Des Schicksals Wendungen

Möge die Pacht mit dir sein

Hier ist es, Leute. Das ist euer neues Zuhause.

Hull, Luca und Lisa liessen ihre Blicke durch den grosszügigen Raum wandern. Von der Fensterfront sah man über die Stadt, wahrscheinlich befand man sich irgendwo zwischen dem zwölften und siebzehnten Stock eines hübschen Bürohochhauses.

Und Sie, Tom, Sie sind der neue Hausmeister? fragte Lisa.

Tom lachte: Ich dachte mir schon, dass ihr keine Ahnung habt. Aber ihr werdet euch hier zurecht finden. Schliesslich habt ihr seinerzeit das Casting gewonnen und das will was heissen. Allerdings war eure Performance, offen gestanden, bisher eher – nichts. Das Projekt stand auf der Kippe, vor allem am Anfang, meine Güte war das alles peinlich… aber ich konnte den Vorstand überzeugen, euch noch eine Chance zu geben und eine zweite Staffel mit euch zu starten. Ihr müsst allerdings jetzt wirklich diese Challenge annehmen, eure Performance muss echter, dynamischer, leidenschaftlicher werden, ihr müsst euch zu diesem einmaligen Projekt ohne Wenn und Aber comitten.

Comitten…? Luca bohrte in der Nase. 

Lisa schaute aus dem Fenster und Hull trat an den neuen Schreibtisch, streichelte über die saubere Oberfläche und begann seine Spielkarten und Würfel aufzutürmen.

Tom seufzte, kratzte sich hinterm Ohr und machte kehrt. 

Halt, Tom, wann gibt’s denn hier Lunch? Aber der war schon weg.

Hull startete den PC. Ein Passwort wurde verlangt und somit war hier vorläufig Endstation.

Nun, sagte er lächelnd. Schön dass wir all diese neuen Requisiten bekommen haben. Sieht alles ein bisschen professioneller aus, nicht wahr? Nicht mehr so hausbacken. Habt ihr gehört ihr beiden, jetzt müssen wir aber auch liefern.

Liefern. Aber was denn, Hull? Ich sehe hier nur dieses Schild „Coworking Space“, das sagt mir jetzt nicht viel. Vielleicht sind nebenan noch andere Teams am Start? Muss ich das so verstehen? Soll ich mal schauen?

Nein, Lisa, bleib hier. Wir brauchen jetzt wirklich jeden Mann. 

Ich bin eine Frau. 

Egal. Wir starten heute die zweite, äh, Staffel. Und diesmal will ich von Anfang an Leistung sehen.

Hull. Luca sah seiner Schwester nach, als sie das Grossraumbüro verliess.

Was denn.

Was genau meinte dieser Clown vorhin mit dieser zweiten Staffel?

Na, eben, Luca, wir kriegen eine zweite Chance. Das ist doch grossartig. Obwohl wir’s nicht verdient haben, sieht dieser Tom in uns doch ein gewisses Potenzial.

Und wer soll das sein? Tom sagt mir nichts, ich meine, so heisst doch jeder. Ich habe den heute zum ersten Mal gesehen.

Hm, wahrscheinlich haben die unsere Gedächtnisse gelöscht, damit wir ungestörter arbeiten können. Vielleicht ist das ja ganz praktisch. Ein Neuanfang ohne Ballast. So kann man, so muss man das sehen. Oder kannst du dich an eine, ähm, erste Staffel erinnern?

Ohne Gedächtnis? Und wie mir scheint auch ohne Plan, was die Zukunft betrifft. Aber Hull, das ist es! Das ist es! Das ist genau der mentale Zustand, den alle immer schon angestrebt haben. Wir haben’s mühelos geschafft!

Wie, was jetzt…?

Hull. Wir leben jetzt und hier im Hier und Jetzt. Und zwar ausschliesslich. Fantastisch! Alle reden nur immer davon – wir sind angekommen, ohne jahrelange Meditationsübungen, einfach so. Wahrscheinlich weil wir so gut, äh, comitten, oder wie hiess das?

Lisa kam wieder rein: Leute, auf der anderen Seite des Korridors ist eine Yogaschule, die nennt sich Om Shanti. Da hängen ein paar Yuppies in Yogaklamotten zu Yogamusik auf Yogamatten ab. Echt öde.

Aber ja, Schwesterherz, jetzt erinnere ich mich wieder. Tom ist doch der angesagte Yogalehrer, dessen Kurse im Fernsehen die Einschaltquoten zum Glühen bringen.

Nicht nur die Einschaltquoten.

The little Dings

Lucas Augen schienen mit dem Bildschirm verschraubt zu sein. Seit Stunden glotzte er unaufhörlich hinunter in die Abgründe der virtuellen Welt jenseits dieses sonderbaren „Coworking Space“. Ab und an entlockte er seiner Maus ein leises Klicken. War er noch bei Bewusstsein oder träumte er von – wer weiss das schon.

