, was zu tun sei. Ate habe veritable Drehbücher für Sie geschaffen, um alles unter Kontrolle zu haben. Eine Woche später meldete Luca seine Schwester als vermisst. Soweit die bekannten Fakten.

Wenn ich das so höre, wundert mich heute noch, warum das ausreichen konnte, um mich einzubuchten.

Einbuchten? Nun, Ihre Sprache hat öfter Mal einen, ähm, saloppen Touch?

Das lernt man im Knas… hm, im Gefängnis, Herr Schmitz. Auch wenn ich kaum mit jemand gesprochen habe. Man hört so allerhand. Ich denke, ich drücke mich noch vergleichsweise dezent aus.

Absolut. Verzeihung. Was ich sagen wollte. Wir wissen also eine Menge. Einiges sprach gegen Sie. Und letztlich hat sich vermutlich Ihr Verhalten vor Gericht auch negativ ausgewirkt.

Wieso? Dass ich nicht gestanden habe?

Nein, dass Sie das Gericht als inkompetent und korrupt beschimpft haben. Aber was war mit Lisa? Waren Sie wirklich eifersüchtig, haben Sie sie geliebt?

Quatsch, sie hätte meine Tochter, fast schon meine Enkelin sein können.

Das ist bekanntlich kein Hinderungsgrund.

Ah, nun gut.

Ja…?

Nein!

Okay. Dann hätten wir das geklärt.

Meine Frage, Herr Schmitz, war, ob Sie aus all den Fakten und all dem Gerede über den Fall einen Hinweis destillieren könnten, wo sich die drei heute befinden.

Die drei?

Ja.

Sie denken, dass die drei zusammen abgetaucht sind? Dass sie irgendwo auf diesem Globus unter falscher Identität leben?

Ja, Mann! Haben Sie Hinweise darauf? Irgendwas? Einen Verdacht? Haben Sie doch!

Sie erinnern mich an einen… ähm eher peinlichen Moment.

Was denn?

Ich gebe zu, ich habe damals spekuliert… Ich habe in einem Artikel behauptet, ähm, es könne sein, dass Lisa in den Nahen Osten entführt worden sei, beziehungsweise überhaupt irgendwohin entführt worden sei. So was kommt vor. Das hat sich angeboten, verstehen Sie.

Nein, ich verstehe gar nichts. Du, Luca?

Luca sass bisher schweigend neben den beiden Männern und beobachtete Quirin Schmitz genau, ganz genau.

Ähm, ja, ich denke, er meint, ähm, ja, Sie verstehen schon Herr Schmitz, der Journalismus insgesamt, ähm, jaha, hatte auch schon bessere Tage…

Herr Jaberg. Sie haben Recht. Im Grunde verteidige ich den seriösen Journalismus. Täglich. Aber Sie müssen verstehen, wenn eine Story nun mal derart am Glühen ist, wie das damals mit der Hullstory war und das Geld fliesst einem nur so entgegen, dann, dann legt man gerne noch ein bisschen nach.

Nachlegen? Ich verstehe immer noch nicht, Schmitz, verdammt, was wird hier eigentlich gespielt?

Nun, für Sie, Herr Hull, also fürs Protokoll: Wir haben nichts, rein gar nichts, keine Spur von den Dreien. Nada, niente, nulla.

Apocalypse jetzt

Hull sass im Gartencafé mit Blümchentischtüchern auf den runden Tischchen. Er schlürfte einen Espresso. Schmeckt ganz nach Segafredo, dachte er, dabei war’s ein illy.

Das schmächtige Männchen kam direkt auf ihn zu gerannt, sprang die breite Holztreppe zur Veranda hoch und schrie:

Stopp! Stopp!

Tom!?…

Stopp! Hull, Stopp!

Tom??? Was Stopp? Du lebst?!

Sofort aufhören. Das Desaster muss ein Ende haben.

Welches Desaster? Ha, Tom, ich wusste, dass du lebst. Ich bin unschuldig. Hörst du? Ich bin…

Sei still, Hull. Das interessiert hier keinen. Nicht nur hier. Es ist aus.

Was faselst du da? Sag mal, wo warst du denn…

Stopp! Das ist irrelevant. Es ist vorbei.

Ja, vorbei. Lass uns deine Auferstehung feiern. Wo warst du denn die ganze…

Schluss, damit. Hull. Hör mir endlich zu. Die Story ist aus. Es gibt keine Fortsetzung mehr. Wir haben es einfach nicht geschafft.

Was nicht geschafft? Natürlich haben wir’s geschafft. Wir wollten dich und die andern finden. Und immerhin du bist wieder hier.

Hull, das alles ist Quatsch. Ich bin immer hier.

He?

Ich schreibe die Story, schon vergessen? Wer soll es sonst machen. Das Problem ist, ihr habt schlecht gespielt. Das konnte nie ein richtiger Krimi werden.

Was redest du denn da?

Ich sehe schon, du kapierst nichts. Ich muss dich leider entlassen und die andern auch. Aber das dürfte kein Problem sein. Ihr seid ja fiktiv.

Tom? Ich glaube, du musst wieder in die Klapse. Du begreifst einfach die Realität nicht.

Okay, Hull, ich erklär’s dir nochmal. Die Sache ist vorbei! Du kannst jetzt – irgendwas – tun, es gibt kein Drehbuch mehr.

Und was ist mit dem Yogalehrer? Und Lisa?

Ach, der Yogalehrer. Den hab ich erfunden, um Lisa Eindruck zu machen. Natürlich hat sie angebissen. Aber was hatte ich davon? Nein, das Ganze war ein Fehlschlag. In jeder Hinsicht.

Erfunden? Aber wo ist Lisa?

Lisa, mein Lieber, Lisa ist Mona Lisa, die ideale weibliche Figur.

He?

Ja.

Du willst mir verklickern, dass alles nur… ähhh, was war?

Fiktion.

Und das Happy End?

