Wie die Würfel fallen

Noch sind wir guten Mutes

Klar, um eine funktionierende Geschichte zu schreiben, fängt man flugs an deren Ende an und entwirft das Ganze rückwärts. Dazu braucht es keine Spiegelschrift oder sonstige besondere Fertigkeiten. Die Methode hat sich längst bewährt, bei dicken Romanen, vor allem auch beim Entwurf von Krimis. Was aber, wenn man das Ende noch gar nicht kennt?

Und wer kennt es schon, das Ende. Denn was wir hier nicht wollen, ist Fiktion. Davon gibt es genug. Überhaupt ein Narrativ… Wollen wir uns nicht viel mehr den Fakten widmen! Diese solange kommentieren, bis wirklich alles geklärt ist?

Nun zeigt sich schon in den ersten Zeilen, dass dieser Auftrag ein ganz dicker Brocken ist, oder besser so was wie ein unentrinnbarer Sisyphos-Stein. Aber wir haben ihn akzeptiert, der Vertrag ist unterschrieben und jetzt habe ich die beglückende Aufgabe, mit der Schreibarbeit zu beginnen.

Wer bin ich? ist eine unnütze Frage, es sei denn, sie stelle sich im Hirn eines Heranwachsenden. Gut, lassen wir nun, wie ein Maniker es tun würde, den Assoziationen freien Lauf: Die Hirnforschung hat uns längst degradiert. Wir seien lediglich Maschinen. Gute zwar, ja sogar aussergewöhnlich gute, die besten im Universum vielleicht – aber eben immer noch Maschinen, keine Götter, leider nein. Deren Denk- oder vielmehr Rechenergebnisse im Prinzip, und um dieses geht es schliesslich, vorhersehbar seien. 

Der Fehler bei dieser eleganten Metapher ist vielleicht der, dass keiner so schlau ist, beziehungsweise über genügend Rechenkapazität verfügt, um diese „vorhersehbaren“ Ergebnisse wirklich im voraus zu kennen. Übrigens auch kein Quantencomputer oder so was in der Art.

Und deshalb gibt es diesen Auftrag. Diese letzte Ungewissheit, dieser existentielle Zweifel, gilt es allen Widrigkeiten zum Trotz aufzulösen, wie Zucker im Kaffee. Na dann – viel Vergnügen.

Sicher. Es gibt schon genug Fachliteratur. Neurowissenschaftler zermartern sich ihre Gehirne, kreieren Tausende unwiderlegbarer Metaphern, um das Geheimnis einzukreisen, durchzunummerieren und dann zu sezieren. Da kommen auch schöne Sachen bei rum. 

Und ja, ich habe wirklich ein bisschen was davon gelesen. Thomas Metzinger zum Beispiel, oder Daniel C. Dennett. Oder bei den Klassikern des 20. Jahrhunderts, Albert Camus und Kollegen. Ich habe mich ein wenig in buddhistischer Meditation geübt. Und folglich weiss ich, mein Ich ist in Wahrheit gar keins. Vor Jahren schon habe ich Landmarken der Wirklichkeit selbst vermessen und abgeschritten. Natürlich ist mir auch das Cotard-Syndrom so vertraut, als hätte ich selbst… wobei an manchen Tagen… Ich habe sogar zur Kenntnis genommen, dass die Antwort auf alle Fragen schlicht 42 ist. Auch der philosophische Zombie, mit seiner unverschämten Version des Indischen Seiltricks, hat es mir, das war jetzt nicht schwer zu erraten, ausserordentlich angetan. Aber all die jahrelange Mühe, zu verstehen, was wirklich stattfindet, sowohl in den Tiefen des konkreten Universums, als auch nebenan auf dem fiktiven Bolzplatz – nein, nein, gescheitert, so weit würde ich nicht gehen. Immerhin kann ich heute bestimmte Lösungen als ungenügend zurückweisen und der Blick auf die einzig wahre Lösung wird nur noch durch den Schleier – ach dieses Bild kennen Sie auch schon…

Was ich noch sagen wollte, aber das versteht sich ja von selbst: Das hier womöglich noch zu Entwerfende, wird kein Beitrag zur Fachliteratur, sondern Spielerei bleiben. Wobei: ist nicht alles, auch die Wissenschaft, nur ein Spiel?

Alles wird gut, wir brauchen keinen Zufall

Die Maschine, so haben wir es genannt, was genau ist mit diesem Bild gemeint? Hull wollte schon zu dozieren beginnen, aber dann schlurfte er nochmals durch seine Werkstatt, sein Blick schien etwas zu suchen und er seine Zuversicht zu verlieren.

Da lagen Würfel auf dem Tisch, daneben ein Laptop und eine ziemlich teure Filmkamera. Ein Set Spielkarten, Notizpapier und Schreibwerkzeug, eine Lesebrille, ein Vogelkundebuch. Es war offensichtlich, womit Hull sich zurzeit beschäftigte. Es war der Zufall. Der Zufall war das Einfallstor zum Verständnis der Welt, das war ihm so klar wie ein gut beherrschter Kartentrick. Und er versuchte dieses Innerste dingfest zu machen. Schliesslich geschah alles, was überhaupt geschah, entweder aus Notwendigkeit oder eben aus Zufall. Soweit der kleinste gemeinsame Nenner. Gewiss, es gab jene kühnen Geister, die den Zufall von vornherein gänzlich ausschlossen und dafür gute Gründe vorbrachten. Doch Hull wollte diese Hypothese sozusagen empirisch aus dem Gewusel der Welt herausdestillieren.

Seinen hochauflösenden Zeitlupen fallender Würfel versuchte Hull mit endlosen Algorithmen beizukommen. Bis er ES eines Tages einfach sah und er hörte sofort auf zu rechnen. Wenn man diese Zeitlupen nämlich mit dem richtigen Blick fixierte, so wurde auf einmal alles durchsichtig wie eine Röntgenaufnahme. Zufall, meine Damen und Herren, ist nur eine faule Ausrede, weil man nicht so genau hinsehen möchte.

Das war einleuchtend. Doch die Konsequenzen lagen Hull ein bisschen auf dem Magen. Wenn folglich alles nur gesetzmässig geschieht, so ist auch alles schon fertig berechnet, sozusagen absolut determiniert. Schwupps, und weg ist die Freiheit. Freiheit des Willens, des Handelns, was immer Sie wollen. Alles nur eine grosse Illusion. Oder sollte man besser sagen, eine riesige Verarschung? Einerlei. Aus der Nummer gab es anscheinend kein Zurück.

Irgendwo hatte er mal gelesen, dass die Menschen, so sie denn mit solchen Erkenntnissen der Neurowissenschaften vertraut geworden seien, dass sie dann eben nur noch herumsitzen würden, weil sie dann wüssten, sie haben kein Selbst, kein Ich, keine bewussten Entscheidungen, keine Willensfreiheit, ja nicht einmal mehr ab und an ein nettes zufälliges Entrinnen aus der totalen Determination. In so einem Fall tut man doch gar nichts mehr und wartet nur auf sein Ende, oder?

Hm, und weil genau diese Konsequenz nicht sein kann und wohl nie so sein wird, geht das Rätseln weiter.

Vertrau auf dein Gefühl

Lucas Einwand auf Hulls unwiderstehliches Argument, der Mensch könne nichts anderes als eine in allen Belangen determinierte Maschine sein, war irgendwie – fies.

Was gehen mich Zufall und Notwendigkeit an? Das sind Begriffe für tote Materie. Ob ein Felsbrocken vom Berg stürzt, so was kannst du damit erklären, aber doch nicht mich. Ich plane meine Handlungen und dafür brauche ich mein Gehirn. Und dieses Hirn ist Werkzeug meines Geistes und der Geist ist frei. Hull, du hast in deinem genialen Entwurf ganz einfach die Freiheit vergessen!

Hull betrachtete seinen Freund durch seine dicken Brillengläser und man sah ihm nicht im Geringsten an, ob ihn Lucas Argument irgendwie berührte.