Lisa sass an ihrem Pult und liess Würfel kullern. Sobald diese still standen, notierte sie fleissig das Ergebnis auf ein Blatt, dass schon randvoll mit Zahlen war. Sie schien zufrieden und lächelte in sich hinein.

Hull beobachtete die beiden abwechselnd und, naja, wir können es wohl erraten, da stiegen bereits erste Zweifel in ihm auf. Zweifel am Sinn des Ganzen. 

Aber das sagt sich so daher. Was ergab denn überhaupt Sinn? 

Gewiss, es gab jene Glücklichen, die ihre Sehnsucht ohne Abstriche dem Absolutenwidmeten. Jene, die ihre Automatismen, ihre Maschinenhaftigkeit, ihre Zielstrebigkeit für farbige Luftblasen ein für alle mal überwunden hatten. Wäre man so ein Zen-Meister oder sonst so ein Verrückter, dann müsste man sich bestimmt keine Gedanken mehr machen, wie es gelingen könnte, einfach mal zur Ruhe zu kommen, sich selbst zu vergessen, sich mit dem ganzen Universum zu vereinen – mit einem Wort Erleuchtungzu erlangen. Aber war denn dieses „Nichts“ der alten Meister nicht doch bloss ein anderer Name des „Seins“? War das „Nichts“, diese allgegenwärtige Bedrohung des „Seins“, nicht doch der Ursprung aller metaphysischen Befragungen, die dem „Sein“ schliesslich eine fröhliche, aber paradoxe Existenzberechtigung aufstempelten? All diese stürmischen Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer hat das ganze Zeug hier gemacht? Und warum und wozu ist der ganze Kram hier direkt vor meiner Nase? Vor allem: Warum läuft nicht alles rund und warum gewinnt nicht immer meine Fussballmannschaft? Müsste eigentlich nicht alles viel, viel einfacher sein? Und so weiter. 

All diese Fragen und Zweifel tauchten nur deshalb auf, da war sich Hull sicher, weil man das „Nichts“ nicht gründlich genug verstanden hat. Möglicherweise nur deshalb. Es war klar, er musste sofort eingreifen.

Lisa, Luca, Zeit für ein Meeting. Wir wollen mal die Zwischenergebnisse beleuchten.

Meeting, okay. Bin gleich so weit.

Muss das jetzt sein? Ich hab grad ne Glückssträhne. Die Würfel fallen öfter mal so, wie ich’s mir vorher ausdachte. Wenn ich das unterbreche, dann…

Okay, was haben wir?

Das fragt jeweils der Kommissar, wenn er endlich als letzter am Tatort erscheint.

Wir müssen vorankommen. Also berichtet bitte, was eure Recherchen so zu Tage gefördert haben. Schliesslich wart ihr nun stundenlang an der Front, ja, oder vielmehr am Abgrund der menschlichen Existenz. Lisa, du zuerst.

Ich, äh, ich habe gewürfelt! 

Und? knurrte Hull.

Nun, die Ergebnisse waren vorhersehbar, zunehmend, würde ich sagen. Irgendwie ist das Problem beim Würfeln, dass es – ziemlich beschränkt ist.

Beschränkt?

Ja, nie gibt es zum Beispiel Null oder mit drei Würfeln komme ich nie über 18 hinaus. Diese Grenzen werden mit der Zeit ein wenig öde. Das lullt die Spielerin ein. Das ist wie Superlearning. Sie würfelt und würfelt und würfelt. Alles endet zuverlässig zwischen drei und 18. 

Und? Was schliesst du daraus?

Gamification.

Gamification…?

Ja. Wir müssen noch eins drauf setzen. Wir sind Spieler. Alles ist nur ein Spiel. Warum machen wir nicht noch viel mehr Spiel draus? Die Leute würden Spass haben. Lasst sie richtig mitfiebern, Ranglisten erstellen, Preise gewinnen…

Hm. Luca. Was sagst Du?

Preise? Ich weiss nicht. Zu teuer.

Nein, ich meine, was hast du rausgefunden.

Ach so. Ich hab Blogs angeschaut.

Blogs…?

Ja, ich weiss, das ist heute nicht mehr ganz so angesagt. Twitter, Instagram und so Kurzfutter ist jetzt tonangebend. Aber in Blogs findet man am ehesten noch Spuren, wie die Leute wirklich ticken. 

Und? Wie ticken sie so?

Wie der Zeitgeist, würde ich sagen. Es geht primär um Liebe, Harmonie, Authentizität, ja, ein bisschen Spiel auch, aber vor allem um ganz viele Wohlfühldinge. Man ist lieb zueinander in der virtuellen Welt. Also, es geht mehr denn je um die ganz grossen Sehnsüchte.

Okay. Dann weiss ich jetzt wenigstens, was wir alles verkehrt gemacht haben.

Warten auf Tom

Ich habe nachgedacht.

Hull hob seinen Kopf, starrte auf Luca. Und?

Nun ja. Wir sollten nicht enttäuscht sein. Wir müssen einfach warten. Das kommt schon.