Haha, Hull, du bist so was von gestern. Schau dir Rosamunde Pilcher Filme an. Im Leben gibt’s kein Happy End. Nur das Scheitern.

Nein, nein, Tom. Du bist wieder da, der Fall ist so gut wie gelöst und meine Unschuld ist bewiesen. Das ist schon ein richtiges Happy End.

Tom war schon einige Schritte entfernt. Er winkte ab und verschwand. Einmal mehr.

Hulls Schlüssel

Hull öffnete die Tür und trat nach langer Zeit wieder in sein Labor. Er schnüffelte kurz und dachte: Ich muss hier mal lüften. Dann inspizierte er die Dinge, die in seinem Labor geduldig auf ihn warteten. Die Transportpalette mit den 40’000 Kartenspielen. Alle neu, ungebraucht. Man weiss ja nie. Kartentricks einzuüben verschleisst schliesslich die Karten unter Umständen recht schnell.

Daneben stand sein nachtblauer Aktenschrank, verschlossen. Den Schlüssel suchte er seit Monaten. Was heisst Monate, seit Jahren hatte er nicht mehr die Möglichkeit, in den Schrank zu schauen.

Hm, der Schlüssel… Aber ja, da fiel’s ihm sofort wieder ein. Natürlich. Wie konnte er das überhaupt vergessen? Der Schlüssel lag im Klo, also im Spülkasten, umspült vom etwas trüben Spülwasser. Als er ihn herausfischte, staunte er, dass er weder Rost noch Algen angesetzt hatte. Und ja, der Schlüssel passte.

Hull stand vor dem offenen Kasten und betrachtete die alten Ordner mit Lieferantenrechnungen und seine vollgekritzelten Notizblöcke und daneben ein dickes Konvolut mit säuberlich zusammengeschnürten Notizzetteln. Auf dessen Deckblatt stand „Landmarken der Wirklichkeit“.

Hm, wie pathetisch. Nun, hier müssen die Beiträge über Sprache sein, die ich so lange schon gesucht habe. Hull öffnete das Konvolut und begann aufgeregt in den Blättern zu suchen.

Hier. Tatsächlich. Er erinnerte sich sogleich wieder an die lebhaften Diskussionen, nachdem er die Texte im Kreise einiger Verrückter vorgelesen hatte. Zeit ist etwas sonderbares. Plötzlich sind neun Jahre weg und alles ist wieder gegenwärtig.

Hull notierte – und während er notierte, dachte er: Ich mache Notizen über frühere Notizen. Ist dieser Prozess nicht irre und unnütz?

  • Sprache ist ein Subsystem der Kultur und entwickelte sich im Laufe der Menschheitsgeschichte in Wechselwirkung mit dieser
  • Sprache ist missverständlich, weil jeweils ein wesentlicher Teil des Kontextes des Denkenden/Sprechenden im Sprachcode fehlt
  • Sprache ist mühselig und langsam, weil sie nur sequenziell vorgetragen und decodiert werden kann
  • Sprache mystifiziert die Sachverhalte ohne dass dies bemerkt wird; sie schafft abstrakte Ungeheuer ohne Relevanz und Entsprechung in der Realität
  • Sprache ist ein Code, bestehend aus Metaphern; Metaphern erklären Metaphern, ein unendlicher Regress
  • Wenn Sprache einmal nicht missverständlich ist, sondern zwischen Kommunikationspartnern eine unmittelbare Resonanz zu entfalten vermag, so ergibt sich eine wahre Magie des Wortes – ein Kommunikationsflow

Hull legte das offene Konvolut auf den grossen Spieltisch. Er lächelte noch, dann lüftete er das Labor.

Stirb schnell

Der Morgen begann vielversprechend. Hull ging wie üblich in die Küche. Eigentlich wollte er nachschauen, was sein Kühlschrank noch hergab, um sich ein kleines Frühstück zu zimmern. Doch schon nach wenigen Schritten blieb er stehen. Irgendwie sah er heute Morgen mehr oder anderes als gewöhnlich, oder was auch immer. Er dachte: Hier sieht’s aus, als wenn jemand seinen Wolfshybriden in der Küche eingesperrt hätte, um kurz mal einkaufen zu gehen. Klar, der Abwasch war auch fällig, aber das war’s nicht. Hier musste eindeutig renoviert werden, der Putz fiel von Decke und Wänden, die Küchenmöbel brachen auseinander.

Hm, dann eben nicht. Hunger hab ich eh nicht. Hull schlurfte den Flur entlang, um sein Wohnzimmer zu betreten. Wohnzimmer? Was für ein Unwort. Quatsch. Dieser Raum war überdimensional. Sprach man nicht von einem Labor? Hull nannte es lieber ganz bescheiden sein Spielzimmer. Hier war sie jedenfalls wieder, die Welt. Seine Welt.

Viel mehr braucht’s nicht, um sich immer wieder etwas vorzumachen.

Luca würde gleich kommen. Natürlich hatten die beiden Klärungsbedarf. Nach dieser langen Weile.

Es klingelte, undsoweiter.

Stell mal die Musik leiser.

Welche Musik?

Hörst du nicht?

Nein.

Okay. Was ich sagen wollte. Also fragen wollte. Hull.

Ja?

Warum veröffentlichst du jetzt diese alten Sachen, diese Fragmente (Sex? Nein! Vielleicht! Okay! Das achteckige Klavier Bartender’s Blues Rosa Telephon Kein Klo im Klub), die Tom vor bald zehn Jahren geschrieben hat?

Hm, ich war zu faul für neue Zeilen und Tom? Tom schreibt zurzeit nicht.

Warum nicht?

Er sagt, er wisse nicht, wozu sich überhaupt noch mit der Gegenwart abmühen.

Mit der Gegenwart abmühen? Spinnt der? Der soll unsern Plot liefern. Den Plot, den wir brauchen.

Brauchen wir ihn wirklich, Luca? Du kannst doch auch ohne diese Leitplanken herumlaufen.

Herumlaufen, ja. Ich will aber nicht herumlaufen.

