Das Boot

Hull setzte sich an seinen Experimentiertisch und fächerte ein Kartenspiel auf. Er bedauerte, dass ihn Luca heute nicht besuchen kam. Nun würde er gleich eines seiner zahllosen Notizhefte zur Hand nehmen, um irgendwelche Theorien, die inzwischen längst Allgemeingut geworden sind oder es zumindest hätten sein können, wiederzukauen. Man konnte ihm immerhin zu Gute halten, dass er zu Beginn des Jahres 2013 lebte. Insofern fehlte ihm ein gewisses Quäntchen an Erfahrung und – ja, wohl auch die Reife, die wir als Leser nun endlich geniessen.

Hull brütete über seinem Heft, das die Nummer 27 trug. Dann, nachdem er sich fünf Minuten in seinem kaum beleuchteten Ego-Tunnel versenkt hatte, begann er zu notieren: Konstruktion und Emergenz sind die Zauberworte. Tatsächlich ist das Bewusstsein von etwas, vielmehr schon die Wahrnehmung von etwas, also von etwas da draussen, ausserhalb meines Körpers, nur ein Konstrukt. Wenn ich dieses verdammte Notizbuch als ein solches wahrnehme, so nur als das perfekte Konstrukt, die perfekte Nachahmung, so dass ich diesen Kopiervorgang, diesen Betrug gar nicht wahrnehme. Oder anders gesagt: Meine Sinnesverarbeitungen sind dank dem ganzen Hürdenlauf meiner Ahnen im Laufe der Evolution derart vervollkommnet worden, dass wir am Wahrnehmungsvorgang nicht leiden. Wie beispielsweise beim Treppensteigen sich inzwischen einiges an rheumatischem Ballast bemerkbar macht. Nein. Ich meine, abgesehen von der Lesebrille, das ist ja nicht gemeint. Vielmehr: Wir merken nicht, dass wir überhaupt, wann und wie wir wahrnehmen. Das Ganze geht einfach zu schnell. Ein unglaublicher Kartentrick. Und wenn wir denken, wir hätten den Trick durchschaut, dann hat uns der Magier längst wieder von neuem getäuscht. Das Konstrukt des Notizblocks ist nicht als Konstrukt erkennbar. Es ist eben nicht wie im Film, wenn die Subjektseite des Terminators gezeigt wird, also seine Sicht auf die Welt, als hätte er eine alte Filmkamera im Kopf und seine Bilder derart flimmern, so dass es auch der letzte Zuschauer zu begreifen vermag, dass hier eine Maschine in die Runde glotzt.

Natürlich hat er so eine im Kopf. Und wir Menschen eben auch. Doch unsere ist raffinierter, wir brauchen an der Wahrnehmung nicht zu leiden, solange wir gesund sind. Wir sind tatsächlich überzeugt, unmittelbar mit diesem blöden Notizblock in Kontakt zu stehen. Die Vermittlung, dieser Konstruktionsprozess ist unbewusst, was eigentlich ganz nützlich ist. Man stelle sich vor, man hätte Probleme bei der visuellen, taktilen und auditiven Wahnehmung, vergleichbar mit Hulls rheumatischen Schmerzen beim Treppensteigen? Man würde sich fragen, bin ich denn kein Mensch, bin ich ein Androide? Natürlich würde man sich die Frage anders stellen.

Vielleicht käme man dann wie von alleine auf die Idee der Emergenz. Das klingt jetzt so fremd. Aber im Italienischen zum Beispiel ist es Alltagssprache: Dall’acqua è emersa la carcassa di un animale. Na, also: Aus dem Wasser ist ein Kadaver aufgetaucht. Der Kadaver ist in unserem Fall – unser Bewusstsein, das wie ein U-Boot aus der Hirnaktivität aufgetaucht ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s