Nun, Luca, schau dir diesen Würfel hier an. Hull liess mit grosser Geste einen Würfel auf den Tisch kullern und der kam nach ein paar Zuckungen mit einer Vier zum Stillstand. Was, wenn dieser Würfel sagen würde: Mein Geist ermöglicht mir die herrliche Freiheit, dieses Ergebnis so zu planen. Ich wollte jetzt eine Vier und nichts anderes.

Hull, geht’s dir gut? Ein Würfel mit Geist…? Was für ein unmöglicher – Vergleich.

Wirklich? Nun, du behauptest einen Geist zu besitzen, der dir jegliche Freiheit jenseits von Zufall und Notwendigkeit beschert. Aber du setzt diesen kostbaren Besitz einfach als gegeben voraus. Etwas, was du eigentlich zuerst beweisen solltest. Wieso sollte ich dann nicht auch a priori davon ausgehen, dass der Würfel Geist besitzt? Zudem gibt es Philosophen, die der Auffassung sind, alles sei letztlich Geist, auch die unscheinbarsten Materiekrümel.

Hull, wie könntest du, wenn du nur eine determinierte Maschine wärst, überhaupt so ein Gespräch führen? Meine Argumente sind dir doch zum vornherein nicht bekannt. Da nützt kein Programm mit vorgefertigten Antworten. Nein, nein, du musst das Beste erst aus dir rauskitzeln, um mich zu überzeugen. So was kann nur ein freier Geist. Das erlebt man doch.

Das erlebt man?

Klar. Spürst du dein Denken etwa nicht? Wie du abwägst, Argument und Gegenargument und dann Entscheidungen triffst. Entscheidungen, Hull! Wie könnte eine Maschine entscheiden?

Ich sag nur: starke KI. Natürlich ist eine Maschine denkbar, die Entscheidungen genau so wie du trifft. Das ist nicht das Problem.

Sondern?

Nun, es könnten sowohl intelligente Maschinen als auch freie Menschen nebeneinander existieren. Der Punkt ist, ob entweder die Biologie als Ganzes oder aber speziell der Mensch eine Ausnahme in einer ansonsten determinierten Welt sein können oder müssen. Der Mensch als Ausnahme, das postulieren die Religionen, speziell das Christentum hat den Floh der Willensfreiheit in die Welt gesetzt.

Das Christentum?

Ja, der Christ ist frei, seinem Gott zu folgen oder in Sünde zu leben. Es ist seine Entscheidung. Diese These war verlockend und folglich eine zeitlang sehr erfolgreich. Somit ist scheinbar die freie geistige Welt geboren. Nun, ich kann nur empfehlen, zurück zu den Basics: Schau dir eine biologische Zelle an, ein Neuron im Gehirn zum Beispiel. Wie der Zellstoffwechsel, der Informationsfluss abläuft, das ist alles determiniert, dafür sorgt das Genom. Für die Zelle ist hingegen nicht vorhersehbar, wann und ob ein Informationsimpuls von draussen beziehungsweise von der Nachbarzelle kommt. Die Zelle ist folglich dem ausgeliefert, was wir Zufall nennen. Theoretisch wäre jedoch berechenbar, wann welcher Impuls kommt, wenn man denn alle Variablen der ganzen Welt schon kennen würde und alle Informationsflüsse schnell genug berechnen könnte. Da das in der Praxis allerdings nicht möglich ist, kannst du behaupten, mein Neuron sei frei, auf Impulse zu reagieren oder nicht.

Okay, das Neuron muss nicht frei sein, es ist aber Teil meines Gehirns. Meines, verstehst du, Hull? Da ist einer, eine Person, ein Besitzer der Milliarden Neurone, eine freie Person, die ihren Geist nutzt und dem Gehirn sagt, wie es zu funktionieren hat.

Echt jetzt?

Schatten der Vergangenheit

Ich würde gerne auf dein gestriges Argument vom… Hull, was hast du denn?

Ich, was soll sein?

Du schaust die ganze Zeit nur aus dem Fenster und siehst dabei ein bisschen merkwürdig aus.

Ach, nichts. Gestern ist da einer ums Haus rum geschlichen. Wollte nur kurz schauen, ob der vielleicht wieder auftaucht.

Hm, hast du die Person erkannt, also ist es jemand, den du kennst?

Luca, das kann ich gar nicht sicher sagen. Ich sah von weitem einen ungepflegten Mann mit altem, langem Mantel im Gebüsch herumschnüffeln. Da hatte ich so was wie ein Déjà-vu. Aber lass uns zum Thema zurückkehren, vielleicht habe ich mich doch getäuscht.

Wenn du meinst. Ich hätte ja gerne gewusst, wie du den Begriff Geist wegzauberst, wo er doch so offensichtlich und grundlegend…du weisst schon. Einverstanden, ich beweise ihn nicht wirklich, ich stelle einfach fest, er ist da. Ich denke, also bin ich. Wie könnte ich zum Beispiel die Existenz der Sonne beweisen wollen? Sie ist ebenfalls offensichtlich da. Wie soll das alles funktionieren ohne Sonne, ohne Geist?

Zunächst einmal würde ich sagen, nennen wir diese Vorgänge in der Summe doch bitte nicht Geist sondern Bewusstsein. Worte sind extrem bedeutungsschwanger, was da noch alles an Mitgemeintem, Wohlgelittenem und Tradiertem herum wabert – man sollte versuchen, Phänomene möglichst ballastarm zu benennen. Was Bewusstsein ist, ist ja durchaus verständlich und dieser Begriff kappt die Verbindung zu metaphysischem Gewölke, womit die Sicht auf die Funktion des Denkens und Fühlens frei wird.

Meinetwegen. Ich denke aber nicht, dass neue Begriffe deine Position so viel plausibler machen.

Ja. Nein. Zunächst geht es eben um die Wortwahl. Wir sind – leider – auf Sprache zur Kommunikation angewiesen. Sprache ist jedoch grundsätzlich missverständlich, selbst wenn alle Begriffe genau definiert wären, verstünde doch jeder wieder etwas anderes, weil jeder seine eigene Geschichte und somit seine Sprachsozialisation mitbringt. Hm, ich hatte mal vor Jahren… aber ich finde es nicht mehr.

Was?

Ein Essay über Sprache. Magie der Sprache war der Titel. Aber ich kann das Notizbuch nirgends mehr finden. Ich sollte endlich mal aufräumen.

Gut, Hull, aufräumen wäre wirklich keine schlechte Idee, wenn ich hier das Chaos so überblicke. Aber zurück zu deiner determinierten Zelle. Wenn alle Neuronen zusammen ein Gehirn bilden, ist es dann, dieses Gehirn, immer noch determiniert? Oder erzeugen die Milliarden Zellen mit ihren Billionen Verbindungen nicht eine neue Dimension, eine neue Welt. Erzeugt die schiere Masse nicht ein Universum mit schier unendlichen Freiheitsgraden?

Gute Frage. Der Begriff Freiheitsgrad stammt aus der Mechanik. Schon ein einziges komplexes Molekül besitzt schwindelerregend viele Freiheitsgrade. Und das Gehirn? Sollte es wirklich die Schallmauer der Determination zertrümmern können? Vielleicht ist das Hirn ja nicht komplett frei und ein theoretisch denkbarer Supercomputer könnte diese Mauer wieder aufbauen beziehungsweise ihre unsichtbare Existenz erstmal nachweisen. Aber wie gestern schon gesagt, in der Praxis spielt das keine Rolle. Und so wie folglich für die physikalisch grobe Welt der Zufall als Ausweg auserkoren worden ist, so wäre die Willensfreiheit der Bonus für die Funktion des menschlichen Gehirns.

Siehst du, Hull, die Freiheit ist gerettet.

Das Boot

Hull setzte sich an seinen Experimentiertisch und fächerte ein Kartenspiel auf. Er bedauerte, dass ihn Luca heute nicht besuchen kam. Nun würde er gleich eines seiner zahllosen Notizhefte zur Hand nehmen, um irgendwelche Theorien, die inzwischen längst Allgemeingut geworden sind oder es zumindest hätten sein können, wiederzukauen. Man konnte ihm immerhin zu Gute halten, dass er zu Beginn des Jahres 2013 lebte. Insofern fehlte ihm ein gewisses Quäntchen an Erfahrung und – ja, wohl auch die Reife, die wir als Leser nun endlich geniessen.