Du willst nicht herumlaufen? Aber was dann? Was willst du denn?

Ich will Erfolg. Ich will… zum Beispiel mit Bruce Willis sprechen.

Du willst…

Ich bin hier, was willst du mir mitteilen, mein Freund? Bruce sass im alten Sessel neben dem Spieltisch und blickte, wie Bruce Willis blickt.

Bruce…? Ich fass es nicht! Du bist hier?!

Warum nicht, mein Kleiner. Sag schon, was liegt an. Viel Zeit hab ich nicht.

Hull folgte der Szene ganz entspannt und begann seine Espressomaschine zu bearbeiten. Kaffee, die Herren?

Jetzt nicht, danke Hull.

Für mich schon, einen doppelten mit Zucker. Sie sind Hull? Der legendäre Kartentrickser? Bruce grinste breit.

Ja, schon, aber…

Bruce, wenn ich fragen darf. Dürfte! Was, was, was macht es aus. Was macht den Unterschied. Ich meine, was ich fragen wollte, was ist Ihr Geheimnis, Bruce? Wie machen Sie das.

Was? Wie mach ich – was, Junge?

Genau das. Was Sie sagen. Wie Sie wirken, wer Sie sind. Warum funktioniert das. Und… und… zum Beispiel bei mir nich…?

Bruce grinste. Du willst das Geheimnis wissen?

Jaha!

Dann wirst du es nie erfahren. Man kann das Geheimnis nicht wissen.

Wie, was, worauf wollen Sie hinaus?

Erfolg, mein Kleiner. Erfolg, das lebt man einfach. Entweder man hat’s drauf oder dann kannst du’s vergessen. Du kannst es nicht üben, nicht lernen, nicht kopieren. Du musst es einfach schon haben. Kapiert? Schon als kleiner Knirps, wenn du noch in die Windeln machst, merkst du in deinem Innern, entweder du wirst was oder du wirst nichts.

Dann schwieg er. Hull nickte anerkennend. Ein Hologramm? Toll gemacht. Wer hat das installiert? Du, Luca?

Ähäh, was…?

Die Alten

Luca war gespannt auf die Begegnung mit dem Alten. Zehn Jahre sind eine Menge. Da kann Vertrautheit verloren gehen. Die Zeiten als man sich beinahe täglich traf, lagen noch einiges weiter zurück. Für ihn war der Alte wie ein Vater gewesen, einer der immer ein offenes Ohr hatte und von dem er eine Menge gelernt hatte. Damals. Heute war Luca selber alt. Nicht wirklich, doch so fühlte er sich, die Last der Jahre zeichneten ihn. So jedenfalls sah er sich selbst. Als alten Mann. Um wieviel älter musste Hull sein, beziehungsweise sich fühlen?

Als Luca die Klingel drückte, war er so unsicher wie schon lange nicht mehr, seine Hand zitterte.

Hull öffnete die Tür und die beiden Alten blickten sich an. Eine Weile lang.

Luca. Willkommen.

Hull. Gut siehst du aus, meine Güte.

Du bist mager geworden, da fehlen vierzig Kilo. Wie das?

Magenband.

Magenband?

Ja, ging nicht mehr anders. Mein Gewicht zerstörte die Gelenke.

Hm.

Ja.

Komm rein, Luca.

Die beiden Alten schlurften durch den Korridor. Im kleinen bescheidenen Wohnzimmer bot Hull seinem Gast einen Platz auf dem alten, vertrauten Sofa an.

Kaffee?

Nee du, Kaffee geht nicht mehr. Blutdruck und so.

Hm.

Ja, du, nimm du doch einen. Hast du die Maschine noch, diese Espressomaschine, wie hiess sie noch?

Nein, die ist explodiert.

Explodiert…?

Ja, der Boiler hatte zu viel Druck.

Hm.

Macht nichts, ich trinke auch kaum noch Kaffee.

Traurig eigentlich.

Schon, ja.

Hm.

Sag mal, was hast du so gemacht all die Jahre.

Hm. Weiss nicht. Man schlägt sich so durch.

Mh. Kenn ich.

Ich hab ne Menge erlebt – früher. Als ich noch Kartentricks vorgeführt habe.

Und die Zeit mit meiner Schwester, Lisa. Hast du sie geliebt, Hull?

Geliebt? Immer wieder die selbe Frage… Sie war wie meine Tochter. So. Doch du weisst ja, Tom hat sie mir genommen.

Ach, ja, Tom. Das war schlimm, dieser merkwürdige Vertrag mit ihm, um was ging’s da eigentlich genau.

Er sagte: Casting.

Ja, ein Casting. Wozu denn?

Ich weiss nicht mehr. Es war wie ein Traum, diese Zeit. Dann war da plötzlich so etwas wie ein anderer Tom. Da wurde die Geschichte zum Alptraum.

Ja, und du gingst für ein paar Jahre in den Knast.

Hm.

Ja.

Luca.

Ja.

Ist nicht das ganze Leben nur ein Traum?

Hm, ja, so dachte ich auch schon. Bloss wer träumt ihn, unseren Traum.

Ja, unser Gehirn halt. Also ein Teil dieses verrückten Universums. Ein winziger Teil, aber ein sehr spezieller.

Hm, das Bewusstsein verstehen wir immer noch nicht. Wie alt müssen wir werden, bis wir Erleuchtung erfahren?

Ja. Ich denke, wir waren damals etwas auf der falschen Fährte.

Echt?

Ja. Wir wollten die Welt begreifen, indem wir den Zufall untersuchten. Schliesslich ist alles was existiert, ein Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit. Sagt man.

Und was ist daran falsch.

Die Perspektive.

Mh?

Dritte Person. Funktioniert irgendwie nicht. Du musst radikal von der ersten Person her denken und forschen.

Das ist doch Quatsch. Dann endet alles in Beliebigkeit.

Nicht unbedingt. Der Schlüssel ist nicht der Zufall sondern – die Gegenwart.

