Rosa

Wieder war da dieses riesige gleißende Hafenbild, diese geschmacklose Ikone einer mediterran-industriellen Ödnis mit dem ominösen Neonschriftzug CYPRUS. Diesmal wusste ich, wo ich war. Nein, keine Tagträume mehr. Jetzt ging’s ums Ganze. Das war mir verdammt klar. Also, keine Schwächen zeigen (In der interpersonalen Abwehr meiner Schwächen bin ich ja ein ausgekochter Meister des Fachs – zum Glück!).

Wir müssen da endlich Struktur reinbringen. In Ihre Schreibe. Sie drohen sich sonst zu verzetteln. Das ist Ihnen hoffentlich klar. Deshalb habe ich einen Vorschlag ausgearbeitet, wie Sie jetzt weiterkommen können. Ich denke, das werden Sie zu schätzen wissen. Gerade jetzt, wo Sie ja aus der Psychiatrischen kommen.

Aus der Psychiatrischen. Wer spricht denn so? Nicht dass mir der Umstand unangenehm war, nur die Wortwahl. Ich hätte Klapse oder sowas verwendet. Und auch Schulte-Kötter ergänzte in sanftmütigem Ton:

Dass Sie in der Psychiatrischen waren, ist, das müssen Sie mir glauben, das ist überhaupt kein Problem, weder für mich – dabei sprach ihre Mimik vom puren Gegenteil – noch für unser aufgeschlossenes Lesepublikum. Ich will nicht undifferenziert über die Nähe von Genie und Wahnsinn parlieren, aber verstehen Sie, Herr Ate, die Psychiatrische, das gibt Ihnen erst die richtige Aura als spinnerter Autor, wenn Sie verzeihen, aber ich meine, wenn man solche SF- und Fantasy-Geschichten schreibt, wie Sie das tun, dann bewegt man sich doch eher jenseits der Norm, wenn Sie verstehen, was ich meine. Also, kommen wir zur Sache.

Ihren ausgearbeiteten Vorschlag.

Genau, Herr Ate. Die Erzählstränge, die Sie eröffnet haben, sagen wir’s mal so, es sind einfach zuviele. Ganz abgesehen von der zeitlichen Reihenfolge dieser Ereignisse, die Sie da angerissen haben. Wir haben da die gute Eva auf der Flucht, den Mr. Big oder Fletcher oder wie Sie den nennen wollen, in verschiedenen Stadien gestrandet, einmal sogar bei Ihnen in der Schreibstube, einmal bewusstlos beim Staatsanwalt, einmal mit einem Androiden, wie hieß der noch gleich?

Buzzi.

Buzzi, ja. Haha. Ha. Ja, der Name, der war gut. Und dann mit seiner Exfreundin, wenn ich das richtig verstanden habe. Und hier wollen Sie einen neuen Krimi starten? Er will Sie also umbringen, weil sie natürlich weiß, wer er in Wirklichkeit ist? Nicht wahr? Dabei haben Sie doch schon eine hübsche Kommissarin lanciert, diese Jill, oder bring‘ ich jetzt etwas durcheinander?

Polizistin, sie ist einfach Polizistin. Aber die beste ihres Fachs und sie wird den Fall lösen, da bin ich mir absolut sicher. – Oder auf Englisch: Detective; ich mag englische Namen und Rangbezeichnungen in Krimis.

Dr. Rosa Schulte-Kötter blickte von ihren Notizen auf und heftete ihre Pupillen in mein Gesicht. Es schmerzte. Sie sah aus, als sähe sie ein Alien vor sich.

Dann sind da noch diese authentischen Szenen in der Psychiatrischen – die sind gut, die müssen unbedingt ganz in den Vordergrund der Geschichte – dann Ihre Bea und was war da noch?

Victor.

Ja, dieser Barkeeper. Gut, ohne Barkeeper, das ginge gar nicht. Muss ich zugeben. Aber diese Linien, die laufen nicht mal parallel, die laufen auseinander und drohen sich zu verlieren. Wenn Sie verstehen?

Verstehe, Frau Schulte.

Ach, Ate.

– Was…?

Dr. Rosa Schulte-Kötter blickte düster vor sich hin und durch mich durch. Ein schwerer Seufzer erfüllte den Raum, was mir vielleicht bewusst machen sollte, dass auch ein Lektorenjob nicht gerade der einfachste sei.  Sie stand auf und zeigte ihre ganze Leibesfülle, in weiten anthrazitfarbenen Stoff gehüllt. Sicher vom Allerfeinsten, doch das konnte ich nicht beurteilen. Der Griff zur Cognacflasche im Regal hinter ihr verriet eine gewisse Routine.

Sag Rosa zu mir, Tom. Sie knallte ihr Glas gegen meins, sagte zum Wohl und leerte es in einem Zug.

Ich gaffte sie an. Irgendwie habe ich mit allem gerechnet nur nicht damit.

– Äh, Rosa, ja. Denn – mal zum Wohl. Ich blickte auf das Glas mit der ungewohnten Flüssigkeit drin.

Tom.

Ja?

Der Vorschlag.

Ja?

Nun. Wir stellen dir einen erfahren Auftragsschreiber zur Seite. Ich hab‘ da einen ganz feinen Kerl an der Angel. Der wird aus diesen Schnipseln im Nu einen Bestseller formen. Was sagst du?

Ich war platt.

Kann mir schon vorstellen, dass du dich erst an den Gedanken…

…Nee, Frau Schulte, äh, Rosa. Da spiel‘ ich nicht mit. Ich schreib‘ meine Geschichte selber zu Ende. Ich lass‘ mir da nicht reinpfuschen. Dieser Ghostwriter hat doch keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Aber ich, ich hab‘ doch schon alles fertig.

Fertig? Ja wo denn?

Da oben drin, halt. Muss nur noch in die Tastatur fließen, das ist alles.

Noch ein schwerer Seufzer.

Wir haben einen Vertrag, stimmt’s?

Stimmt, Tom.

Na, also. Geht doch.

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