Hull brütete über seinem Heft, das die Nummer 27 trug. Dann, nachdem er sich fünf Minuten in seinem kaum beleuchteten Ego-Tunnel versenkt hatte, begann er zu notieren: Konstruktion und Emergenz sind die Zauberworte. Tatsächlich ist das Bewusstsein von etwas, vielmehr schon die Wahrnehmung von etwas, also von etwas da draussen, ausserhalb meines Körpers, nur ein Konstrukt. Wenn ich dieses verdammte Notizbuch als ein solches wahrnehme, so nur als das perfekte Konstrukt, die perfekte Nachahmung, so dass ich diesen Kopiervorgang, diesen Betrug gar nicht wahrnehme. Oder anders gesagt: Meine Sinnesverarbeitungen sind dank dem ganzen Hürdenlauf meiner Ahnen im Laufe der Evolution derart vervollkommnet worden, dass wir am Wahrnehmungsvorgang nicht leiden. Wie beispielsweise beim Treppensteigen sich inzwischen einiges an rheumatischem Ballast bemerkbar macht. Nein. Ich meine, abgesehen von der Lesebrille, das ist ja nicht gemeint. Vielmehr: Wir merken nicht, dass wir überhaupt, wann und wie wir wahrnehmen. Das Ganze geht einfach zu schnell. Ein unglaublicher Kartentrick. Und wenn wir denken, wir hätten den Trick durchschaut, dann hat uns der Magier längst wieder von neuem getäuscht. Das Konstrukt des Notizblocks ist nicht als Konstrukt erkennbar. Es ist eben nicht wie im Film, wenn die Subjektseite des Terminators gezeigt wird, also seine Sicht auf die Welt, als hätte er eine alte Filmkamera im Kopf und seine Bilder derart flimmern, so dass es auch der letzte Zuschauer zu begreifen vermag, dass hier eine Maschine in die Runde glotzt.

Natürlich hat er so eine im Kopf. Und wir Menschen eben auch. Doch unsere ist raffinierter, wir brauchen an der Wahrnehmung nicht zu leiden, solange wir gesund sind. Wir sind tatsächlich überzeugt, unmittelbar mit diesem blöden Notizblock in Kontakt zu stehen. Die Vermittlung, dieser Konstruktionsprozess ist unbewusst, was eigentlich ganz nützlich ist. Man stelle sich vor, man hätte Probleme bei der visuellen, taktilen und auditiven Wahnehmung, vergleichbar mit Hulls rheumatischen Schmerzen beim Treppensteigen? Man würde sich fragen, bin ich denn kein Mensch, bin ich ein Androide? Natürlich würde man sich die Frage anders stellen.

Vielleicht käme man dann wie von alleine auf die Idee der Emergenz. Das klingt jetzt so fremd. Aber im Italienischen zum Beispiel ist es Alltagssprache: Dall’acqua è emersa la carcassa di un animale. Na, also: Aus dem Wasser ist ein Kadaver aufgetaucht. Der Kadaver ist in unserem Fall – unser Bewusstsein, das wie ein U-Boot aus der Hirnaktivität aufgetaucht ist.

Im Rausch der Tiefe

Hull hatte kaum seinen Espresso fertig, da klingelte es schon. Wie er sich jeweils auf Lucas Besuche freute! Es war ja nicht selbstverständlich, dass ein junger, oder sagen wir ein noch etwas jüngerer, Mensch diesen alten Kauz freiwillig aufsuchte. Als er die Tür öffnete, lächelte ihm jedoch eine junge Frau entgegen. Guten Morgen, wie kann ich Ihnen helfen? Ohne seine Überraschung zu zeigen.

Hallo, ich bin Lisa, die Schwester von Luca. Er kann heute nicht kommen und deshalb… müssen Sie mit mir vorlieb nehmen.

Hallo, die Schwester! Ich wusste gar nicht, dass Luca eine Schwester hat. Warum kann er denn nicht kommen?

Nichts besonderes. Er hat Schnupfen und möchte Sie nicht anstecken. Ähm, zeigen Sie mir einen Kartentrick?

Äh, ja, komm doch herein. Ich darf dich duzen? Du mich natürlich auch. Ich bin Hull.

Lisa lachte. Er schien ein klein wenig unbeholfen zu sein. Und Hull, ein Vorname?

Auf dem Tisch sah sie eine kleine Notiz, die mit dem Satz endete: „Dall’acqua è emersa la carcassa di un animale.“

Sprechen, äh, sprichst du Italienisch?

Nein, das soll nur…

…verstehe. Und was ist daran so wichtig? An der Emergenz… äh, wenn ich das richtig… Unser Bewusstsein ist emergent, ja?

Perfekt, Lisa. So würde ich das auch sagen.

Aber der Kadaver, was soll diese Metapher?

Oh, nichts. Das war der Vorschlag von Google translate. Und ich nehm immer das Nächstbeste, in der Hoffnung, es sei plausibel.

Gib mir bitte andere Beispiele für emergente Dinge, Hull. Ich möchte nicht an einen Kadaver denken.

Oh, klar. Ja, das ist unangenehm, nicht wahr? Dann nimm Wasser. Zum Beispiel.

Wasser? Wie jetzt?

Wasser ist emergent, äh, und nicht unangenehm, oder?

Wie soll Wasser emergent sein? Zeug, das aus der Tiefe des Wassers emporsteigt, ist doch gemeint.

Nun, Wasser ist in dieser Welt auch aufgetaucht. Denn Wasser ist etwas Zusammengesetztes, also aus einer Menge von Molekülen, äh, das nur unter speziellen Bedingungen, also bestimmtem Druck und Temperatur existiert. Im Grunde, also philosophisch gesagt, als Substanz sozusagen, gibt es aber nur H2O-Moleküle. Wasser ist ja nur eine mögliche Form, wie diese Moleküle erscheinen können. Andere sind Eis oder Dampf. Aber das ist Physik, du hast Recht, das ist uninteressant.

Hm.

Besser wäre vielleicht die Metapher vom Vogelschwarm. Auch ästhetischer, oder nicht? Der Schwarm taucht auf aus der Tiefe des Himmels. Und das zu lösende Problem dabei wäre die neue Qualität gegenüber seinen Elementen, also den einzelnen Vögeln. Ein Vogelschwarm ist definitiv etwas ganz Verschiedenes von einem einzelnen Vogel. Sowohl vom Aussehen her, aber vor allem was seine Funktion betrifft. Man nimmt an, Vögel und andere Tiere bilden Schwärme, um sich zu schützen vor Raubfeinden, vielleicht auch einfach um sich besser zu fühlen auf der Reise. Das kann man aus der Analyse eines einzelnen Vogels eben nicht herleiten, das ergibt nur der Schwarm. Ich würde sagen, das, ja, das macht Emergenz aus.

Okay, und jetzt das Bewusstsein? Aus was ist es denn zusammengesetzt?

Ha! Gute Frage. Aber die meisten Leute sind bereit anzunehmen, dass das Hirn schon mal eine prima Basis für Bewusstsein ist. Nur lässt sich aus der Analyse der Hirnstrukturen, der Hirnzellen, des Hirnstoffwechsels, eben nicht, jedenfalls nicht vollständig, erklären, wie Bewusstsein funktioniert. Folglich sagt man, Bewusstsein sei emergent.

Aha, also wenn ich etwas nicht ganz kapiere, sage ich in Zukunft, das ist mir zu emergent. Und schon ist der Fall gelöst?

Ja, sozusagen. Hull kicherte. Aber denk dran, der Mist ist, dass das Bewusstsein, wie alle emergenten Phänomene, keine Substanz hat. Es taucht auf und verschwindet wieder. Im Schlaf zum Beispiel rauscht es in die Tiefe. Und natürlich auch am Ende des Lebens. Ob es im Jenseits wieder auftaucht… na darauf würde ich nicht wetten.

Dunkle Zeichen

Lass mich mal zusammenfassen…

…ist das nötig? Immer diese Redundanz.