Die Gegenwart. Okay, wie das.

Die Gegenwart existiert nicht, es gibt nur Zeitpunkte. Und doch leben wir in der Gegenwart. Wir sind sozusagen die Gegenwart. Wir sind das, was es nicht gibt.

Wir sind das, was es nicht gibt?

Genau, bestenfalls ein Fliessgleichgewicht.

Ein Fliessgleichgewicht? Ah, du meinst Homöostase.

Fliessgleichgewicht ist poetischer. Autopoietischer.

Luca lachte. Hull du bist ja noch ganz der Alte.

Und wie. Also, hör zu Luca. Teile des Bewusstseins sind nichts anderes als ein raffiniertes Fliessgleichgewicht.

Teile?

Ja, das ominöse Ich. Unser Ichbewusstsein. Bleibt über die Zeit stabil, egal was sonst alles im Hirn verarbeitet wird und es konstruiert durch sein Sosein als scheinbar unveränderliche Substanz diese Chimäre, die wir Gegenwart nennen. Ist eine raffinierte Geschichte. Dieses Driften durch die Zeit in einer Blase ichhafter Dauergegenwart. Nur versteht sich dieses Ich selbst nicht als eine bloss stabil gehaltene Variable, sondern als unzerstörbaren Kern. Das ist schon der ganze Witz.

Okay.

Nochmal. Das Bewusstsein ist beinahe ein Synonym für Gegenwart. Die dritte Person Perspektive kann Bewusstseinsphänomene untersuchen anhand von Zeitmarkern. Also zum Beispiel: vor zehn Minuten hat unser Proband einen Reiz-Reaktionstest absolviert und seine Reaktionszeit war soundsoviel.

Ja, und?

Das ist doch Müll. Niemals kann ich so beschreiben, was ich als Proband in jenem Augenblick erlebt habe.

Ist das relevant, was du so nebenher denkst und fühlst? Es geht doch um diesen Test und die Millisekunden.

Nein. Wenn ich ohne Gegenwart nicht existiere, nur als Zahlenmaterial aus der dritten Personperspektive, und, und, und! die Gegenwart nur in der ersten Personperspektive überhaupt Sinn ergibt, dann, äh, dann, ja, ich weiss es auch nicht so genau, aber dann ist unser Bewusstsein vergleichbar einem Traum.

Hm. Während man träumt, meint man ja, in der Realität zu sein.

Bisweilen ja. Man wacht auf und sagt, Gott sei Dank, oder je nach dem, schade, nur ein Traum.

Hm.

Also, Luca, wenn unser Wachbewusstsein so etwas wie ein Traumbewusstsein zweiter Ordnung ist, dann ist doch alles hier völlig verrückt. Ich meine, es gibt ja tatsächlich Kaffeemaschinen und manchmal explodiert auch eine. Das ist ja nicht geträumt.

Ja, das ist der Unterschied. Und folglich taugt deine Metapher leider nix.

Hm.

Ja.

Tom – Das Original

Als Luca schliesslich nach Hause schlich, dämmerte bereits der Morgen. Er war nicht nur müde, er ging schon fast im Koma. Umso schwieriger war es für ihn jetzt noch die richtigen Schritte zu tun.

Ja, Hull, auch das, dieses Nachhausestolpern, auch das ist Gegenwart, aber irgendwie nicht so, wie ich’s gern hätte. Gegenwart mit Einwand im Konjunktiv. Findet das wahre Leben etwa unter dem Siegel des Konjunktivs statt? Und die Normalität streicht unter dem Radar, sozusagen unbewusst, nur vorbei?

Hm.

Es ist offensichtlich. Auch wenn ich das nicht gerne eingestehe. Ohne ihn fehlt mir etwas. Hull erst gibt mir das Gefühl, ein Ganzes zu sein. Ich weiss, das klingt abgedroschen. Aber manchmal ist das Leben selbst einfach ein Klischee. Hulls Ideen mögen inzwischen etwas altmodisch sein, oder vielmehr, eigentlich sind sie leider komplett – nutzlos.

Warum lasse ich mich eigentlich immer noch vom alten Hull belehren wie ein Primarschüler. Bin ich dumm, oder. Was bringt es mir denn, an den alten Casting-Zeiten immer wieder anzuknüpfen. Was bringt mir sein Gelaber über Gegenwart als Schlüssel zum Verständnis der menschlichen Seele.

Genau. Nichts. Aber.

Doch vielleicht ist es genau das! Diese Absichtslosigkeit, dieses selbstverloren Spielerische, das ganz und gar nicht Merkantilistische… Ja, ich glaub, das ist es. Auch Lisa hat dieses zweckfreie Denken und die daraus folgenden Hirnschmalz-Klimmzüge fasziniert. Sogar Tom, ja, auch den…

Wobei, Tom. Die Begegnung mit ihm, ich meine jene zwischen Hull und Tom, die war ja dramatisch – nein, das trifft es nicht. Hm. Lassen wir diese Geschichte lieber ruhen, sie ist zu konfus. Ich verstehe Hull auch gar nicht, wenn er von kürzlichen Begegnungen mit Tom spricht, obwohl er, oder vielmehr die beiden Toms, seit Jahren verschollen sind.

Plötzlich unterbrach eine Hand auf seiner gebeugten Schulter die halbwachen Gedankengänge. Luca drehte sich um, so schnell sein Zustand das erlaubte, und blickte auf die hagere Gestalt neben sich.

Die hagere Gestalt schlechthin.

Tom?

Luca.

Du bist es tatsächlich!

Hör mal, ich bin es leid, immer wieder zu bestätigen, dass ich ich bin. Wer sollte ich sonst sein?

Nun, du bist verschollen, dachte ich.

Ich? Das kann nicht sein, Luca, denk nach. Wenn ich nicht mehr existieren würde, wäre Feierabend. Hulls Labor für immer Geschichte. Ich schreibe doch eure Storys. Das wisst ihr doch alle. Jetzt stellt euch nicht so an.