Was kommt schon?

Wir werden sehen. Ich bin ganz zuversichtlich.

Okay, Luca, du bist noch jung. Zuversicht ist somit ein ganz guter Zeitvertreib für dich. Und, wo ist denn eigentlich Lisa?

Keine Ahnung, wahrscheinlich läuft sie diesem Tom hinterher. Sein gut gebauter Body hat so ziemlich Eindruck hinterlassen bei meiner Schwester.

Hm. Wenn sie hier wäre, könnten wir wenigstens Karten spielen.

Stimmt. Wäre mal wieder an der Zeit. Schliesslich haben wir schon genug gearbeitet.

Man kann gar nicht genug arbeiten, Luca. Immer gibt es was zu tun.

Immer? Dann kann man’s auch grad sein lassen.

Klingt das jetzt nach Zuversicht?

Ach, Mann. 

Hm.

Übrigens. Ich frage mich schon die ganze Zeit, was dieser Yogalehrer oder soll ich sagen, dieser Clown, eigentlich von uns will.

Welcher Clown, Tom?

Ja. Der gibt uns immer wieder neue Aufträge, aber eigentlich wissen wir gar nicht, wozu, warum, nicht mal, was so ein Auftrag überhaupt beinhaltet.

Ich denke, Luca, genau darin liegt der Sinn.

Wie meinen?

Der Sinn der Sache ist, dass wir das Ganze komplett hinterfragen, dass wir etwas, nein, dass wir alles, herausfinden. Wir sollen hinter die Kulissen schauen, du weisst schon. 

Aber, das machen wir jetzt schon seit Monaten. Hat es was gebracht?

Aber ja, wir kennen inzwischen die Physik, die Biologie, die Systemtheorie, die Autopoiese, die…

…und? Was bringt uns all das Wissen?

Nichts.

Eben.

Nein, du verstehst nicht. Dieses Nichts ist das Ergebnis. Das ist es, wonach alle suchen. Also, nicht dass man nach nichts sucht. Nein, ganz im Gegenteil, aber das ist ja die Pointe.

Das war es von Anfang an. Jeder Zombie wüsste das schon von Geburt an. Vielleicht waren wir einfach nur zu schlau… Aber nein, wir dachten nur, wir wären schlau. In Wahrheit, Luca, in Wahrheit ist nicht Tom der Clown. Nein, wir sind die Komiker. Wir haben die einfachste Gleichung nicht verstanden.

Aber das ist doch absurd.

Genau. Ich denke das ist die Lösung. Wir können das Absurde recht schön darstellen und jetzt rufen wir Tom an. Schliesslich haben wir gewonnen.

Hinterstellar

Luca trat mit einem Lied auf den Lippen in Hulls Kontor ein und das Lied ging so:

You must remember this
A kiss is just a kiss
A sigh is just a sigh
The fundamental things apply
As time goes by…

Auf den ersten Blick schien gar keiner anwesend zu sein. Doch dann entdeckte er Hull in einer doch eigenwilligen Haltung auf seinem Bürostuhl sitzend. Nicht wie üblich aufrecht den Blick entschlossen in die Pixel seines Computers gerichtet. Nein, sein Oberkörper vollzog eine beinahe schlangenfömige Beugung nach links und sein Kopf, ja wahrlich, sein Kopf steckte in der mittleren Schublade seines Designerpults aus Chromstahl und Glas. 

Zwei Dinge schossen Luca durch den Kopf: Wie beweglich der alte Knacker doch war. Und fast gleichzeitig: Was um alles auf dem Globus suchte Hulls Kopf denn in einer Schublade?

Hull, geht’s dir gut? Was machst du da – drin?

Ah, Luca, du könntest mir behilflich sein.

Okay, soll ich dich da rausziehen?

Nein, bloss nicht. Das wäre das Ende.

Das Ende? Luca schien ratlos.

Ja, dann würde ich es nie finden.

Aber was suchst du denn da drin?

Den Eingang zum Wurmloch, das mich in Toms Parallelwelt führt.

Bist du noch da, Luca?

Äh, ich glaub schon.

Kannst du mir nicht bitte mal die Reparatur-Lupen-Brille mit LED-Licht reichen? Die muss da irgendwo auf dem Sideboard rumliegen.

Äh, ja, geht klar. Luca war sich sicher, dass Hull nun endgültig den Verstand verloren hatte. Hier ist das Ding. Soll ich’s dir in die Schublade reinschieben?

Ja, rechts von meinem Kopf sollte noch ein bisschen Raum dafür sein. Ich nehme sie dann zwischen Oberlippe und Nase, ziehe sie näher ran ans Wurmloch und dann…

…Hull, möchtest du nicht erstmal den Kopf aus dieser blöden Schublade ziehen und mir erklären, was der Unsinn soll?

