The little Dings

Lucas Augen schienen mit dem Bildschirm verschraubt zu sein. Seit Stunden glotzte er unaufhörlich hinunter in die Abgründe der virtuellen Welt jenseits dieses sonderbaren „Coworking Space“. Ab und an entlockte er seiner Maus ein leises Klicken. War er noch bei Bewusstsein oder träumte er von – wer weiss das schon.

Lisa sass an ihrem Pult und liess Würfel kullern. Sobald diese still standen, notierte sie fleissig das Ergebnis auf ein Blatt, dass schon randvoll mit Zahlen war. Sie schien zufrieden und lächelte in sich hinein.

Hull beobachtete die beiden abwechselnd und, naja, wir können es wohl erraten, da stiegen bereits erste Zweifel in ihm auf. Zweifel am Sinn des Ganzen.

Aber das sagt sich so daher. Was ergab denn überhaupt Sinn?

Gewiss, es gab jene Glücklichen, die ihre Sehnsucht ohne Abstriche dem Absoluten widmeten. Jene, die ihre Automatismen, ihre Maschinenhaftigkeit, ihre Zielstrebigkeit für farbige Luftblasen ein für alle mal überwunden hatten. Wäre man so ein Zen-Meister oder sonst so ein Verrückter, dann müsste man sich bestimmt keine Gedanken mehr machen, wie es gelingen könnte, einfach mal zur Ruhe zu kommen, sich selbst zu vergessen, sich mit dem ganzen Universum zu vereinen – mit einem Wort Erleuchtung zu erlangen. Aber war denn dieses „Nichts“ der alten Meister nicht doch bloss ein anderer Name des „Seins“? War das „Nichts“, diese allgegenwärtige Bedrohung des „Seins“, nicht doch der Ursprung aller metaphysischen Befragungen, die dem „Sein“ schliesslich eine fröhliche, aber paradoxe Existenzberechtigung aufstempelten? All diese stürmischen Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer hat das ganze Zeug hier gemacht? Und warum und wozu ist der ganze Kram hier direkt vor meiner Nase? Vor allem: Warum läuft nicht alles rund und warum gewinnt nicht immer meine Fussballmannschaft? Müsste eigentlich nicht alles viel, viel einfacher sein? Und so weiter.

All diese Fragen und Zweifel tauchten nur deshalb auf, da war sich Hull sicher, weil man das „Nichts“ nicht gründlich genug verstanden hat. Möglicherweise nur deshalb. Es war klar, er musste sofort eingreifen.

Lisa, Luca, Zeit für ein Meeting. Wir wollen mal die Zwischenergebnisse beleuchten.

Meeting, okay. Bin gleich so weit.

Muss das jetzt sein? Ich hab grad ne Glückssträhne. Die Würfel fallen öfter mal so, wie ich’s mir vorher ausdachte. Wenn ich das unterbreche, dann…

Okay, was haben wir?

Das fragt jeweils der Kommissar, wenn er endlich als letzter am Tatort erscheint.

Wir müssen vorankommen. Also berichtet bitte, was eure Recherchen so zu Tage gefördert haben. Schliesslich wart ihr nun stundenlang an der Front, ja, oder vielmehr am Abgrund der menschlichen Existenz. Lisa, du zuerst.

Ich, äh, ich habe gewürfelt!

Und? knurrte Hull.

Nun, die Ergebnisse waren vorhersehbar, zunehmend, würde ich sagen. Irgendwie ist das Problem beim Würfeln, dass es – ziemlich beschränkt ist.

Beschränkt?

Ja, nie gibt es zum Beispiel Null oder mit drei Würfeln komme ich nie über 18 hinaus. Diese Grenzen werden mit der Zeit ein wenig öde. Das lullt die Spielerin ein. Das ist wie Superlearning. Sie würfelt und würfelt und würfelt. Alles endet zuverlässig zwischen drei und 18.

Und? Was schliesst du daraus?

Gamification.

Gamification…?

Ja. Wir müssen noch eins drauf setzen. Wir sind Spieler. Alles ist nur ein Spiel. Warum machen wir nicht noch viel mehr Spiel draus? Die Leute würden Spass haben. Lasst sie richtig mitfiebern, Ranglisten erstellen, Preise gewinnen…

Hm. Luca. Was sagst Du?

Preise? Ich weiss nicht. Zu teuer.

Nein, ich meine, was hast du rausgefunden.

Ach so. Ich hab Blogs angeschaut.

Blogs…?

Ja, ich weiss, das ist heute nicht mehr ganz so angesagt. Twitter, Instagram und so Kurzfutter ist jetzt tonangebend. Aber in Blogs findet man am ehesten noch Spuren, wie die Leute wirklich ticken.

Und? Wie ticken sie so?

Wie der Zeitgeist, würde ich sagen. Es geht primär um Liebe, Harmonie, Authentizität, ja, ein bisschen Spiel auch, aber vor allem um ganz viele Wohlfühldinge. Man ist lieb zueinander in der virtuellen Welt. Also, es geht mehr denn je um die ganz grossen Sehnsüchte.

Okay. Dann weiss ich jetzt wenigstens, was wir alles verkehrt gemacht haben.

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