Ihr? Ich bin nur einer…

…von vielen.

Und was willst du, Tom?

Respekt.

Respekt?

Ja, hör auf, mich schlecht zu reden. Meine Rolle definiere ich selbst – und zwar positiv.

Aber ich führe ja bloss Selbstgespräche, äh, am, am Rande eines Deliriums.

Hm, ich höre sie. Und ich ändere sie. Kapiert?

Okay, okay. Tom?

Luca blinzelte, doch da war niemand.

Pläne der Affen

Hull stand am Fenster und sah hinunter in das Gewühl der Leute. Sie gingen oder liefen hin und her. Die eine steuerte in jenen Laden, der andere in diese Kneipe. Eine homogene Masse ausgekochter Individualisten, die ihren merkwürdigen Zielen hartnäckig hinterher rannten. Was er da sah auf der Strasse, vier Stockwerke unter sich, war einfach der Alltag. Nichts anderes. Der Alltag in seiner unnachgiebigen Sinnlosigkeit. Er wusste, auch wenn er noch eine Stunde lang weiter schauen würde, es bliebe dabei. Nichts Wirkliches würde geschehen abgesehen vom ewig gleichen Gewusel.

Was war der Antrieb dafür? Warum blieben die Menschen nicht deprimiert hocken, um auf ihr baldiges Ende zu warten? Eigentlich konnte man diese ständige Flucht der Menschen vor der Realität nur mit Suchtmechanismen erklären. Dafür hat man die Werbung erfunden. Um den Menschen alltägliche Ziele vorzugaukeln, denen sie eben alltäglich nacheifern konnten. So kam es Hull jedenfalls vor.

Ein neues Telephon zum Beispiel. Oder ein Automobil. Oder Slipeinlagen. Oder Yoghurt, das nicht dick sondern dünn macht. Oder ein Rentensparvertrag. Oder ein Mittel gegen Haarausfall auf dem Kopf. Oder ein Mittel gegen Haare auf der Brust oder sonstwo, wo sie vielleicht besser nicht hingehören. Oder ein Bausparvertrag mit extra schön Baukindergeld. Oder ein Getränk mit reichlich COzwei. Oder ein nettes Sextoy. Oder doch lieber ein Motoroil für beste Ergebnisse: „Wir lieben Schmierstoffe“.

Und so kommt’s, dass man im Alltag eben dies und das „liebt“. Gibt folglich Geld aus dafür. Geld, dieses allgemeine Tauschmittel. Wo hat man’s her? Natürlich, die meisten müssen dafür arbeiten, das heisst Lebenszeit herschenken, um etwas zu verrichten, was dann erst zu diesen tollen Angeboten führt, wofür es sich lohnt, Werbung zu machen. Oder man verrichtet selbst schon diese Werbearbeit, dichtet also irgendwelche Verse, die andern direkt ins Suchthirn hineinleuchten sollen. Das kann manchmal sogar ein besserer Slogan sein als „Wir lieben Schmierstoffe.“ Und dieses Lebenszeit-Herschenken macht den Alltag erst recht zur Hölle. Gewiss sagt man zu Alf und Svenja: Ich kann nicht klagen, meine Arbeit tue ich gerne, ja sie macht mir sogar Spass. Die letzten Worte mit einem bemühten Lächeln um die Zähne. Das wirkt verstärkend, Zahnschmelz härtend. Und selbstverstärkend. Heisst: man glaubt zuweilen selbst daran, an glanzvollen Tagen wenigstens. Wenn am Feierabend mal die Sonne länger lacht, als sie eigentlich darf, und dich eine Grillwurst mit Dosenbier in den gemütlichen Garten lockt.

Hull lächelte. Nein, nein. Er war nicht depressiv. Auch nicht griesgrämig. Er fragte sich nur gerade, warum dieser alles umwabernde und lähmende Alltag trotzdem so locker funktioniert. Alleine die Werbung kann’s dann doch nicht sein. Er erinnerte sich an seine früheren Gedankenassoziationen zur Funktionsweise der freien Wirtschaft, jener die keinem Plan folgt und doch die Regale der Supermärkte füllt.

Hm, natürlich. Der Antrieb muss aus dem Innern kommen. Nicht aus dem Dünndarm, nicht aus der Nebenniere, wobei… Aber schon eher aus dem Hirn. Wiedermal das Denk-Organ. Nun für Gefühle und Motivation ist primär das limbische System zuständig. Egal. Wie es heisst, wo es hockt. Hauptsache im Gehirn. In dem Teil des Hirns, der Bewusstsein erzeugt.

Nein, Bewusstsein ist nicht Denken. Denken ist Problemlösen.

Bewusstsein, Sucht, Ziele, Gefühle, Motivation. Das sind die Zutaten. Kein Androide (bis heute jedenfalls, wer weiss, was diesbezüglich noch alles kommt) hat all diese Merkmale. Er hat nur Bewusstsein. Kaltes Bewusstsein, wie eine Rechenmaschine eben. Davon sind wir weit entfernt. Doch das begreifen die Kognitivisten nicht. Nein, wir sind keine kühlköpfigen Rechner, auch wenn wir ab und an mal ein paar Euro zusammenzählen können.

Nein. Unser Bewusstsein ist beinahe identisch mit dem eines heissblütigen Affen, der sich noch traut, wild, ich meine: sehr, sehr wild, herumzuschreien und zu toben, auf dass die Äste brechen, auf denen er hockt. Wir Menschen hingegen greifen, naja, bisweilen ein klein bisschen diskreter, ein klein wenig kontrollierter, nach all den wunderbar knallbunten Wühltischen im Ausverkauf, aber bleiben dennoch im Herzen wie läufige Hunde.

Gesteuert von Impulsen tief im Schädelknochen drin.

Dort wo alles dunkel ist. Und still. Und einsam.

Genau dort wird die Hitze produziert.

Seit Jahrmillionen schon zuverlässig.

Ressourcen haben wollen.