Luca! Von dir hätte ich mehr Sachverstand und Sensibilität für die Nöte der Mitmenschen erhofft. Wirklich. Es bringt nichts mehr, einfach behäbig und dumpf dem thermodynamischen Zeitpfeil entlang zu wandern. Wir müssen in kühnem Bogen diese dickflüssige Gegenwart verlassen. Nur so werden wir erfahren, was aus Lisa geworden ist.

Lisa? Du meine Güte. Ja, die hängt mit dem Yogalehrer ab. Was stört uns das denn?

Dieser Yogalehrer hält sich eben gar nicht mehr in unserem Universum auf. Ich bin mir sicher, er hat Lisa entführt. Und jetzt schmort deine Schwester in seiner üblen Parallelwelt und kann nur auf dem Umweg über ein ultraschnelles Wurmloch gerettet werden. Deshalb müssen wir da durch.

Okay, eine normale Zeitreise wäre wohl ein Klacks dagegen, was?

Das kannst du laut sagen. Ähh, jetzt hab ich’s!

Was?

Die Reparatur-Lupen-Brille sitzt richtig. Nun sehe ich sternenklar! Luca, das ist fantastisch. Die Zeit verläuft perfekt wellenförmig, um nicht zu sagen fraktal. Sie kommt mir vor wie ein Brokkoli, der wächst in irrem Tempo und verästelt sich so selbstähnlich, dass man meinen könnte, ein jeder Tag sei wie der andere und meine Güte – kurz bevor diese Schublade davon überquillt, fängt das irre Theater von vorne an. Eine Zeitschleife ist wirklich ein Kindergeburtstag gegen das, was sich hier drinnen abspielt. 

Hull?

Ja?

Komm, jetzt da raus. Wir müssen zum Arzt.

Zum Arzt…?

Hm…

Nein, ich hab’s gleich. Hier ist der Eingang zum Wurmloooooo…

Luca traute seinen Augen und Ohren nicht. Mit einem deutlichen Überschallknall verschwand der ganze Hull in der doch recht kleinen Schublade, an deren Front sich Eiskristalle zu bilden begannen. Natürlich wuchsen sie brokkoliartig, wie sonst. 

Er dachte zuerst: Das ist jetzt doch eine Nummer zu dick aufgetragen. 

Dann: Hm, vielleicht habe ich das alles nur geträumt? Woher könnte man das noch zuverlässig wissen? Heutzutage, wo die Quantenphysiker die Schwarzen Löcher mit ihren gigantischen Jets in den Schwarzschild-Koordinaten herumtanzen lassen, als wären es nur kleine Krümel, die man vom Tisch wischt… 

Die Welt ist unzuverlässiger geworden, jedenfalls.

Einer flog ins Kuckucksnest

Schau nur, er kommt zu sich.

Tatsächlich. Bin ich froh….

Als Hull die Augen langsam, wirklich sehr langsam öffnete, sah er, noch etwas verschwommen zwar – wie das halt so ist nach solch dramatischen Vorfällen – Lisas und Lucas Gesichter vor seiner Nase. Sie lächelten ihn scheinbar froh gelaunt an. Das kam ihm schon reichlich merkwürdig, um nicht zu sagen, sehr seltsam vor.

Wo bin ich?

Lisa und Luca wechselten kurze Blicke. Dann war es Luca, der zuerst reagierte: Hull, du bist, sagen wir mal, in einem Krankenhaus.

Hull merkte, dass er tatsächlich in einem Krankenhausbett lag und die beiden Geschwister sich der eine von links, die andere von rechts über ihn beugten.

Warum…?

Du hast dich, sagen wir mal, ein bisschen überarbeitet und dann ja, war das so was – wie ein, ähm Kollaps. Dein Körper hat gestreikt. Ich meine dein Geist, der wäre noch lange…

…Luca. Lass mal. Hull will das sicher nicht so im Detail…

…und ob ich das im Detail…

…wissen.

Also. Jedenfalls. Lass es mich mal so sagen, du brauchst jetzt Erholung.

Hm. Ich kann mich an nichts erinnern.

An nichts?

Na, an –, ich meine, schon. Aber wie ich hierher gekommen bin. Was unmittelbar zuvor geschehen ist. Da ist ein Loch.

Ja, da war ein Loch. Hull. Hauptsache du bist jetzt hier in guten Händen.

So, bin ich das?

Soweit ich das sehe. Lisa, wie siehst du das?

Absolut. In guten Händen. Das Personal hier in der Ner… dem Krankenhaus ist klasse. Mit Auszeichnung. Du weisst schon, Qualitätsmanagement. Lisa lachte tapfer. Ähm, Hull, hast du Schmerzen?

Schmerzen? Nein. Davon müsste ich doch wissen.

Gut, das ist gut.

Ah. Wie lange bin ich denn schon hier?

Hm, naja, sagen wir mal…

Luca, was für eine Sprachverstelzung hast du dir da angewöhnt: Sagen wir mal, lass es mich mal so sagen…

…Ja, das kommt vom Rhetorikseminar. Tolle Sache, sag ich dir. Und dort hat man mich darauf hingewiesen, nicht immer gleich mit der Tür ins Haus zu fliegen. Ein paar vorbereitende, gut getimte und gewählte Worte, lassen doch die Beiträge im Wert gleich um einiges mehr Wert, äh, du weisst schon, Hull.