Hull, ich glaube, wenn ich deine Zettelchen richtig interpretiere, brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Das wird kurz, sehr kurz sogar. Denn viel Erhellendes kommt dabei nicht rum.

Hm.

Also: Wir hatten in Frage gestellt, dass es Freiheit, insbesondere Willensfreiheit gibt. Du hast auch den Zufall aus dieser Welt getilgt, alsdann darauf hingewiesen, wie fragil alles Wissen ist, das auf Sprache gründet. Im Gegensatz zur Sprache soll dann unser Gehirn völlig determiniert sein und unsere Aussenwelt ist bloss ein Konstrukt. Zudem ist unser Bewusstsein ein Ding, das mal auf- und wieder abtaucht; emergent ist es also. Schon Aristoteles sagte dazu: Die Summe ist mehr als die ganzen Teile oder nein, umgekehrt. War’s das? Haben wir den ganzen Neurozirkus endlich abgehakt? Dann könnten wir jetzt eine nette Pokerpartie starten.

Also, Luca, das… Nein, nein, wir haben erst angefangen, unsere kostbaren Gehirne zu sezieren. Da muss noch viel mehr kommen!

Ich fass‘ es nicht.

Ich schon. Lass mich anknüpfen an deine äusserst fruchtbare Zusammenfassung. Die Aussenwelt als Konstrukt – das ist kalter Kaffee. Was aber wirklich ans Eingemachte geht, ist die These, dass ich selbst, mein Selbstbewusstsein also, ebenfalls ein Konstrukt ist. Wenn unsere Sinne schon alles, die ganze Welt, rekonstruieren müssen, so wollen sie doch wissen, für wen sie das die ganze Zeit tun.

Tja, wenn du meinst. Buddha sagte schon vor zweieinhalb tausend Jahren, das Ich existiere nicht. Der Kaffee ist folglich noch kälter als deine bisherigen Thesen.

Luca, du warst doch auch schon ein bisschen konstruktiver. Was ist nur los mit dir?

Irgendwie bin ich zurzeit – auskonstruiert. Nun erzählst du mir, mein Ich sei ein Konstrukt. Na und? Nenn‘ es wie du willst. Ich bleibe trotz allem ein – Subjekt oder so.

Ha, Luca. Ein Subjekt! Was soll das sein? Erste, dritte Person-Perspektive. Wir kennen das Spiel. Und ja wir mögen Spiele. Aber die erste Person wird doch immer verdächtiger. Gibt es die überhaupt? Wir leben in einer objektiven, physikalischen, determinierten Welt. Darin existieren Gehirne, die diese Welt rekonstruieren, damit sie besser darin herum stolpern können. Und ja, jedes Gehirn behauptet, es sei ein Subjekt. Aber es bleibt doch einfach ein Gehirn und dessen abstruse Behauptung…

Luca begann sich ernsthaft Sorgen um Hull zu machen. Seine Zeit der grossen Zaubertricks schien endgültig vorbei zu sein. Er kam anscheinend nicht einmal mehr damit klar, dass er nicht ausschliesslich ein objektives Ereignis, sondern zugleich ein subjektives Würstchen war.

Hull, das eine schliesst das andere nicht immer aus. Mach deinen objektiven Geist ein bisschen auf, lass Spielraum zu, entdecke die Möglichkeiten.

Luca, die subjektive Seite der Welt existiert nicht, jedenfalls nicht wirklich. Sie ist nur ein Konstrukt des Gehirns und wahrscheinlich nur deshalb massenhaft verbreitet, weil die Gehirne irgendwann in der Kulturgeschichte eine falsche Abbiegung genommen haben. Ich, wir, alle, sind bloss Illusionen.

Und wenn wir eine andere Abbiegung genommen hätten, wären wir alle Zombies mit einem Cotard-Syndrom, die im Dunkeln herum tapsen, he?

So könnte man das formulieren… oder auch nicht. Nein, keine Zombies. Das Bewusstsein ist real.

Eben, Hull, das Subjekt, das Ich existiert wirklich. Ja, es ist bloss emergent und ja, frei ist es auch nicht. Aber ich bin immer noch das Ergebnis genau dieses einen, nämlich meines Gehirns und nicht das irgend eines anderen. Wir sind alle Individuen, die eine Geschichte mit sich herum schleppen. Die Geschichte vom eignen Sein. Diese Meinigkeit ist notwendig und kein kultureller Fehltritt.

Hm, ich glaube… also man glaubt, man müsste das Ganze vielleicht noch mal googeln, Luca.

The Walking Dread

Luca, was würde deine smarte Schwester Lisa sagen, wenn ich ihr stecken würde, dass du in Wahrheit bloss ein Zombie bist?

…Äh, Hull…?

Stell dir vor: Du bist so eine wandelnde Auferstehung ohne wärmendes Licht im Hirn und würdest, wie du es sonst auch tust, ein bisschen hin und her stolpern, ein bisschen herum meckern und Löcher in die Luft starren, als würde dich eine Aurora borealis blenden. Würden die andern das merken?

Ist die Frage… ernst gemeint?

Klar doch. Könnte man die Existenz eines Zombies beweisen, also einer Figur, die sich so verhält wie ein Mensch und auch behauptet, ein Mensch zu sein, ähm… könnte dieser Beweis klären, dass das Subjekt, das Ich, das ganze Bewusstsein eigentlich überflüssig ist? Alles nur unbewusste Kopfballduelle, die nie zum Tor führen? Vielleicht käme dann der eine oder andere auch auf die Idee, nur ein Zombie zu sein? Ich meine ja nur…

Seit wann verhalten sich Zombies wie Menschen? Hast du überhaupt schon mal einen Horrorfilm gesehen? Und wenn sie wie Menschen wären, wie käme ein Zombie auf die verrückte Idee, nur ein Zombie zu sein, wenn es doch seine Bestimmung ist, einen Menschen mit Bewusstsein zu simulieren? Dazu gehört doch die Selbsttäuschung ein echter Mensch zu sein. Ein Zombie würde bis zuletzt behaupten, er sei keiner.

Guter Punkt. Aber du hast doch gestern diese Figur ins Spiel gebracht. Und die Philosophen streiten sich ja tatsächlich darum, ob es ihn geben könnte.

Naja, als Metapher, für… für ein Gedankenspiel, sich einen funktionierenden Menschen ohne Bewusstsein auszudenken. Aber dieses Spiel ist längst entschieden. Wenn der Zombie funktioniert wie ein Mensch und sich genau so verhält wie ein Mensch, dann ist er auch einer. Punkt. Der Zombie hat die Frage, was denn das Bewusstsein ist, keinen Schritt weiter gebracht. Untote verbreiten genüsslich Angst und Schrecken in den Kinosälen aber keine Erkenntnisgewinne in den Studierstuben. Ich dachte, du wüsstest das längst.

Schon, eigentlich, ja… War nur ein Scherz.

Hull, das war ein Scherz…? Es wird langsam Zeit, dass wir einen neuen Kartentrick einstudieren. Einen richtig guten, der die Leute vom Hocker fegt.

Luca, diese Zeiten sind leider vorbei. Du kannst den Leuten Tricks, Kunststücke, ja richtig gute Kunstwerke unter die Nase halten, sie bleiben cool wie Mumien, weil sie schon so satt sind vom ganzen Kulturkonsum. Und wir müssen uns damit abfinden, einfach für uns selbst zu spielen. Letztlich geht es darum, gute mentale Zustände anzuhäufen im Leben, ja, und nur darum. Also her mit den Spielkarten.

Io non lo so chi sono e mi spaventa…

Was liegt heute an, Hull?

Nun, erst dachte ich, ein neuer Kartentrick wäre das ultimative Ding heute – aber lass uns lieber youtube gucken.

Youtube? Meine Güte, was kommt jetzt wieder…

Lass es mich so sagen: Hay algo más bonito que escuchar “Sere nere” cantada a voz en grito por 150 000 personas? – Gerade schwer vorstellbar.

Spanisch…?

Ja, nein, beinahe. Das ist die schönste Version von „Sere nere“, die ich bis jetzt auftreiben konnte, zu finden ab etwa 08:10. Los geht’s:

Get Jack Reacher

Zieh eine Karte, Luca.