Und die Antennen, die dieses Bewusstsein, beziehungsweise diese Seele, wie manche auch singen, mit Information von draussen, von der hellen Seite, vom Wettkampf und von der Liebe versorgen, sie scheinen zuverlässig zu sein. Sie berichten über das Verhalten der Artgenossen als wäre diese „Realität“ unmittelbar gegeben. Als wären sie, unsere „Mitmenschen“, nicht ebenfalls gesteuert durch Impulse aus der Unzugänglichkeit, aus tiefer Vergangenheit.

Dann gibt es noch diese merkwürdige kleine Teilmenge des Bewusstseins im Affen, die sich selbst bewusst wird. Wohl einfach durch zirkuläre Informationsverarbeitung. Das Ich-Bewusstsein. Damit wird die Illusion einer Person geboren, der Zombie erleuchtet sich von innen heraus, inmitten von Objekten hebt sich ein Objekt als Subjekt hervor.

Auf rätselhafte Weise, denn es entsteht eine ganz neue Dimension oder Systemebene. Die Emergenz des Ich-Bewusstseins stellt das Universum auf den Kopf. Mit diesem Ich ist das Universum erst entstanden, mit dem Tode dieses Ichs verschwindet das ganze Universum für immer.

Aus dieser subjektiven Perspektive, empor gespült aus der Mitte eines fettigen Gewebes im, wie schon betont, dunklen, stillen und einsamen Innern des Schädelknochens, wie könnte da mehr als ein laienhaftes Improvisationstheater entstehen? Stümperhafte Gehversuche inmitten Milliarden anderer Ich-Maschinen? Wie könnte da je mehr als 80% gelingen? Manchmal muss man sich sogar mit 50:50 oder noch weniger begnügen. Wie könnte da in gesellschaftlicher Perspektive Perfektion gedeihen? Man muss doch zufrieden sein, vor allem in Zeiten der Pandemie (die wohl nicht mehr enden wird), dass wir uns nicht alle gegenseitig massakrieren, dass wir trotz massloser Überbevölkerung immer noch ein bisschen funktionieren, wenn auch dicht gedrängt, im Dichtestress sozusagen, und uns immer noch überwiegend ein bisschen tolerieren.

Man soll die 80-20-Regel endlich akzeptieren. Mit 20% Aufwand kriegt ihr 80%. Mehr war vom Schöpfer nicht geplant. Gerechtigkeit kann man üben, immer wieder, ja, aber erreichen zu 100%? Akzeptiere den Affen in dir und mach was draus. Das war Hulls Fazit seiner launigen Beäugung des Alltags. Nun gönnte er sich einen Espresso.

Flucht aus der Karibik

Es klingelte. Luca erhob sich und ging zur Tür. Wer mochte das sein. Freunde besuchten ihn kaum. Dazu müsste er erstmal welche haben. Der Postbote? Hm, er hatte ja nichts bestellt. Als er die Tür öffnete und nach draussen blinzelte, hatte er keine Ahnung, wer da stehen würde.

Tag wohl, Sie wün…schen…?

Die Frau lächelte ihn an. Hallo.

Ja, hallo. Aber..öhäh??

Hm.

Du bist… Nein, Mann oh Mann!

Luca, geht’s?

Lisa! Du bist es tatsächlich…

Ja. Ich dachte, ich schau mal bei dir vorbei.

…Ma…mal…bei mir vorba… Mann oh Mann.

Ja? Ist das jetzt so schlimm, mich wieder zu sehen?

Mannoh… Lisa, sag mal. Ich dachte dreissig Jahre lang, du wärst tot oder sonst wo.

Ah, sonst wo. Hm, freust du dich nicht – ein bisschen? Mich wiederzusehen.

Ja, äh, klar, Schwesterherz. Klar doch, ich muss erstmal… weisst du, dreissig Jahre, verdammt. Warum hast du dich denn nicht früher…? Ein Lebenszeichen oder so.

Ja, gute Frage.

Jaha, echt. Aber auch.

Ähm, du, mein Schnuggelhase. Lässt du mich eintreten?

Ha, ja, klar, komm doch rein, Schwesterherz.

Danke.

Dann standen beide im Flur. Lisa zog den Mantel aus, hängte ihn an die Garderobe über die ganzen Jacken des Bruders.

Du siehst, entschuldige, du siehst alt aus.

Ja, Luca, ich bin auch alt, 64 Jahre. Was erwartest du?

Hm, hm.

Aber du siehst auch nicht gerade – gesund aus.

Wie jetzt?

Na, spindeldürr, wackelig. Du warst doch früher eher ein Pummelchen.

Ja, mehr als das. Ich war dann mal voll fett. 120 Kilo.

Echt? Wo ist das denn alles hin, das Fett.

Weg, zum Glück. Ich hab ein Magenband und die Haut wurde dann eingekürzt.

Eingekürzt?

Ja, so halt. War zu viel Haut auf einmal. Aber egal das. – Sag doch, wo warst du denn all die Jahre?

Hm, auf Saint Barth.

Saint… was?

Barth. Oder Saint-Barthélemy.

Kenn ich nicht.

Schon klar.

Was?

Nichts.

Ja, sag schon, wo liegt den dieser Saint Barth.

Karibik. Kleine Antillen. Immer noch unter französischer Herrschaft. Tolles Klima dort, muss ich schon sagen.

Okay. Karibik. Irgendwie dacht‘ ich mir das. Falls du nicht tot wärst – Karibik. Jaha, die Lisa.

Wieso sollte ich tot sein?

Bitte, du bist seit dreissig oder wieviel Jahren verschollen. Da kann man schon mal auf so Gedanken kommen, oder.

Verschollen. Naja, ich bin abgehauen. Das machen viele.

Ha. Viele?! Und warum denn?

Ich bin, naja, sozusagen mit Tom durchgebrannt.

Tom?

Ja, Tom. Überrascht dich das?

Äh, nö, genau, das war ja offensichtlich. Ich dachte nur…

…dass der auch tot sei?