Also.

Also?

Herrschaft! Ich will das jetzt wissen. Wie lange bin ich hier?!

Eben, in gewisser Weise… schon etwas länger. Länger als man gemeinhin so annehmen würde.

Was Luca sagen möchte, Hull, also du hast doch eine schöne Weile hier im – äh, im Koma gelegen.

Im Koma? Davon hab ich ja gar nichts mitbekommen.

Wahrscheinlich ist das so, ja.

Wie lange? Welches Datum haben wir?

Hull, ähm, du warst, sage und schreibe fünf Jahre im Koma.

Das ist eine Menge Zeit. Und da musst du dich ja erstmal…

Hull bemerkte erst jetzt die ganzen Apparate, Bildschirme und Schläuche um sich herum, die Infusionsnadel auf seinem Handrücken, die Infusionsbeutel am Infusionsständer neben dem Bett, Katheter und Urinbeutel…

Aber was ist denn geschehen? Von wegen Kollaps. Wenn ich verdammte fünf Jahre…

…Hull, Hull, du sollst dich nicht so aufregen. Schonung, ist das Gebot der Stunde.

Stunde? Ich will hier sofort einen Arzt… was sag‘ ich, ich will den Chefarzt sprechen.

Okay, Hull, machen wir. Drück da auf den Knopf, dann kommt er.

Hull drückte, wie ihm geheissen.

Nach nur 28 Sekunden, und dieses irre Tempo war ja eines der von Lisa so hervorgehobenen Qualitätsmerkmale dieser Nervenheilanstalt, ging bereits die Tür auf. Schwester Ceyda schlurfte herein. Was gibt’s? Oh, der Herr Hull ist aufgewacht. Klasse. Sie haben aber auch genug geschlafen.

Ähm, wir denken, lassen Sie mich das mal so sagen, wir meinen, dass die Tranquilizer zu wenig wirken. Vielleicht sollte man noch etwas… ähm, Haldol rein mischen. Oder, Schwester…?

…Ceyda.

Ceyda.

Haldol?

Hm?

Ich frag‘ gleich den Oberarzt. Erstmal Blutdruck, Fieber, etc… Also ihr beiden, die Besuchszeit, so würde ich das mal sagen, die ist jetzt um.

Dieser Film existiert nicht

Wenn man wie Hull gerade hilflos im Krankenhaus liegt, mit Infusionsschläuchen und Katheter ans Bett gefesselt, betäubt von irgendwelchen Medikamenten – ja, dann gelingt’s schon weniger gut, den Tag froh gelaunt zu beginnen.

Hull jedenfalls merkte, dass er seit zwei Stunden einfach nur da lag, unfähig irgendwas zu tun. Appetit hatte er keinen. Das direkt neben ihm aufgetischte frugale Frühstück war völlig unberührt. Nicht einmal den Kaffee hatte er probiert. Nun ja, Hull wäre, hätte ihn das irgendwie gekümmert, sowieso der Ansicht gewesen: Dieser billige Versuch einen brauchbaren Kaffee zu imitieren, konnte trotz oder vielmehr wegen allgemeiner Qualitätsmanagementsverbesserungsmassnahmen, nur schief gehen.

Normalerweise hätte er sich darum gekümmert, die logischen Widersprüche zu lösen. Oja, die gab’s doch zuhauf. Er hätte seinen zweifellos eindrücklichen Verstand benutzt, um die unheile Situation, in der er sich offensichtlich befand, messerscharf zu analysieren. Er hätte sich gefragt, wieso er als Komapatient, der er angeblich war, in eine Nervenklinik und nicht in eine Akutklinik zu liegen kam. Auch wäre ihm daran gelegen, die angeblich fünf Jahre lange Bewusstlosigkeit einer näheren Prüfung zu unterziehen. Zumindest das heutige Datum hätte ihn doch interessieren sollen? Er hätte womöglich sogar kurz in Erwägung gezogen, dass man ihm klammheimlich ein Organ als „Spende“ entnommen haben könnte. Ja, vielleicht, so was kam doch vor. Aber nichts von alledem ging ihm durch den Kopf.

Dieser Kopf fühlte sich reichlich leer an. Das war gar nicht unangenehm. Er konnte in der Tat volle fünf Minuten an die weisse Decke starren, ohne den geringsten Gedanken zu wälzen. Die automatische Selbstgesprächsmaschine in seinen Hirnwindungen war zu seiner eigenen Überraschung lahmgelegt. Um diesen Zustand auch nur zwanzig Sekunden aufrecht zu erhalten, musste er in seinem bisherigen Leben wie ein besessener Buddhist mindestens zwei Stunden lang meditieren.