Luca tat wie ihm geheissen. Es war die Kreuz Sieben.

Okay? Schieb sie wieder rein.

Hull begann die Karten zu mischen, mechanisch, abwesend, vielleicht könnte man insinuieren: auch ein wenig mürrisch.

Was ist los, Hull?

Was soll sein, ich mische die Karten und versuche mich zu konzentrieren. Die Aufgabe ist schliesslich kein Zuckerschlecken – noch nicht.

Und sonst…? Ich kenne dich, Hull, da nagt doch was an dir?

Hull schmiss die Karten auf den Tisch. Dass du mich immer so durchschauen musst. Nicht gut für einen Magier. Ich muss an meinem Pokerface arbeit…

Jetzt schiess endlich los!

Ach, ich hab‘ … etwas, äh, Seltsames gelesen, im Feuilleton des Oberfränkischen Anzeigers.

Was denn? Jetzt…

Nun, man muss ja nicht alles glauben, aber…

Ich fass‘ es nicht. Muss ich mir das Schundblatt erst kaufen?

Ähm, halt dich fest, Luca. Ein gewisser Heissmüller, könnte eventuell auch ein Pseudonym sein, schrieb dort, dass ein gewisser Samuel Hugentobler mit seiner Romanreihe einen veritablen Megaseller gelandet habe. Das Werk sei bereits in 136 Sprachen übersetzt worden, der globale Verkaufserfolg stelle alle bisherige Literatur völlig in den Schatten. – Kennst du den, diesen Hugentobler?

Ob ich den Hugentobler kenne? Hull, was für eine Frage! Ich habe alle Titel der Reihe verschlungen. Mann, das sind Thriller auf Nobelpreisniveau, absolute Meisterwerke!

Nun, da, ähm, naja, die neuere Literatur war bis dato nicht so…

Musst du lesen. Das haut dich weg.

Nun, was mich mehr beschäftigt… dieser Heissmüller meinte, Hugentoblers Protagonisten hiessen Hull und Luca – stell dir das vor, exakt unsere Namen! Ist dir denn das beim Lesen nicht aufgefallen?

Ja, das fand ich auch lustig. Aber Hulls und Lucas gibt’s Millionen, das sind offensichtlich nicht wir.

Da wäre ich mir nicht so sicher. Die Buchreihe nennt sich nebenbei bemerkt auch „Die Hull-Saga“… Jedenfalls, nachdem ich diese Lobeshymne im Oberfränkischen Anzeiger halb verdaut hatte, habe ich mich in einschlägigen Blogs schlau gemacht.

Hull, du und Blogs? Du findest doch nicht mal Google im Internet.

Und ob, Luca, ich finde so allerhand. In einem der immer zahlreicheren Verschwörungstheoretiker-Blogs stand da, dass Hull im nächsten und abschliessenden Werk von Hugentobler sterben müsse. Sterben! Da macht man sich doch schon so seine…

Hull, wir alle müssen sterben. Wäre doch ein Ding, wenn dein Ende in einem grossen Roman stattfünde und wer weiss, dann in Bälde auch in Bollywood verfilmt würde. Ich hätte da schon einen passenden Titelvorschlag: Die Würfel sind gefallen.

Nein, nein, Luca, diese Sache stinkt ganz mächtig zum Himmel. Gefällt mir ganz und gar nicht. Ich werde diesem Heissmüller Johnny sofort einen nachhaltig freundlichen Besuch abstatten und wenn ich ein verschärftes Interview mit ihm führen müsste, dann soll es so sein.

Echt? Okay, ich bin sofort dabei! Was für Werkzeug brauchen wir?

Der Marsianer

Hast du dieses Buch schon gelesen, Luca?

Ah, wie der Kartoffeln anbaut auf dem Mars, na klar. Jeder liest das jetzt. Warum?

Vielleicht sollten wir mal darüber nachdenken, dieses Werk zu verfilmen.

Wir?

Wer sonst. Wir kaufen die Rechte, mieten ein kleines Filmstudio und dann pflanzen wir eben Kartoffeln. Das dürfte so schwer nicht sein. Zudem brauchen wir praktisch nur einen einzigen Schauspieler.

Lass das lieber mal Hollywood machen. Übrigens, Hull, was ist denn jetzt mit Heissmüller?

Heiss… ? Ach, das waren nur Fake News. Hugentobler und sein Werk existieren gar nicht und dieser abgehalfterte Journalist wollte sich mit der aufgebauschten Nullnummer ein wohl letztes Mal bemerkbar machen. Eine Verzweiflungstat eines alkoholkranken Narzissten.

Und ich dachte schon, ich hätte die Romane gelesen…

Da siehst du mal, wie anfällig die Gehirne für Fernhypnose von Spinnern sind.

Fernhypnose… Funktioniert so was?

Und ob. Damit kannst du Gehirne im Schongang waschen, kein Problem. Das Internet als Basis für die Verteilung subversiver elektromagnetischer Wellen ist längst gegeben. Man muss es nur nutzen! Und das wird es auch. Natürlich von ganz verschiedenen Leuten. Und wenn dann sich widersprechende Fake News aufeinander prallen, ich meine nicht irgendwo, sondern präzise in deinem armen Gehirn, das sich täglich und redlich abmüht, all die Signale aus dem Hintergrundrauschen herauszufiltern, dann entstehen wahre Schwarze Löcher, vollgestopft mit irren Informationen, und die nehmen den Platz ein, den zuvor dein Gehirn…

Hull, okay. Ich verstehe. Aber Fake News, was soll das? Wir haben doch Qualitätspresse und TV. Am Schirm siehst du doch nackte Tatsachen.

Tatsachen? Unser Hirn konstruiert sich die Welt mühsamst aus wertlosen Krümeln zusammen, schon vergessen? Und wenn dann ein paar ausgeflippte Röntgenspezialisten dir falsche Bausteine präsentieren, dann lebst du in einer alternativen Realität. Du kannst zum Beispiel einen missliebigen Regierungschef beim Lächeln über irgendwas filmen und diese Sequenz kurz nach einer Darstellung irgendeines Elends zeigen. Die Wirkung im Gehirn ist frappant: Was? Dieser Ganove lacht sogar noch über blablabla…

Und, was tun wir dagegen? Bald wird es nur noch Fake News geben.

Wir sind Magier, Luca, wir durchschauen jeden Trick. Andererseits leben wir selbst von der perfekten Illusion, ja. Das ist eben die Conditio humana. Auf alle Fälle, mit diesem Rüstzeug in der virtuellen Hinterhand kann uns nicht allzuviel Unheil geschehen.

Alles steht nun Kopf

Nun, da wir jetzt vollzählig anwesend sind, ähm, lassen wir uns die Sache nochmals durch den Kopf gehen. Wir wollen durchaus selbstkritisch sein und alles hier, jeden Spielstein, jeden Würfel, jede einzelne Karte, ja, selbst unser Denken und Urteilen, auf, nun, auf mögliche Mängel hin durchleuchten.

Hull versuchte seinem Auftritt mit ernster Miene mehr Bedeutung zu verleihen. Mehr als in irgendeiner Weise angebracht gewesen wäre. Umso eher musste man sich der Sorge widmen, die ganze Veranstaltung könnte ein wenig ins Lächerliche abgleiten. Diese Gefahr bestand durchaus und Hull war sich ihrer auch sehr wohl bewusst.

Lisa konnte sich als erste vom Bann der ernsten Worte lösen: Nun wir, mein Bruder und ich, wir sind deiner Einladung zum Kartenspiel gerne gefolgt – ja, und jetzt, sind wir hier. Aber ich weiss nicht, Hull, was für ernste Sachen du – durchleuchten möchtest. Wir sind bloss zu dritt. Also lasst uns Spass haben.

Hull konnte seine Enttäuschung über diese Direktheit, mit der Lisa seinen Auftritt demontierte, perfekt verbergen. Er bedankte sich gar mit einem Lächeln für ihren „wertvollen Diskussionsbeitrag“. Luca rutschte auf seinem Stuhl hin und zurück und liess ein gequältes Seufzen vernehmen.