Hm, ja, irgendwie. Hull hat dafür gesessen. Für Mord.

Gesessen? Aber ich hab doch ausgesagt, dass das alles Quatsch gewesen ist.

Was?

Das mit dem Wunder.

Aha.

Ja, wir haben uns das wohl nur alles ausgedacht.

Wohl? Ausgedacht? Hör mal.

Nee, das war kein Wunder. Es gab auch keinen Kugelblitz und all den Zinnober.

Ich fass es nicht.

Ja, frag den alten Hull, wenn der noch lebt.

Hull? Und ob der lebt. Der ist fit wie ein Turnschuh.

Ha, sag nur, du hängst immer noch mit dem alten Spinner rum.

Spinner? Hör mal.

Luca.

Ja, was.

Sollen wir hier stehen bleiben. Ich meine…

Aha. Nee, komm rein. Hier ist meine Loge.

Okay, ein gigantisches Chaos, wie ich sehe.

Hör mal.

Bringst du mir einen Espresso?

Hm, Espresso ist aus.

Dann ein Wasser.

Okay.

Sag mal, hier kann man leben?

Ja, siehst du doch.

Wieviel Zimmer sind denn das.

Nur das hier.

Eins?

Ja.

Du arme Sau.

Hör mal.

Sag mal, was hast du denn dreissig Jahre lang gemacht in der Karibik? Mit Tom?

Nicht viel. Die ersten zwanzig Jahre sind wir die meiste Zeit am Shell Beach rumgehangen.

Wie rumgeh…?

…Na, so. Man legt sich in die Sonne. Wie so zwei Turteltäubchen halt.

Und?

Geht mal baden und so.

Und?

Bestellt einen Drink. Und trinkt den. Dann geniesst man die Sonne, geht baden, bestellt den nächsten Drink. Ist doch logisch, Luca.

Nein. Echt?

Klar. Tom hat zwischendurch mal ein paar Yogastunden gegeben.

Damit ihr eure Drinks bezahlen konntet?

Genau, mein Schnuggelhase, du checkst es.

Und dann, nach zwanzig Jahren?

Eher achtzehn.

Ja, dann?

Dann war er weg.

Tom?

Wer denn sonst, Mann. Ich war ihm zu alt inzwischen. Hat sich ne Neue geangelt.

Scheisse.

Ja, war ne harte Zeit für mich damals.

Und seit wann bist du wieder hier in der Kälte?

Hm, seit ner Woche. Ging definitiv nicht weiter auf Saint Barth. Obwohl, das ist auch EU dort, weisst du? Ich würde dort auch Rente kriegen. Vielleicht. Aber ich war mir nicht sicher. Dachte hier in der alten Heimat geht’s mir dann auf meine alten Tage doch besser. Und dann Französisch. Das war eigentlich gar nicht mein Ding. Tom zog es da hin.

Äh, Lisa, ich ähm, ich wollte eigentlich jetzt gleich noch zu Hull. Kommst du mit? Der würde sich bestimmt freuen.

Hm, echt jetzt? Der ist vielleicht noch sauer auf mich.

Wegen dem Urknall-Wunder und…?

…Klar. Nee, geh du mal alleine zum Alten.

Okay, Lisa.

Spiel dir das Lied vom Tod

Schön, dass ihr beide noch mal hier seid.

Ja, war ja auch lange Zeit weg.

Kann man so sagen. Es… äh, fällt mir ein Stein vom, vom äh, du weisst schon… Dass du wieder da bist. Ich meine, dass du noch lebst. Das war nicht so klar, all die Jahre.

Hm, sorry, Hull. Ich hätte mal Kartengrüsse schicken sollen.

Allerdings. Eine Karte aus der Karibik kriegt man nicht alle Tage.

Wer schreibt denn noch Postkarten? Gab Luca zu bedenken.

Also, hört mal, ich wollte mit euch noch einmal ein Thema durchgehen. Etwas vertiefen.

Och, treibst du immer noch deine Studien?

Ja, nein. Etwas treibt mich noch um. So könnte man sagen.

Ah, und das wäre?

…Ähm… Ich muss mich mal setzen. Macht’s euch doch auch bequem, Kinders.

Okay, du machst mich neugierig. Was könnte das sein? Wir haben doch alles schon seziert und durchdekliniert in unseren besten Jahren.

Ja, Luca, das stimmt. Und doch… hm… etwas spukt noch herum in den Hirnwindungen.

Da spukt ne ganze Menge, wenn ihr mich fragt. Hull, gibt’s bei dir noch diesen feinen Kaffee?

Leider nein, die Maschine ist kaputt. Hull atmete schwer.

Kaputt? Okay, macht nichts. Kaffee wird eh überschätzt. Lisa schien dennoch enttäuscht.

Also. Ich weiss gar nicht so recht… wie anfangen.

Wir haben Zeit, nicht wahr Lisa?

Ja ja, hab ich, Bruderherz.

Also, hört mal. Wir haben ja früher eine Menge studiert und gelernt. Immer letztlich mit dem Fokus auf das Bewusstsein. Man könnte sagen, mit Fokus auf unser Bewusstsein. Denn wenn man solche Dinge verstehen will, dann doch wohl, weil man sich selbst verstehen will.

Sich selbst und die andern. Wie die ticken und warum sie so und nicht anders funktionieren.

Ja, Luca, auch der Andere. Auch den will man verstehen. Also.

Okay.

Lisa gähnte. Sie hätte lieber eine Runde Poker gespielt, so viel war klar.

Also, stellt euch vor, ihr wacht eines Morgens auf, blickt in den Spiegel und erkennt euch nicht mehr. Da schaut euch ein Fremder an.

Haha, das kenn ich. Und dann?

Luca, das meine ich nicht. Ich meine einen Zustand, in dem du dich auf Dauer nicht mehr erkennst. Du bist dir fremd.

Auch das kenne ich. Ich war mir eigentlich selbst mein Leben lang fremd.