Was sich in ihm verdichtete, war eher so etwas wie ein Gefühl. Zunächst war es das Bewusstsein, allein zu sein. Wobei lag da nicht nebenan noch einer? Schon, nur dass der noch im Koma lag, sein Gesicht war mit einem Verband fast ganz verdeckt. Als wäre da gar keiner. 

Nun, dieses Alleinsein war ein Fakt. Hull hatte ja keine Beziehung mehr. Seine Ehe war schon vor Jahren in die Brüche gegangen, seine beiden Kinder wollten ihn kaum sehen. Freunde hatte er schon lange keine mehr. Ausser natürlich Luca und Lisa. Beim Gedanken an die beiden Geschwister entfaltete sich ein kleines Lächeln in Hulls Gesicht. Umso mehr fühlte er heute ihr Fehlen. Eine Lücke war entstanden in einem bis anhin funktionierenden emotionalen Netz.

Gestern noch waren sie das erste, was er überhaupt wieder wahrgenommen hatte. Heute – natürlich der Tag hatte erst begonnen – heute… Was war da los? Das Alleinsein wandelte sich schleichend in ein Gefühl der Einsamkeit, ein Gefühl das mit Nadelstichen, mit leiser Verzweiflung einher ging. Luca und Lisa – plötzlich tauchte ein absurder Gedanke, mehr eine grausame Frage auf: Gibt es die beiden überhaupt…?

Aber natürlich gab es sie! Was hatte er nicht alles erlebt mit ihnen. Sein Gedächtnis trog ihn offensichtlich, was die letzten Stunden vor der Klinikeinweisung betraf, aber nicht, was die lange gemeinsame Zeit mit seinen Freunden anging. Nur diese eine Figur, dieser Tom, der gab ihm ein Rätsel auf. 

Wie gesagt, normalerweise hätte Hull sich auf dieses Rätsel gestürzt; es zweifellos mit seinem scharfen Verstand sogleich aufgelöst, wie Salz im Spaghettiwasser. Jetzt liess er diesen Tom Tom sein und erlebte zum ersten Mal seit langem, was Einsamkeit sein kann. Es fühlte sich an, als müsste er gerade gegen seinen Willen aus einem überlangen, wunderbaren Traum aufwachen und in die grelle unbarmherzige Sonne starren. Deren Licht alles aufdeckte, alle Illusionen zerstörte, alle Hoffnungen gnadenlos verdampfen liess. Er begann zu denken: Wie komme ich hier bloss wieder raus?

T. o. m. (Time of machines)

Nein! Doch. Sehen Sie, Frau Doktor Engelhardt, so einfach ist das nun wirklich nicht.

Tom, jetzt bitte alles schön der Reihe nach. Sie wissen ja inzwischen, dass Sie diesen Herrn Hull nicht besuchen können, weil er hier gar nicht existiert. Jetzt sagen Sie mir doch bitte, wie Sie auf diese Idee gekommen sind, einen Herrn in dieser Klinik zu besuchen, der… der gar nicht existiert?

Frau Engelhardt, langjährige, erfahrene Assistenzärztin, musterte mit wachsendem Interesse den schmächtigen Mann ihr gegenüber, der ziemlich nervös, ja fast schon verstört, wirkte. Ständig fuchtelte er mit seinen Armen herum, wenn er sprach, wohl um seinen Worten irgendwie Nachdruck oder überhaupt eine Bedeutung beizumessen. Ja, so war es wohl. Frau Engelhardt hatte sich auf bizarre Wahnsysteme manisch-depressiver Irrer spezialisiert und ihr Urteil in solchen Fällen war unter Kollegen stets geschätzt, um nicht zu sagen: sie galt als die hauseigene Wahnspezialistin. Eigentlich war niemandem so richtig klar, warum sie es – offensichtlich – versäumt hatte, beziehungsweise nie angestrebt hatte, Karriere zu machen. Mit ihrem profunden Wissen, ihrer nüchternen und doch gewinnenden Art, ihren kommunikativen Höchstleistungen – kurz: mit ihrer insgesamt überragenden Persönlichkeit wäre sie zu Höherem berufen gewesen. Doch nun wollte sie lediglich diesem als Besucher aufgetauchten Menschen etwas genauer auf die Zähne fühlen. Ihr fragender Blick zeitigte Wirkung.

Was heisst schon existieren, Frau Doktor Engelhardt. Wir sind alle nur ein Narrativ, eine Geschichte. Nur durch unsere Biografie, unsere angehäufte, irgendwie geordnete Vergangenheit, nur dadurch existieren wir. Ohne Vergangenheit wären wir beinahe bewusstlos, einem Zombie ähnlich. Verstehen Sie? Es ist also unsere Geschichte, jedem seine eigne Geschichte, die ihn… oder auch sie, ich meine…, diese Sprache, also Frauen sind durchaus mit gemeint, ich weiss, heute genügt das nicht mehr, absolut, aber ich kann nicht anders, so wie mir halt der Schnabel gewachsen ist. Verstehen Sie, Frau Doktor Engelhardt? Was ich sagen wollte: Eben diese Geschichte macht uns aus. Nur diese Geschichte mit all den Tragödien, den Emotionen, den Wünschen und Hoffnungen, nichts anderes. Wir alle sind eine Geschichte, eine Story, eine Erzählung, ein Tagebuch, ein Roman. Daher ist es doch völlig egal, ob wir von einer Geschichte sprechen, die sich ein real existierendes Gehirn über sich selbst zurecht gelegt hat, oder ob es eine Geschichte ist, die jemand über jemand anderen, sogar über einen Fiktiven geschrieben und veröffentlicht hat, oder so. Wo sollte der Unterschied sein?