Luca, du wolltest dich äussern?

Hull, worauf willst du hinaus? Mir ist klar, dass wir besser werden müssen. Eigentore vermeiden. Ich meine, wir müssen komplexer werden, sozusagen unverwechselbare Charaktere entwickeln, wie in einer Fernsehserie, zum Beispiel Dr. House. Lisa, nimm dir 13 zum Vorbild, oder so. Nur ein Vorschlag. Wir brauchen Profil, Emotionen, eine Zentrale die das alles steuert und die Ergebnisse mit der Rohrpost…

Luca, was du meinst – ja, das geht auch nicht so ohne weiteres. Nimm 13 bei Dr. House, wenn du das Beispiel schon bringst. Hast du eine Ahnung, was so eine klasse Schauspielerin kostet? Ihre Gage für fünf Minuten sprengt unser Budget für fünf Jahre bei weitem. Wir haben doch schon an anderer Stelle erwähnt, dass wir dringend sparen müssen. Und ja, deshalb sind wir so, wie wir sind. Nichts gegen Emotionen, die haben wir auch. Was uns fehlt, das ist viel mehr ein smartes Drehbuch.

Ein Drehbuch? Ihr Spinner. Ich bin hier, weil ich spielen will. Los, verteil endlich die Karten. Black Jack oder gar nichts.

Lisa, lass mal. Wir spielen gleich. Aber Hull möchte mit uns noch was ganz, ich weiss auch nicht, Grosses? machen.

Luca, Lisa, ich verstehe eure jugendliche Ungeduld. Ich war früher genauso. Aber glaubt mir mit dem Alter kann man seinen Horizont noch ganz anders als mit weiten Fussmärschen durchs Unterholz erweitern.

Hull, was immer du meinst. Aber lass uns mal auf deine Worte zu Beginn zurückkommen.

Ja?

Selbstkritik.

Ja…?

Also, kürzlich meintest du – ich denke, das ist ziemlich wörtlich zitiert – die Qualitätspresse und unser Fernsehen würden Berichte manipulieren. Zu wessen Ungunsten wurde nicht ganz klar, aber es klang drohend und irgendwie verschwörungstheoretisch.

Verschwörungstheoretisch? Ich? Du meine Güte, da hat jemand aber was in den falschen Hals bekommen. Ich meinte das doch nur hypothetisch, völlig abstrakt, mehr von den technischen Möglichkeiten her, also Bildschnitt zur falschen Zeit und Zack ist ein Politiker Ausschussware und man braucht einen neuen. So was kommt doch vor, oder nicht? Habe ich etwa konkrete Namen genannt?

Nein, Hull, aber du solltest wissen, alles was du sagst, ist potentiell verschwörungstheoretisch.

Alles? Spinnst du? Dann bleibt ja nur noch Schweigen.

Schweigen – und dann spielen. Wie lange warte ich nun schon, auf die Black Jack Karten? Mein Einsatz liegt schon eine Weile auf dem Tisch.

Bei Lisa verhielt es sich augenscheinlich so, dass die Basisemotion Wut die emotionale Kommandozentrale in Bälde und Gänze zu erobern schien. Um das festzustellen, brauchte man kaum die zweifellos ganz ungeheuren Fertigkeiten eines Pixar-Drehbuch-Autors.

Blade Runner 4029

Was willst du?

Ich will dir ein paar Fragen stellen.

Dann komm rein Lisa, du bist immer willkommen. Schliesslich gibt es keine Mauer zwischen uns.

Lisa lächelte gequält und folgte dem alten Hull, dessen hagere Gestalt sie nicht aus den Augen verlor. Am Spieltisch angekommen sagte Hull: Mach’s dir bequem. Ich bring dir gleich deinen Kaffee.

Ich möchte heute keinen Kaffee, Hull. Whisky wär‘ mir lieber.

Okay. Hull liess sich wie immer seine Überraschung nicht anmerken. Ecco, dein Whisky.

Danke, Hull.

Also, was liegt an?

Ich muss dich warnen, Hull, und zwar, du wirst es mir nicht glauben, vor meinem Bruder. Luca spielt ein falsches Spiel.

Hm, das war aber keine Frage, Lisa. Du hast gesagt…

Vergiss es. Ein Scherz, ein Zitat als Türöffner.

Aha, okay. Luca, spielt falsch, inwiefern?

Nun, er versucht dich auszuspionieren. Vordergründig kommt er als guter Freund, als Kumpel, der jeden Schwachsinn mitmacht – aber eigentlich geht es ihm um etwas ganz anderes.

Lisa. Luca ist seit Jahren mein Kumpel, wie du sagst. Er kommt beinahe täglich zu Besuch. Wir hecken zusammen immer wieder die grossartigsten Projekte aus. Wie könnte er je etwas beabsichtigen, ich meine, etwas, das mir schaden könnte?

Hm, ich muss es dir leider sagen. Luca versucht nichts anderes als das perfekte Drehbuch für seine insgeheim geplante Fernsehserie zu klauen, weil er’s selber absolut nicht auf die Reihe bringt. Als du gestern vom „smarten Drehbuch“ gesprochen hast, da ist er fast ausgeflippt. Den ganzen Abend hat er von nichts anderem mehr gesprochen. Er sagte: Wenn ich dieses Drehbuch finde, wenn ich Hulls Drehbuch kralle, dann gelingt mir der Durchbruch. Er war wie von Sinnen.

Hull liess sich auch jetzt nichts anmerken. Was dachte er? Wie würde er reagieren? Hatte er vielleicht sogar schon einen Plan, wie er sich an Luca rächen würde? Lisa tappte völlig im Dunkeln. Er sagte lediglich:

Er wird schon wissen, was er sucht.

Okay, ich habe dich gewarnt, Hull. Glaub‘ mir, Luca schreckt vor nichts zurück. Er lügt, sobald er den Mund aufmacht.

Lisa, wir lügen alle, den ganzen Tag Dutzende Male. Die Kunst ist es, den andern im Glauben zu lassen, er sei bei seiner Lüge nicht ertappt worden.

Warum das denn? Einen Lügner muss man konfrontieren, zur Räson bringen.

Nein, keinesfalls. Oder sagen wir nur ganz ausnahmsweise. Man muss nur selber zurücklügen und zwar ganz liebenswürdig, so dass keiner Verdacht schöpft, beziehungsweise, denen die solchen schöpfen, gleich die wunderbare Gelegenheit geben, ebenfalls so zu tun, als ob alles in Butter wäre. Denn wer aus diesem Theater ausschert, verliert nur seine Freunde und noch einiges mehr.

Nun, wenn wir das alle wirklich tun würden, dann wären wir eine einzige Gesellschaft von – ich wollte schon Replikanten sagen, huch, nein, von lauter Verrätern und Heuchlern, nicht wahr?

Lisa, das sind wir! Genau das sind wir.

La dolce dopamina

Hull hantierte an seiner Espressomaschine, als… –

Moment, sollen wir diese Szene denn nicht etwas ausführlicher, ähm, ausmalen? Warum nicht:

Hull streichelte gedankenverloren seine auf Hochglanz polierte Espressomaschine, eine kleine leistungsstarke Quickmill Carola Evo. Sein Lächeln verriet die Vorfreude auf den exquisiten Trunk, den er sich jeden Morgen gönnte. Durchaus gekonnt, wie ein Barista, spülte er den Kolben noch einmal mit heissem Wasser durch, trocknete diesen nicht einfach mit irgendeinem Lappen, neinnein, schön behutsam und geduldig mit dem fein gestutzten Espressopinsel. Anschliessend liess er den Kolben mit einem erlesenen italienischen Kaffee, direkt importiert aus Como, füllen. Hull war zwar kein Freund lärmiger Maschinen, aber der ohrenbetäubende Krach seiner Rocket Espresso Mühle signalisierte seinen Synapsen auf eine unnachahmlich direkte und unmissverständliche Weise, dass bald der dringend benötigte Dopaminnachschub anrollen würde. Dieser physiologische Vorgang alleine war ihm – verständlicherweise – schon ein ungemein berauschendes Vergnügen. Und dann erst dieser Geruch frisch gemahlenen Kaffees, der Akt des Pressens mit dem gut in der Hand liegenden Tamper auf der Andrückstation – diese überaus sinnlichen Momente waren es, die dem Leben doch wesentlich mehr Tiefgang zu vermitteln vermochten, als sich das ein gewöhnlicher Filter- oder Vollautomatkaffeekonsument überhaupt je vorzustellen…

Nochmals: Moment.