Okay. Auch das… war nicht gemeint.

Hmmm…

Lisa, verstehst du, was ich meine?

Hm, ich denke, du willst auf das Cotard-Syndrom hinaus. Wenn das Ich verloren geht.

Ja, du hast es. in die Richtung geht’s. Auch wenn die Philosophen inzwischen ein anderes Bild dieser Krankheit malen.

Wie anders?

Nun, dem Philosophen mit Interesse an Neurologie ist das Cotard-Syndrom einfach ein Verlust des Ichs. Etwa so, als hätte ein Buddhist dieses tapfer wegmeditiert.

So hab ich’s auch präsent.

Eben. Ursprünglich ist dieses Syndrom aber eher als Negierung des Lebens gedacht, als krankhafte Überzeugung gar nicht zu existieren.

Okay. Aber das ist ja nahe dran.

Ja, das ist nahe dran. Und doch… Hull atmete schwer.

Geht’s dir gut Hull? Lisa besorgt.

Ja, ja. Also, wo war ich stehen… Ja, also was ich sagen wollte. Eigentlich taugt der Begriff Cotard-Syndrom nicht wirklich für das, was mir durch den Kopf wabert. Äh… Das Cotard-Syndrom ist ein Synonym für einen eingebildeten Zombie. Was ich mir… Also, mir geht’s vielmehr darum, dass wir doch uns einig waren, dass… also, dass das normale Ich-Bewusstsein zwar ein evolutionärer Fortschritt darstellt, dass es aber zugleich ein absurdes Produkt ist. Es kann ja nur emergent sein, soviel macht die Hirnforschung klar. Das Bewusstsein und noch viel mehr das Ich-Bewusstsein stellt eine neue Systemebene dar, die sich nicht automatisch an die Vorgaben der unteren Systemebenen hält. Die menschlichen Körper und ihre Grundfunktionen, welche unbewusst gesteuert werden, sind allesamt ganz normale Objekte auf diesem Planeten. Ein Körper, eine Lunge, ein Magen, ein Herz, ein Herzschlag. Objekte eben. Nun kommt die emergente Ebene, die mit ihrer Aufmerksamkeits- und Steuerungsfunktion eine andauernde Gegenwart erzeugt, ein Selbst, eine Seele, ein Ich. Dieses Ich sagt auf einmal: Mein Körper, meine Lunge, etc. Diese Meinigkeit, diese Subjektivität ist die grosse Abweichung. Kein Mensch, so er gesund ist und eben kein Cotard hat, kann dieser Illusion entkommen. Auch jene nicht, die diese schon lange durchschauen und sagen, in Wahrheit kann es kein Ich geben.

Ja, Hull. Aber das ist so neu nicht.

Ja ja. Was ich sagen wollte. Nein, was ich fragen wollte. Ist diese Emergenz nun wirklich so falsch und müssten wir alle wie die Verrückten dieses Ich wegmeditieren? Oder ist es nicht vielmehr ganz normal, mit dieser, oder besser: in dieser Illusion zu leben? Ich meine, so tut es doch der gemeine Atheist. Er hat seine Seele und mit dem körperlichen Tod stirbt sie halt auch. Und damit hat er eigentlich nur ein kleines Problem. Dann nämlich, wenn er nicht sterben will. Ich hingegen dachte eigentlich immer, der Atheist sei genau so gläubig, wie ein Christ oder sonst jemand, der an ewiges Leben glaubt. Nämlich in dem Sinne gläubig, dass er dieser Illusion des Ichs aufsitzt. Auch wenn er dieses zeitlich begrenzt denkt. Die Frage ist doch, wie könnte ein Mensch leben und funktionieren, wenn er sich zwar bewusst steuert, aber sich konsequent als Objekt begreifen würde.

Oh, Mann, Hull, das ist doch Quatsch. Reicht es nicht zu wissen, dass es eine andere Systemebene ist und somit aus der Dritten-Person-Perspektive so was wie eine Illusion oder eine Simulation, was es aber meiner Ansicht nach doch nicht trifft. Und somit kann man ganz prima mit seinen subjektiven Problemen leben, oder? Ich meine, so schlecht macht das der gewöhnliche Atheist gar nicht. Natürlich würde dem einen oder andern schwindlig, wenn er seine temporäre Seele wirklich als emergentes Phänomen begreifen könnte. Aber, Hull, wozu immerfort diese Grenze bearbeiten, warum nicht einfach – leben…?

Ja, Lisa, du… ah, du hast… wohl… äh, recht…

Hull, du bist ja ganz blau im Gesicht.

Wa…? Ich bin doch nicht blau…

Na, deine Lippen sind blau.

Luca, du spinnst… Warum sollten die… Hört mal, ich muss mal ein Glas Wasser trinken.

Hull erhob sich aus seinem Sessel und schlurfte langsam in die Küche.

Lisa und Luca schauten sich an.

Müssen wir uns Sorgen machen?

Quatsch, Hull kommt gleich wieder und quasselt weiter von Dingen, die es eigentlich nicht geben sollte.

Wenn du meinst, Luca. Wir könnten doch eine kleine Runde Poker…

…Ach zu dritt, das ist schon nicht so der Hammer.

Na, ich gewinne gerne auch in kleiner Runde.

Aus der Küche war ein Scheppern zu hören. Und ein dumpfer Schlag.

Hull? Alles okay bei dir?! Lisa lächelte.

Okay, wir können den Tisch ja mal vorbereiten. Vielleicht spielt er mit. Eine Vorliebe für Spielkarten hat er ja durchaus, unser Mastermind.

Super, Luca, so machen wir das!

Fünf Minuten später meinte Lisa, sie gehe doch mal nachschauen, was Hull so in der Küche treibe.

Du meine Güte! Hull!

Luca sprang auf, rannte in die Küche. Hull lag reglos am Boden.

Ist er…?

Ja, Luca.

Lisa weinte, Luca konnte es überhaupt nicht fassen.