Haben Sie denn, Tom, jemals versucht, diesen Unterschied festzustellen, bevor Sie zu diesem Schluss gekommen sind?

Sehen Sie, Frau Doktor Engelhardt, ich habe Hull geschaffen und Hull hat dann einfach so aus einer Laune heraus Luca und Lisa geschaffen. Gut, das gab ein paar Probleme, aber das war doch so, wie im richtigen Leben, oder nicht, Frau Doktor Engelhardt? Dann hat Lisa aus durchaus begreiflichen, also aus hormonellen Gründen versucht, Tom zu erschaffen. War das nicht schon früher so, dass Eva Adam erschaffen hat? Ich weiss es nicht mehr, ist schon lange her. Ja, und dann wurde es turbulent. Eine Ebene zu viel, zu komplex. Für mich jedenfalls. Zu viel vor allem auch für den armen Hull. Verstehen Sie? Eifersucht, vielleicht? Keine Ahnung, Sie sind ja die Expertin für derlei Beziehungsgeschichten. Vielleicht könnten Sie das noch ein bisschen besser ausformulieren. Und dann musste das Ganze leider implodieren. Wir mussten wohl oder übel ins Heute katapultiert werden, so trist es hier auch ist. All die feine Nostalgie – einfach umsonst.

Nostalgie?

Ja, nur um Nostalgie geht’s. Alle sehnen sich nach der guten alten Zeit. Sie nicht, Frau Doktor Engelhardt? Sicher, haben auch Sie insgeheim eine Lieblingszeit in der Vergangenheit. Die Achtziger Jahre, vielleicht…? Würde zu Ihnen passen. Michael Jackson, Billie Jean und ein bisschen Moonwalk? Nein? Nun, das werden Sie mir nicht verraten, schon klar. Was ich sagen wollte. Nicht jeder versteht das Gleiche unter der guten alten Zeit. Für den einen ist es die Kaiserzeit, oder nehmen Sie Österreich: Sissi – wie könnte man da nicht nostalgisch werden? Für andere sind es die Fünfziger, die Sechziger, und so weiter. Für einige Unbelehrbare ist es gar die Nazizeit. Schwer verständlich, aber die ist inzwischen so weit weg. Da verklärt sich sogar das Grauen. Oder Revolution, brennende Barrikaden, Lenin, Trotzki – für einige war das das wahre Paradies. Sie verstehen, was ich meine, nicht wahr? Ich glaube, für viele ist die gute alte Zeit deshalb besser als die Gegenwart, weil die Zukunft damals einfach viel schöner war als heute.

Die Zukunft?

Ja, Frau Doktor. Die Zukunft ist doch heute etwas ganz und gar Unangenehmes. Man muss sich doch schon fast zwangsläufig lieber mit der Vergangenheit beschäftigen. Sogar die Gegenwart ist schon verseucht mit dieser schrecklichen Zukunft. Schauen Sie uns an. Wir hocken hier dreiundzwanzig Meter voneinander entfernt, damit wir ohne Maske miteinander reden können, mitten im Winter bei offenem Fenster. Und wir hoffen, die Aerosole seien uns gnädig gestimmt. Mehr bleibt uns nicht. Die Wissenschaft kann ja Vieles, aber ein normales Leben? Das ist futsch. Wo bleibt der Impfstoff? Wie lange muss ich hier noch in dieser dystopischen Unterwelt umherirren? Das ist ja schlimmer als in den Terminator-Filmen. Alien, Blade Runner, Waterworld… alle Sci-Fi-Filme sind längst dystopisch, Endzeitgenre! Die Zukunft ist ein Synonym für Horror geworden, das weiss jeder.

Und die Lösung liegt in der Vergangenheit?