Wie glaubwürdig ist das denn? Da wird doch auf allen Kanälen immer betont, wie knapp das Geld in Hulls Klitsche ist und dann wird hier so ein Luxus zelebriert?

Nun, tatsächlich ist die Welt ein Mitleid erregender Ort voller nagender Widersprüche. Damit müssen wir uns wohl fürs Erste abfinden. Aber können wir jetzt bitte zurück zur… ja, zur Handlung. Unser kleines Drehbuch bietet leider keinen Platz für derart epische Ausschweifungen, die gewiss, unter anderen Umständen, auch ihren Reiz hätten…

Okay:

Hull hatte kaum den ersten Schluck seines exquisiten Kaffees genommen, da klingelte es an der Haustür.

Luca, komm herein.

Ja, hallo, Hull.

Du glaubst nicht, was ich diese Nacht Schreckliches geträumt habe.

Was denn…?

Mir träumte, meine Espressomaschine sei kaputt und ich müsste auf Filterkaffee umsteigen.

Ja, das wäre wohl ein Problem für dich. Hm, ich habe auch etwas Seltsames geträumt. Ach, du hast Recht. Das Subjekt meiner Träume, das bin ja gar nicht ich. Also: Auch mir träumte es seltsam sonderbar.

Was denn?

Also, es war Nacht und ich weiss noch, wie mir dachte: Ein dunkler Orbit des Scheiterns. Ist das nicht merkwürdig Hull?

Wieso?

Na, diese Formulierung. Woher kommt so was.

Aus deinen verstiegenen Hirnzellen im Sprachzentrum, die ihren Ballast verkehrt herum gespeichert haben, woher sonst. Und dann?

Ja, dann. Dann kam ein Meteorit geflogen. Der hatte ein Etikett auf. Darauf stand: neues Projekt! Mit Ausrufezeichen.

Neues Projekt? Mehr nicht?

Nein.

Gut, das Etikett beweist immerhin, dass die Sache echt ist. Weiter, Luca.

Ja, jetzt kommt’s. Der Meteorit fing an zu glühen wie ein Kohleofen. Und dann, äh, dann bin ich auf diesen glühenden Stein aufgesprungen.

Was? Das ist ja der reine Wahnsinn.

Kannst du laut sagen. Ich bin auch sofort aufgewacht. Ich dachte erst, ich hätte mich verbrannt an dem Zeug.

Nun, da bist du gerade nochmal davongekommen. – Willst du auch einen Kaffee?

Gerne. Also nicht kaputt, deine Maschine. Klar nicht, blöde Frage…

Ja. Ein böser Traum nur.

Hull…

Ja.

Ähm, ich glaube, ich muss dir etwas Unangenehmes…

Hm, lass mich raten. Es hat mit Lisa zu tun.

Luca liess vor Schreck seine Tasse fallen. Woher weisst du…?

Ich bin Magier, Luca.

Jäger des vergorenen Schatzes

Als Hull in seinen Spielsalon zurückkehrte, sah er, wie Luca in den überall herumliegenden Zetteln wühlte. Luca hatte sein Kommen gar nicht bemerkt, so sehr war er mit seiner Suche beschäftigt. Diese Zettel gaben leider nicht viel her. Da waren jeweils nur kurze Notizen über die Besuche von Lisa und ihm zu finden. Er griff nach dem Stapel alter, säuberlich durchnummerierter Notizhefte. Seine Wahl traf auf die Nummer 13. Er fing an zu lesen, zu blättern, wieder zu lesen… Er zuckte mit den Schultern.

Hull räusperte sich und trat gegen eine leere Bierbüchse.

Suchst du etwas – Bestimmtes, Luca?

Oh, Hull. Nö, ich hab mir hier nur ein bisschen die Zeit vertrödelt, ich dachte so, bis du so…

Klar. In den Heften steht ja auch nur, was wir in den letzten Jahren alles besprochen haben. Sozusagen die Essenz unserer gemeinsamen geistigen Bemühungen. Die Abstracts der Neurowissenschaften könnte man meinen, also einfach gesagt: alles kalter Kaffee.

Ja, und doch. Gut, dass du das… Ich meine, ich blättere doch ganz gerne wieder mal da durch.

Heft Nummer 13? Damals ging es um geschlechtsspezifische Unterschiede in der kognitiven Verarbeitung. Weisst du noch? Alles lief schliesslich auf die Frage der richtigen statistischen Interpretation hinaus. Also. Will man diese Unterschiede, so findet man sie, will man sie nicht, findet man sie nicht. Das war nicht wirklich überraschend. Natürlich gibt es verbindliche Regeln der statistischen Auswertung, aber…

Hull, das ist wirklich nicht so interessant. Was mich viel eher interessieren täte: Was bringt uns die Zukunft?

Die Zukunft? Warum?

Ja. Könnte man sein eigenes Leben klar voraussehen – und warum eigentlich nicht, in einem determinierten Universum – so wäre es vielleicht einiges angenehmer, sein Schicksal zu lieben, wie Nietzsche sagte.

Oh, ein Zitat, Luca, du verblüffst mich. Nun, ich denke schon, dass du ganz gerne einen Blick ins Gehirn unseres allwissenden, leider schon verstorbenen Regisseurs oder soll ich sagen: wenigstens in sein geniales – Drehbuch?, das er uns hinterlassen hat, ähm, werfen würdest.

Luca zuckte kaum merklich zusammen. Konnte es sein, dass Hull ihn durchschaut hatte? Neinnein, wie könnte dieser selbstverliebte Spinner je hinter die Gedanken anderer Leute spähen. Gedanken interessierten ihn sehr wohl, wie wir wissen. Aber nur in Bezug auf ihre grundlegenden Funktionen und Konsequenzen. Konkrete Inhalte hingegen waren ihm zu gewöhnlich. Solche hatte Hull ja in seinem eigenen Hirn schon reichlich zu begutachten. Was kümmerten ihn da die Sorgen und Nöte anderer Leute? – Dann plötzlich dämmerte ihm: Lisa. Seine Schwester, natürlich! Dabei hatte sie ihm doch versprochen, nichts zu verraten. Dieses Miststück. Nun durfte sich Luca aber umso mehr nichts anmerken lassen.

Nun, wir wissen ja, ein Drehbuch für jedes Wimpernzucken, das wäre zu aufwendig. Es genügen ein paar Grundgesetze und schon dreht sich alles folgerichtig im Kreis. Wir müssten doch in der Lage sein, aus der Mathematik der Gegenwart die richtigen Zahlenfolgen für die Zukunft abzuleiten.

Luca, die Fibonacci-Folge taugt, um das Wachstum einer Kaninchenpopulation zu simulieren, immerhin. Aber sobald eine Seuche oder eine Jagdgesellschaft dazwischenschiesst, bricht die elegante Prophezeiung schon entzwei.

Ja, aber wenn wir unseren Quantencomputer mit allen relevanten Formeln füllen und noch ein paar schnöde Fakten oben drauf geben, dann könnten wir doch… Ich meine, wir haben doch all die rekursiven Systemebenen, all die Emergenzen studiert. Das, was die Clowns da draussen dann einfach Autopoiesis nennen, wir kennen die wahren Hintergründe. Selbstorganisation, schön und gut. Dennoch gibt’s dafür Regeln. Hull, lass uns das ganz grosse Drehbuch rekonstruieren!

Hm, ja, Luca. Ich denke, ich rufe gleich Steven Alien Spielzwerg an und frag ihn mal, wie man ein wirklich geniales Drehbuch schreibt. Okay?

Das natürliche Driften der Gedanken

Hull trat ans Fenster. Kein Fenster zum Hof und die Aussicht war auch sonst nicht so Spannung verheissend. Aber immerhin ermöglichte dieser Blick ein bisschen Weitsicht, hinaus in die wuselige Welt, die doch so schwer zu durchschauen war. Sein Auge blieb an einem Lieferwagen auf der entfernten Umfahrungsstrasse kleben. Gedankenverloren folgte er diesem Gefährt, bis es hinter dem nahen Gebüsch des Nachbargrundstücks verschwinden musste. Doch dann kam schon der nächste Kleintransporter.

Und so betrachtete Hull eine Weile das Fliessen des Verkehrs. Dieses unaufhörliche Kommen und Gehen von Fahrzeugen, welche Personen, aber zur Hauptsache Dinge, ganz viele Dinge, transportierten. Dinge, die Menschen brauchten oder einfach nur begehrten. Das alles lief fortwährend ab, wir wissen es, nicht ohne Reibung, aber doch erstaunlich gut. Die ganze Warenherstellung, der Transport, die Verteilung und letztlich der Konsum – alles lief täglich wie nach Plan, aber eben ohne Plan. Das heisst, natürlich gab es so kleine – Plänchen, winzige Ausschnittspläne sozusagen. Also so was wie zum Beispiel ein Transportplan: Fahrzeug X fährt zunächst A an, dann B, dann C. Und nicht umgekehrt. Wir wissen warum. Aber das ist nicht die Frage. Die Frage ist, warum das grosse Ganze – trotz der erwähnten gesellschaftlichen Reibungen – so leidlich gut funktionierte. Denn ein Gesamtplan existierte nicht. Niemand steuert all diese Fahrzeuge oder sonst was. Und das war doch erstaunlich. Denn würde man sich eine komplexe Gesellschaft am Reissbrett oder am PC ausdenken, ohne Erfahrung mit dieser Materie zu haben, dann würde man wahrscheinlich mit einem gigantischen Plan beginnen. Man würde versuchen, alles von oben nach unten durchzuorganisieren. Topdown auf Neudeutsch. Damit sicher kein Mangel herrsche, zu keiner Zeit. Damit es gerecht und effizient zu und her gehe.

Das wurde ja tatsächlich versucht. Wir kennen diese Fünfjahrespläne, die gelenkte Wirtschaft. Von oben nach unten durchnummeriert und strukturiert. Auf dem Plan sah immer alles gut aus. Dass es in der Praxis nicht funktionierte, ist bekannt. Nur über das Warum des Scheiterns streiten sich die Leute. Viele meinen, es habe mit falschen Leuten am falschen Schalter zu tun, oder mit Moral. Doch Hull war sich sicher, dass die passende Antwort aus der Neurobiologie stammen musste. Maturana und Varela erklärten, wie Zellen, Metazeller, wie schliesslich auch der Mensch sich selbst organisierten, um es ganz einfach auszudrücken. Die Selbstorganisation funktioniert im Reich der Biologie. Neue Strukturen sind die Folge, sie tauchen auf, müssen sich und ihre Organisation in wiederkehrenden Prozessen bewähren. Milliarden von Körperzellen werden nicht zentral, sondern autonom durch ein Wechselspiel von Genom und Signalen von aussen gesteuert. Und doch greift alles wunderbar ineinander – dank der Zauberkräfte der Evolution. Und so driften diese biologischen Einheiten durch Raum und Zeit, verändern sich, neue Systemebenen „erscheinen“ und machen alles noch komplizierter.

Die menschliche Gesellschaft, das ist eine solche neue Systemebene. Eine der kompliziertesten. Konnte sie denn anders als durch das Prinzip der Selbstorganisation zum Laufen gebracht werden? Die Frage, wie man das Wirtschafts- und Sozialleben steuern müsste – die Antwort müsste zuerst zu weiteren Fragen führen: Wie funktioniert es denn aktuell im Detail? Welche Eingriffe gibt es mit welchen Folgen? Wie sah bisher die Evolution all dieser Strukturen und Funktionen aus? Zum Beispiel die Frage nach dem Staat: wieviel davon ist denn – richtig? Braucht es etwa gar keinen? Was wäre, wenn Anarchie herrschen würde? Würde etwas Staatsähnliches von selbst wieder entstehen? Das andere Extrem, den totalitären Staat, kennen wir schon. Welche anderen Systeme sind noch relevant für die Ausgangsfrage, also der nach Steuerung und Eingriffen? Die „Umwelt“, die „Moral“? Welche Interaktionen gibt es zwischen diesen Systemen? Was ist die grundlegende Währung der Gesellschaft? Ist es die Kommunikation, der Informationsaustausch? Wie verhalten sich die „Zellen“ der Gesellschaft, die einzelnen Menschen zueinander, wie unter welchen Bedingungen? Die bange letzte Frage war, wohin steuern all die Gesellschaften auf diesem Planeten? Atomkrieg, Überbevölkerung, Hungersnöte…

Endet alles in einer grossen zentralistischen Diktatur? Wäre das nicht vollkommen absurd? Aber möglich?

Hull dachte: Warum komme ich bloss auf solch nostalgische Gedanken beim Betrachten des LKW-Verkehrs da draussen? Ja, das waren schon reichlich alte Fragen, zweifellos. Aber von brauchbaren, fruchtbaren Antworten schien die Menschheit immer noch ein Stück entfernt zu sein.

Es klingelte. Mit einem hörbaren Plopp stieg Hull aus seiner sich immer schneller drehenden Gedankenwolke und stapfte zur Tür. Der Postbote hatte sein Kommen jedoch gar nicht erst abgewartet. Vor der Tür stand nur ein grosses Paket mit der Aufschrift: Vorsicht – zerbrechlich. Hull sah dem davonbrausenden Lieferwagen nach und lächelte.

Being Luca Malkovich

Luca starrte auf Hulls Zettel: Da kommt man einmal nicht vorbei und was geschieht?

Was denn, Luca?

Na, was ich da lese, deine Notiz von gestern. Die Lieferung des neuen Bioreaktors, beziehungsweise deine abgedrifteten Gedanken beim Warten auf diese Fracht.

Was ist damit?

Hull, all diese systemtheoretischen Phraseologismen, das ist nichts, was uns irgendwie weiter bringt, nichts was irgend jemand interessieren könnte.

Und? Das ist mir doch egal. Was sich in meinem Hirn abspielt, ist ja immer noch meine Sache. Manchmal ordnen sich die Dinge im Hinterstübchen neu, da kann man nicht viel dagegen tun.

Ja, wie im Traum, scheint mir. Träumst du eigentlich mit offenen Augen? Offensichtlich.

Hm, vielleicht könnte man die ganze Kognition, du hast Recht, Luca, vielleicht müsste man, ich meine nur so als Metapher…

…Was?

Ich dachte ja nur.

Ich weiss nicht, Hull. Mir träumte – und das meine ich nicht als Metapher – oh, nein, das war ein echter Alptraum letzte Nacht. Also, mir träumte, ich sei ein Androide, ein gut geölter zwar, aber doch einer mit vorhersehbaren Reaktionen. Quasi ein programmierter Roboter mit Mittelschulabschluss. Immerhin.

Na, da hast du ja ausnahmsweise mal was Vernünftiges geträumt.

Echt? Aber ich sage doch, es fühlte sich nicht an, als würden wir bloss über eine Metapher reden. Also Zombie, Androide, du weisst schon, als Bild für den geistigen Zustand der Unfreiheit. Neinnein.

Das ist falsch formuliert, Luca. Ich mache mir Sorgen, wenn du so schluderst. Es geht nicht um Unfreiheit. Unfrei sind wir doch alle. Das ist offensichtlich. Nur ein Narr denkt, er sei völlig frei im Denken. Der Punkt ist die Frage, ob du hinreichend determiniert bist, so dass deine Kognition nicht mehr zu unterscheiden wäre von der des bestmöglichen Androiden.

Ja, Nein. Okay, Hull. Ich denke ich brauche eine Pause.

Eine Pause wovon?

Hull…?

Ja.

Äh, wäre es möglich…

…dass ich äh, dass ich wirklich, ich meine, hast du mich etwa… verdammt, bin ich ein Androide?!?

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