Die Sehnsucht, die Nostalgie, ist sie nicht verständlich? Sehen Sie, Frau Doktor Engelhardt, ich habe Hull bloss um acht Jahre zurückkatapultiert. Offensichtlich war das zu wenig. Deutlich zu wenig. Schon damals, 2013, war nichts mehr, wie es hätte werden sollen. Jedenfalls stelle ich fest, dass die Leute jetzt stark von der Nostalgie der Fünfziger und Sechziger Jahre erfasst werden. Verstehen Sie, nicht dass jemand denkt, damals wäre alles perfekt gewesen. Nein, aber die Zukunft war damals einfach noch viel verheissungsvoller. Nehmen Sie den alten Hull. Der lag in den Sechzigern mit anderen Kids abends auf der Wiese rum, bestaunte die überall herumtanzenden Glühwürmchen und träumte mit diesen Kids zusammen den Traum von der goldenen Zukunft. Überall sollten Lufttaxis herumfliegen, die Landschaft wäre eine einzige grossartige, bunte, glänzende Metropole, da und dort würden ein paar dekorative Bäume herumstehen. Die Menschen würden natürlich zum Vergnügen auf dem Mond herumspazieren und die ersten Marsflüge wären auch schon möglich. Niemand dachte damals an die Vermüllung des Planeten, an Überbevölkerung, an Klimawandel, nicht mal an die Atombomben… Nein, damals war die Zukunft noch schön und die offene Müllkippe neben der Wohnsiedlung war nichts weiter als ein klasse Abenteuerspielplatz. Und heute, Frau Doktor, heute sind wir genau in der Zeit, die sich Hull als Kind so doll vorgestellt hat. Und wie sieht sie aus, unsere Zeit? Wir wissen es. Es fliegen leider weder Taxis noch Glühwürmchen herum, sondern nur noch Viren und Feinstaub.

Eigentlich bringt es nichts, wenn wir hier über Politik sprechen…

…Politik? Ich bitte Sie, Frau Doktor, das ist alles andere als Politik. Das ist ein Narrativ, der Grund, wofür es sich überhaupt lohnt zu leben. Es ist Hulls fantastische Geschichte! Die Hull-Saga, ein monumentales Werk…

…Tom, jetzt bleiben Sie mal auf dem Teppich! Ich muss Ihnen das leider sehr direkt sagen. Wir sollten das Gespräch jetzt sofort beenden. Sie benötigen eine reizarme Umgebung, in der Sie zur Ruhe kommen können.

Reizarm…?

Ja.

Wozu?

Habe ich schon gesagt. Sie müssen zur Ruhe kommen.

Frau Doktor Engelhardt. Sie verstehen mich nicht. Ich bin vollkommen ruhig. Ich bin die Ruhe selbst. Nur schauen Sie doch mal da, ich hab hier Beweise.

Beweise?

Ja, natürlich. Für die Nostalgie der Leute. Ich bin nicht verrückt. Schauen Sie.

Tom kramte ein paar Zettel aus seiner Hosentasche und legte dann einen davon auf den Tisch vor Frau Doktor Engelhardt.

Sie nahm den Zettel und las:

„die schöne Mode und Frisuren das war meine Zeit wo sind die Jahre hin, von den Schauspielern lebt keiner mehr, 6o jahre her“

„Diese schönen alten deutschen Krimis sind noch heute immer wieder sehenswert. Danke sehr fürs Hochladen.“

„I love these German-made Edgar Wallace TV films; they have an atmosphere all their own!“

„die sechsziger jahre waren mein Glück ich will dahin zurück“

„Juhuuuu…wieder einen alten Krimi entdeckt. Freu, freu… Klasse schwarz weiß Krimi mit tollen Schauspielern, kein Vergleich der heutigen Darsteller, deren Namen es sich nicht zu merken lohnt..“

„Und diese gute Wiedergabequalität! Es passt hier alles zusammen! Freu, freu!“

„“Ich hab etwas gegen Moorbäder!“….. HERRLICH!“

„Genialer Krimi der alten Schule – einfach nur Top. Danke für das Hochladen des grandiosen Krimiklassikers.“

Frau Engelhardt legte den Zettel zur Seite, ihr Blick suchte jenen Toms. Die direkte Verknüpfung der Blicke hatte sich bekanntlich als therapeutisch effizient herausgestellt. Sie wandte diese Technik deshalb gerne an. Offensichtlich war Tom ein interessanter Fall für sie. Sie überlegte schon die ganze Zeit, welche Medikamente wohl die beste Wirkung erzielen würden.

Und? Das sind keine Fake News, Frau Doktor Engelhardt. Die Zitate sind echt. Von einem YouTube-Film. Also um genau zu sein: Kommentare von glücklichen Nostalgikern unter dem Film „Das Wirtshaus von Dartmoor“. Verstehen Sie, die Filmindustrie hat das begriffen. Sie produzieren am Laufmeter Serien, die in den Fünfzigern und Sechzigern spielen. Zum Beispiel Velvet, die spanische Serie über das Modehaus in Madrid. Die Leute sind verrückt danach. Zur Sendezeit sind die Strassen wie leergefegt. Sie schauen sich sogar die italienische Serie Il Paradiso delle Signore auf Italienisch an, selbst wenn sie kein Italienisch verstehen. Was sagen Sie jetzt?

Ähm, Tom, ich denke, dass Sie ganz gerne Seifenopern im Fernsehen anschauen, die Sie in eine frühere Zeit entführen. Ja. So wird’s sein.

Mehr nicht? Und all die Beweise…?